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Fake-Profile im Internet: Echte Liebe für eine Fälschung

Monatelang schreibt sich Victoria mit einer Internetbekanntschaft, bei Twitter und Facebook - rund um die Uhr. Sie verliebt sich in ihren Kai. Er erwidert es. Dann erfährt sie: Ihr Kai ist ein Fake.

Gefälschte Fotos, erfundene Freunde und Gefühle, die nur vorgetäuscht sind: Dass Victoria Schwartz auf ein Fake-Profil im Internet reingefallen ist, kann sie heute selbst kaum glauben. Monatelang hatte sie sich über Twitter und Facebook mit Kai, wie sich der Bekannte im Netz nannte, über die persönlichsten Dinge ausgetauscht. Kai sei Physiotherapeut, stamme aus Münster und sei momentan in den USA, schrieb er. Nach einigen Wochen gestand Kai, er habe sich in Victoria verliebt. Auch sie empfand so. Der Mann schickte ihr Liebesbriefe und massenhaft teure Geschenke.

Nach einer Weile freundete sich eine Freundin von Victoria auf Kais Facebook-Seite sogar mit einem seiner Freunde an. Auch dort begann ein Flirt, doch die Freundin wollte schnell mehr wissen und forschte nach: Einwohnermeldeamt, Arbeitgeber - niemand kannte den Mann. Victoria erfuhr: Ihren Kai gibt es gar nicht. Auch den Facebook-Freund nicht. "Warum macht sich jemand so viel Mühe, betreibt diesen ganzen Aufwand, investiert so viel Zeit und Geld? Wofür? Was war das Ziel hinter der ganzen Aktion?", schreibt die 45-Jährige Kommunikationsdesignerin in ihrem Blog, den sie über ihre Erlebnisse verfasst hat. Victoria stellte ihren Internetfreund per Skype zur Rede. Der gestand weinend, dass Kai eine Erfindung sei – und erfand dann eine weitere Identität.

Victoria blieb misstrauisch. Gemeinsam mit dem Journalisten Martin Fischer leistete sie Detektivarbeit: Hinter dem Profil von Kai, sowie mehreren anderen, steckte in Wirklichkeit eine Psychologin, die in den USA lebt und arbeitet. Ihr Fake war kleinlichst durchdacht. "Sie hatte, wenn sie geskypt hat, vorher immer ein Programm gestartet, das ihre Stimme verstellt hat, und das klang dann wie ein Mann", erklärt der Journalist. Das Motiv: Sie fühle sich zu Frauen hingezogen und könne das im Süden der USA nicht ausleben, rechtfertigte sich die Frau. Einem Gespräch mit Victoria Schwartz hat sie sich bis heute entzogen.

Für die Internetliebe reiste er bis nach New York

Eine ähnliche Geschichte erlebte Claus Groß: Als er 2009 bei der Internet-Plattform "Wer kennt wen" surfte, poppte ein Profil auf "Ohne Bild – sonst verliebt Ihr Euch noch in mich", hieß es dort. Das machte ihn neugierig. Er begann sich, mit dieser Christina zu schreiben, sie chatteten ausgiebig bei Facebook, telefonieren stundenlang. Irgendwann gestanden auch sie sich, sie seien ineinander verliebt. Doch wenn es zu einem Treffen kommen sollte, passierten stets seltsame Dinge: Christina kam ins Krankenhaus, dann zog sie nach New York, selbst ein Gedächtnisverlust sei im Spiel gewesen, erinnert sich Claus.

Vier Jahre lang bleibt es bei Telefonaten und Chats – bis zu zehn Stunden am Tag verbrachte der 24-jährige Bauzeichner dafür am Computer oder am Telefon. Dass die Identität seiner Internetliebe nur erfunden war fiel erst auf, als Claus sie in New York treffen wollte. Denn auch dort war seine Chrissy unauffindbar. Dann erhielt Claus von einem Freund den Link zu der Internetseite realfakes.net, die Victoria Schwartz über Identitäts-Fakes ins Internet gestellt hat.

Die Expertin riet Claus Groß, die IP-Adressen von Christinas Mails zu überprüfen. Es stellte sich heraus: Alle E-Mails, auch die aus der New Yorker Zeit, kamen aus Kaiserslautern und Rodenbach. Als Claus das Handy seiner Christina durch eine Detektei orten ließ, befand auch das sich in der Nähe von Kaiserslautern, anstatt in den USA. Auch Claus Groß hatte sich in eine falsche Identität verliebt. Eine bittere Erfahrung, die Victoria Schwartz und Claus Groß nicht alleine machten: Mehr als 150 Betroffene meldeten sich bisher über die Internetseite bei Victoria Schwartz: "Das ist dann eine Form von Liebeskummer, ganz real. Man hat jemandem Zeit gewidmet und diese Person existiert nicht. Natürlich ist das ein wirklich großer Kummer. Aber ich habe ganz schnell versucht, diese Energie in etwas Positives umzuwandeln. Ich wusste, das ist mein Thema, da will ich was machen, da muss aufgeklärt und gewarnt werden."

Immer den Realitäts-Check machen

Viele glückliche Paare haben sich im Internet kennengelernt. Es kann der Beginn einer wunderbaren Romanze sein. Außerhalb des Internets wäre ein Betrug in diesem Umfang jedoch kaum möglich. Deshalb solle man frühzeitig den "Realitäts-Check" machen, rät Victoria Schwartz. Wenn jemand jedes Treffen vereitele, solle man zumindest misstrauisch sein und Nachforschungen anstellen. So empfiehlt die Expertin beispielsweise die Nutzung von Bildersuchmaschinen, mit denen man Fotos hochladen und die Person vergleichen und identifizieren kann. Darüber hinaus könne man über die Website ip-Tracker herausfinden, wo der letzte Zugriffspunkt eines E-Mail-Absenders gewesen sei.

Ihre Tipps hat Victoria Schwartz auf ihrer Internetseite detailliert beschrieben. Dennoch weist sie, die selbst Opfer eines Fakes wurde, darauf hin: "Das Internet ist großartig!" Sobald jedoch Gefühle im Spiel sind, sollten Beziehungen schnellstmöglich ins echte Leben geholt werden.