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Unglück bei Fallschirmsprung: Wie Dennis König einen Absturz aus über 1000 Metern überlebte

Es war Dennis Königs 39. Fallschirmsprung, Angst hatte er schon lange nicht mehr. Doch es geschah das Unerwartete: Sein Fallschirm öffnete sich nicht richtig, Dennis König stürzte aus fast 1000 Metern Höhe nahezu ungebremst zu Boden. Seine einzige Chance: ein Fichtenwald. 

Dennis König bei einem seiner früheren Sprünge

Dennis König bei einem seiner früheren Sprünge

Es ist der Albtraum eines jeden Fallschirmspringers, und Nichtspringer fürchten das sowieso: Wenn sich der Schirm nicht öffnet, passiert unweigerlich das Unvermeidliche. Man stürzt nahezu ungebremst zu Boden. Ein Todesurteil.

Dennis König hat vor ein paar Jahren mit dem Fallschirmspringen angefangen, auf dem Flugplatz Rennefeld im Sauerland wollte er seine Fallschirmspringerlizenz machen. Die ersten 38 Sprünge hatten reibungslos geklappt, König zeigte Talent. Am 20. August 2016 sollte sein 39. Sprung sein, die Wetterbedingungen waren gut. Er ließ sich mit dem Flugzeug auf 1500 Meter bringen und sprang. Nach einigen Sekunden freiem Fall zog er die Reißleine seines Fallschirms. "Da habe ich gemerkt, dass der Schirm viel zu schnell aufging und viel zu klein war und nur teilweise geöffnet. Und er war mir viel näher. Sonst liegen bis zum Schirm zwei, drei Meter. Ich hatte das Gefühl, ich könnte ihn berühren", so der 32-Jährige. Für so einen Ernstfall gibt es zwar einen Reserveschirm. Doch wenn auch dieser nicht funktioniert? Bei Dennis König ging einfach alles schief, auch der Notfallschirm verhedderte sich. "Das Abtrennen des Hauptschirms hat nicht geklappt und der Reserveschirm ging in den anderen rein und hing dort fest."

Dennis König war binnen Sekunden klar: "Ok, das war's. Es war ein schönes Leben. Einen dritten Schirm habe ich nicht." Er konnte nichts mehr machen, nur zusehen, wie er der Erde immer näher kam. "Mir war klar: Wenn du auf dem Boden aufschlägst aus der Höhe – was willst du erwarten? Tot. Ich habe nur gehofft, dass ich das nicht mitkriege, dass es schnell geht. Ich hatte Angst vor den Schmerzen, bevor ich sterbe."

Absturz endete in 12 Metern Höhe

Während Dennis König auf die Erde zuraste und sich innerlich von seinem Leben verabschiedete, entdeckte er in einiger Entfernung seines vermeintlichen Aufschlagpunktes einen Fichtenwald. Seine einzige Chance, dachte er. Doch: Ein Ziel im freien Fall ohne Fallschirm anzusteuern ist eine Kunst. Dennis König schaffte es irgendwie, sich in der Luft in Richtung Wald zu wenden.

Ein paar hundert Meter vom Flugplatz entfernt lebt Dr. Arnold Geueke. Der Arzt war gerade bei der Gartenarbeit, als er ein ungewohntes Flattergeräusch hörte und den Fallschirmspringer dann abstürzen sah. "Man sieht sofort, ob sich die Matratzen, also die Fallschirme geöffnet haben, oder nicht", so Geueke, der sich damals sofort seine Arzttasche schnappte und in Richtung Unglückstelle fuhr. Er rechnete mit dem Schlimmsten und wurde überrascht. Dennis Königs Fallschirmabsturz endete in 12 Metern Höhe in einer Fichte. Er lebte – schwer verletzt. Sein rechter Arm war fast abgetrennt, ein offener Bruch. Der andere Arm war ebenfalls gebrochen, sowie ein Oberschenkel. Er hatte innere Blutungen und Rippenbrüche. Er verlor immer mehr Blut aus seiner Armwunde. Und er hing fast unerreichbar in einem hohen Baum. Obwohl Feuerwehr, Krankenwagen und Polizei bald vor Ort waren, gestaltete sich die Rettung schwierig – sie hatten Probleme, Dennis König aus dem Baum  zu bergen. "Die haben mir natürlich Mut zugesprochen, sagten: 'Versuch dich festzuhalten.' Nur wie sollte das gehen? Ich hatte beide Arme gebrochen, ich konnte meine Hände nicht bewegen. Ich konnte mich nur mit dem linken Fuß auf einem Ast abstützen", erzählt König. Die Minuten verstrichen und der junge Mann fühlte seine Kräfte schwinden. "Ich habe alles mitbekommen, die Schmerzen waren heftig. Dann habe ich in einen Ast gebissen, das war der Versuch die Schmerzen loszuwerden und wach zu bleiben."

"Jetzt habe ich den Sprung überlebt – und sterbe in dem Baum"

Die Rettungskräfte versuchten alles, um an den Verletzten heran zu gelangen, der Feuerwehrkran kam nicht dorthin, eine Leiter reichte nicht aus. "Dann kam einer auf die Idee, dass in der Nähe ein Baumkletterer wohnt", erzählt Dr. Geueke. Dennis Königs Rettung! Der Mann kam, kletterte hoch zu ihm, sicherte ihn und half ihm aus der riesigen Fichte.  Insgesamt hatte der verunglückte Fallschirmspringer fast eine Stunde blutend und schwer verletzt in dem Baum gehangen. "Ich dachte die ganze Zeit: Jetzt habe ich den Sprung überlebt – und sterbe in dem Baum."

Doch Dennis König starb nicht. Ein Rettungshubschrauber, der schon bereitstand, brachte ihn in die Siegener Klinik. Dort empfing ihn ein 13-köpfiges Notfallteam. Die Ärzte konzentrierten sich zunächst auf seinen immensen Blutverlust und die lebensbedrohlichen Verletzungen. In zwei weiteren Operationen retteten sie Königs rechten Arm vor einer Amputation.

Fünf Tage nach dem Absturz wachte Dennis König wieder auf. Heute, gut 15 Monate später, sitzt er bei stern TV. Es sind Narben geblieben, auch auf der Seele, und ein taubes Gefühl im rechten Arm. Doch: Für einen Absturz aus fast 1000 Metern grenzt das an ein Wunder. Die Fallschirmspringerlizenz will Dennis König jetzt nicht mehr zu Ende machen. "Ich will das Glück nicht noch einmal herausfordern."



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