HOME

30 Jahre nach Entführung: Fall weiter rätselhaft: Wurde für den Tod von Ursula Herrmann der falsche Täter verurteilt?

Der Tod von Ursula Herrmann wirft bis heute Fragen auf. Das 10-jährige Mädchen war 1981 am Ammersee entführt worden und erstickte in einer Kiste unter der Erde. Ob allerdings der richtige Täter dafür im Gefängnis sitzt, lässt selbst Ursula Herrmanns Familie noch immer zweifeln.

Es passierte fast genau vor 37 Jahren, am 15. September 1981. Ursula Herrmann ist gegen 19:15 Uhr mit ihrem Fahrrad unterwegs nach Hause. Sie kommt vom Turnen und nimmt eine Abkürzung über das Feld. Durch das Waldgebiet direkt am Ufer des Ammersees sind es nur zwei Kilometer bis zum Elternhaus in Eching.  Doch die Zehnjährige kommt nie dort an. "Wir wussten nicht, was los ist. Warum kommt sie nicht nach Hause? Man macht sich alle möglichen Gedanken. Und am dritten Tag war klar, dass es eine Entführung ist", erinnert sich Ursula Herrmanns Bruder Michael, der damals 18 Jahre alt war. "Bei uns ist das passiert, was andere Leute als Krimi anschauen."

Am 4. Oktober 1981 wird Ursula Hermanns Leiche weggebracht

Der 4. Oktober 1981. Ursula Herrmanns Leiche wird in einem Zinksarg weggebracht. 19 Tage hatten Polizisten nach dem Mädchen gesucht.

Im zweiten Erpresserbrief wird die geplante Übergabe der zwei Millionen D-Mark beschrieben

Im zweiten Erpresserbrief wird die geplante Übergabe der zwei Millionen D-Mark beschrieben

Picture Alliance

Ursula Herrmann wird auf ihrem Heimweg angehalten und betäubt, dann geht es etwa 800 Meter durch den Wald. Sie wird in eine Kiste im Waldboden gesetzt und vergaben. Es gibt Süßigkeiten, Getränke, Western-Hefte, Licht – das Mädchen soll offenbar dort warten. Doch das dilletantisch erdachte Belüftungssystem der Kiste versagt: Ursula Herrmann lebt nur noch kurze Zeit in der Box unter der Erde.

Die Eltern des Mädchens erhalten zuerst seltsame Anrufe, bei denen aus einer Telefonzelle das aufgezeichnete Verkehrsfunksignal von Radio Bayern 3 abgespielt wird. Ansonsten schweigt der Anrufer. Es kommen Erpresserbriefe, die aus Zeitungsschnipseln zusammengeklebt sind: Man verlangt zwei Millionen Mark Lösegeld. Als die Mutter bei einem der Anrufe ein Lebenszeichen ihrer Tochter haben will, bricht der Kontakt ab. Die Entführer lassen nichts mehr von sich hören.

19 Tage nach ihrem Verschwinden wird Ursula Herrmanns Leiche gefunden. Das Mädchen hatte keine Chance. Laut Michael Herrmann habe sie davon zum Glück nichts mitbekommen, so die Erkenntnisse: "Von der Auffinde-Situation her kann man recht deutlich belegen, dass sie wohl schon betäubt in die Kiste reinkam. Es waren auch sonst keine Befreiungsspuren sichtbar. Insofern können wir davon ausgehen, dass sie von ihrem Sterben gar nichts mitbekommen hat." 

In dieser im Boden eingelassenen Kiste stirbt Ursula Herrmann 1981, wenige Stunden nach ihrer Entführung

In dieser im Boden eingelassenen Kiste stirbt Ursula Herrmann 1981, wenige Stunden nach ihrer Entführung

Picture Alliance

Knapp 30 Jahre nach den Ermittlungen werden Indizien neu bewertet

Michael Herrmann ist davon überzeugt, dass der Mann, der für den Tod seiner Schwester im Gefängnis sitzt, nicht der richtige Täter ist. Er sucht den wahren Schuldigen. "Ich habe den Eindruck, dass die Justiz den Fall nicht wirklich aufklären will, sondern nur abschließen", so der heute 55-Jährige zu stern TV. Die Polizei tappte damals vollkommen im Dunkeln: Der Tatort wurde nicht richtig gesichert, die Ermittlungen verliefen fehlerhaft – es war sogar von einem Spurenvernichtungskommando die Rede. Jahrelang hatte die Polizei den oder die Entführer nicht ermitteln können.

