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Florian Henckel von Donnersmarck: "Ich kann den Berg noch einmal erklimmen"

Mit seinem Spielfilmdebüt "Das Leben der Anderen" gewann Florian Henckel von Donnersmarck den Oscar. Im Interview mit stern TV spricht der Regisseur über den plötzlichen Ruhm und seine Ambitionen in Amerika.

Wie erlebten Sie diesen Moment, als Ihr Film den Oscar bekam?
Zuerst wurde ja dieser Zusammenschnitt von 50 Jahren bester fremdsprachiger Film gezeigt. Das war ein Beitrag von ein bis zwei Minuten. Als ich all diese Filme sah, die mir so viel bedeuten, die heute noch so wichtig sind, da wurde mir erst einmal klar, um was es bei der Oscarverleihung geht. Als tatsächlich "Das Leben der Anderen" verkündet wurde, bewegte mich das sehr. Vor allem weil mir klar war, in welche Gesellschaft ich dort gestellt werde.

War das der größte Moment ihres Lebens?
Nein, das wäre ja seltsam, wenn der größte Moment meines Lebens ein Moment wäre, den ich selber nicht unter Kontrolle habe. Das waren ja andere Menschen, die die Entscheidung getroffen hatten. Die größten Momente sind für mich die, in denen mir irgendetwas einfällt; wenn ich merke, dass diese oder jene Idee wirklich gut ist. Und wenn man eine Frau und bald drei Kinder hat, dann geschehen da auch sehr große Momente. Die Oscarverleihung kann ich jetzt nicht ansatzweise auf eine Stufe stellen mit der Geburt meiner Kinder. Sie war sehr, sehr schön und irgendwie unvergleichlich, aber mein Emotionspegel hat schon extremer ausgeschlagen.

Hat sich ein Lebenstraum erfüllt - oder hat er erst begonnen?


Es hat sich für mich sehr viel verändert dadurch, dass ich jetzt fast überall erkannt werde. Zum Beispiel war ich neulich in der Sauna, natürlich lebt so ein Saunaerlebnis davon, dass alle anonym sind. Plötzlich kamen Leute auf mich zu, die sich danach mit mir fotografieren lassen wollten. Aber ich sehe das positiv, dass die Menschen sich für meine Filme interessieren, dafür mache ich das ja.

Wie sind Sie auf die Idee für den Film gekommen?
Ich hatte einmal beim Musikhören plötzlich dieses Bild vor Augen von einem Mann, der diese wunderschöne Beethoven-Musik eigentlich wider Willen hört. Von einem Mann, der in einem trostlosen Raum sitzt mit Kopfhörern auf den Ohren und jemand anderen überwacht, gar nicht erwartet, dass ihn genau diese Musik dazu führt, dass er seine Ideologie hinterfragt. Die Grundidee für diese Geschichte hatte ich schon 1997, ich habe sie an einem Abend einfach runtergeschrieben. 2001 fand ich in meinem Schrank diese Idee wieder. Ich recherchierte dann eineinhalb Jahre über das Thema Stasi. Dann habe ich meinen Onkel angerufen, der Abt eines Zisterzienser-Klosters bei Wien ist, und gefragt, ob er mir für einen Monat eine Zelle zur Verfügung stellen könnte. Dort habe ich die erste Fassung zu Papier gebracht.

Wie wichtig war Ulrich Mühe für Sie?


Die Rolle von Hauptmann Gerd Wiesler ist sehr schwer zu spielen, weil sie wirklich überhaupt keine körperliche Bewegung hat. Das ist eine Rolle, die man sehr stark von innen heraus spielen muss. Das musste ein sehr künstlerischer Schauspieler sein, da gibt es nicht so viele. Wenn man diese Tiefe spielen will, dann muss man sie auch haben - Ulrich Mühe hat sie.

Gab es bei den Dreharbeiten unerwartete Schwierigkeiten?
Schwierig war es, diesen Film in einer so kurzen Drehzeit, in 38 Drehtagen, auf die Beine zu stellen. Deshalb musste ich alles ganz genau planen. Es war kein Raum für Improvisation.

Hatten Sie zwischendurch Zweifel?


Ich hatte fast drei Jahre an dem Drehbuch gearbeitet. Keiner wollte den Film realisieren: Alle sagten, der Stoff sei zu düster, zu intellektuell. Ich meinte: "Unterschätzt das deutsche Publikum nicht, wir sind ein sehr gebildetes und anspruchsvolles Volk. Ich glaube nicht, dass die Leute nur Komödien sehen wollen." Dann waren die Schauspieler bereit, für nur 20 Prozent ihrer Gage zu spielen.

Ist Hartnäckigkeit eine Ihrer Stärken?


Wenn Du immer Deine Segel nach den Wind stellst, wirst Du nie einen Kontinent entdecken. Du wirst zwar schneller vorankommen, aber nie an unerhört extreme Orte kommen. Ich hätte bei lauter kleineren Filmen, die auf ihre Weise auch attraktiv waren, Regie führen können. Aber ich dachte mir, dass ich dann nie dorthin komme, wohin ich will. Ich will mich nicht einordnen lassen. Ich will in das Extrem.

"Da kommst Du nicht mehr drüber", hat Steven Spielberg zu Ihnen gesagt. Was kann jetzt noch kommen?
Viele Menschen denken, dass ich jetzt irgendwie verunsichert bin und wahnsinnige Angst habe vor dem nächsten Schritt. Aber ich weiß doch genau, wie ich dahin gekommen bin. Ich bin jeden Schritt dieses Berges selber hoch gelaufen. Ich kann den Berg auch noch mal erklimmen. Ob das dann noch einen Oscar gibt, hängt nicht nur von mir ab. Ich bin überzeugt davon, dass ich mich auch noch verbessern werde als Regisseur und als Autor.

Werden Sie nach Amerika gehen?


Wir leben ja heutzutage in so einer kleinen Welt, dass man auch an vielen verschiedenen Orten leben kann. Wim Wenders hat das ja schon vorgemacht, dass man gleichzeitig in Amerika und hier eine starke Präsenz haben kann. Ich will natürlich diese Chancen nutzen, die sich mir da jetzt bieten. Es gibt dort großartige Schauspieler, die ausgedrückt haben, dass sie mit mir arbeiten wollen. Man kann dort einfach in anderen Dimensionen arbeiten. Aber ich will die Verbindung nach Deutschland nicht aufgeben. Ich will auch nicht, dass meine Kinder irgendwann kein Deutsch mehr können.

Über welche Reaktionen haben Sie sich besonders gefreut?


Ich merke manchmal, dass die Menschen wirklich berührt sind, wenn sie aus dem Kino kommen. Dass ich den Menschen ein Gefühl für den Reichtum des Lebens gegeben habe: Das ist doch das schönste, was man erreichen kann!

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