Der Tod von Ursula Herrmann gilt juristisch gesehen als erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge. Nach 30 Jahren droht Verjährung. Im Februar 2009, kurz vor Ablauf dieser Frist, begann vor dem Augsburger Landgericht doch noch ein Prozess. Der Angeklagte war Werner Mazurek, ein Fernsehtechniker, der zum Tatzeitpunkt verschuldet und polizeibekannt war. Er galt schon lange als verdächtig. Und bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei schließlich ein Tonbandgerät in Mazureks Wohnung, das laut LKA-Gutachten 'wahrscheinlich' für die Erpresseranrufe verwendet worden sein soll. Mazurek behauptet bis heute, das Tonband erst 2007 auf einem Flohmarkt gekauft zu haben. Auch Michael Herrmann hat Zweifel, dass dieses Indiz Mazurek als Täter entlarven soll: Die Bayern 3-Melodie, die bei den rätselhaften Anrufen ertönten, hätten mit dem Tonband zuvor aus dem Radio aufgezeichnet werden müssen, um dann, so Michael Herrmann, "auf ein Diktiergerät überspielt zu werden. Von dort in einer Telefonzelle durch den Telefonhörer zu meinen Eltern, um dort wiederum auf ein Gerät der Polizei aufgenommen zu werden. Das ist ein sehr langer Weg. Daraus Rückschlüsse ziehen zu wollen, halte ich nicht für seriös."

Indizien deuten anderes Täterprofil an

Obwohl gegen Mazurek weiter keine klaren Beweise vorlagen, wurde der Mann festgenommen. Es existieren lediglich eine widerrufene Aussage eines kleinkriminellen und laut Unterlagen der Polizei aus den 80er Jahren nicht glaubwürdigen Zeugen, der noch dazu inzwischen verstorben ist, und einige wenige Indizien, die auf Mazureks Mittäterschaft hinweisen könnten.  Er sei zum Täter gemacht worden, weil man es ihm von seiner Skrupellosigkeit und seinen Voraussetzungen her zugetraut habe, sagt der Anwalt von Werner Mazurek. In einem Indizienprozess wurde er 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt. Für die Familie von Ursula Herrmann bleiben mehr Fragen als Antworten. Sie seien nicht zu einer echten Überzeugung gekommen, dass der Verurteilte wirklich zum Täterkreis gehöre, der seiner Schwester das angetan habe, so Michael Herrmann. "Meine Zweifel waren von Anfang an da", so der heute 55-Jährige. "Er wirkte für mich wie einer, der von seiner Unschuld überzeugt ist, obwohl er nicht drüber gesprochen hat." Zudem habe Mazurek ihm seit 2009 immer wieder Briefe aus dem Gefängnis geschrieben; der längste ist 18 Seiten lang. "Er macht das an einigen Stellen recht deutlich, dass er mit dem Fall nichts zu tun hat. Einmal hat er mir auch einen Lügendetektor-Test geschickt, den er erfolgreich absolviert hatte."

Michael Herrmann klagte vor einem Zivilgericht, damit der Fall noch einmal aufgerollt wird. Dafür wendete er einen juristischen Trick an, indem er von Mazurek wegen eines Tinitus infolge des anstrengenden Strafprozesses Schmerzensgeld forderte. "Ich habe nichts mit dem Tod seiner Schwester zu tun", beteuerte der Verurteilte im Februar in diesem Zusammenhang noch einmal. Ihm wurde nicht geglaubt. Das Gericht weigerte sich, den umfangreichen Fall Herrmann neu aufzurollen – es fühlte sich instrumentalisiert. Um den Fall neu aufzurollen, bräuchte man also neue Beweise, um die Michael Herrmann bemüht ist. Die Londoner Wissenschaftlerin Dr. B. Zipser hat die original Erpresserschreiben analysiert und kommt zu dem Schluss, "Herr Mazurek ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der Verfasser", so Zipser. Zudem hatte die Polizei auf einem der Briefe Durchdruckspuren von einer mathematischen Aufgabe aus der gymnasialen Oberstufe gefunden – für Michael Herrmann weitere Hinweise, dass der wahre Täterkreis ein ganz anderer ist. "Es gibt mehrere Punkte, die für einen jugendlichen Täterkreis sprechen. Auch Dinge, bei denen man sich denkt: Wie kommt man nur auf die Idee? Das ist eigentlich kein erwachsenes Denken." Mit den starken Indizien, die für damals jugendliche Täter sprechen, hofft Ursula Herrmanns Bruder,  dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen doch noch einmal aufnimmt und den Tod seiner Schwester nach über 37 Jahren doch noch richtig aufklärt.

Sitzt der falsche Täter im Gefängnis? Was die aktuellen Recherchen von Michael Herrmann ergeben haben udn wie es in dem Fall weitergeht, könne Sie sich hier im Studiogespräch mit dem Bruder von Ursula Herrmann noch einmal ansehen: