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Flüchtlingslager Moria: Traumatisiert und allein gelassen: So sehr leiden die Flüchtlingskinder auf Lesbos

Hilfsorganisation schlagen Alarm: Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist hoffnungslos überfüllt, 7000 Menschen leben dort unter katastrophalen Zuständen. Vergessen und zurückgelassen. Die rund 3000 Kinder leiden besonders unter der Situation. So sehr, dass viele von ihnen nicht einmal mehr leben wollen. Eine dringend notwendige Reportage.

Hilflos und allein gelassen irrt dieser kleine Junge im Lager umher - auf der Suche nach Schutz und Beschäftigung.

Hilflos und allein gelassen irrt dieser kleine Junge im Lager umher - auf der Suche nach Schutz und Beschäftigung.

Der Kontrast auf dieser griechischen Insel könnte nicht größer sein: Zum einen traumhafte Strände und 250 Sonnentage – ein Urlaubsparadies. Zum anderen ein Flüchtlingslager mit Zuständen, die kaum schlimmer sein könnten. Es ist das Zuhause von tausenden Kindern. Kinder, die krank sind und keine Hoffnung mehr haben. Immer wieder gerät das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos in die Schlagzeilen. Hilfsorganisationen schlagen Alarm, warnen vor einer humanitären Katastrophe. "Mit Menschenwürde hat das nichts mehr zu tun", sagt die freiwillige deutsche Helferin Fabienne Morcinietz.

Moria ist eine offizielle Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge und war ursprünglich nur als Zwischenstation geplant. Das Lager hat Platz für 3000 Menschen, doch tatsächlich leben dort 7000 – viele von ihnen außerhalb der Zäune in einer inoffiziellen Zeltstadt. Meist sind es Eltern mit ihren Kindern. Manche von ihnen sind schon über ein Jahr dort. Dabei hatte die Europäische Union im Zuge des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei versprochen, dass die Verfahren für die Menschen auf Lesbos nur wenige Tage dauern sollen. Das Lager ist jedoch hoffnungslos überfüllt, die hygienischen Zustände sind völlig unzureichend und geradezu gesundheitsschädlich. Etwa 80 Menschen teilen sich eine Toilette. Es gibt kaum Möglichkeiten, sich zu Waschen. Noch dazu steht der Winter bevor.

Wenn sich Zehnjährige schon umbringen wollen

Die rund 3000 Kinder – die sich weitgehend selbst überlassen sind – leiden besonders unter den katastrophalen Bedingungen. stern TV-Reporterin Sophia Maier hat die Familien auf Lesbos besucht und ihr Leben dokumentiert: An einem Ort, der ihnen eigentlich Hilfe bringen sollte, werden sie erneut traumatisiert, sagt auch Fabienne Morcinietz: "Das ist das Unfaire. Ich bin in Deutschland geboren. Und nur, weil jemand woanders geboren wurde, musste er oder sie jetzt fliehen. Es wurde den Kindern alles weggenommen: Das Haus, materielle Sachen, vielleicht auch Familienmitglieder. Und dann kommen sie hier hin. Sie kommen, um wenigstens Frieden zu finden, um Sicherheit zu finden. Aber in der Realität finden sie hier etwas ganz anderes vor." Die Kinder haben nichts zum Spielen, beschäftigen sich mit dem, was herumliegt. Sie fühlen sich allein, einsam, haben Angst. "Manche von den Leuten trinken Alkohol und sind nicht bei Sinnen. Die laufen umher, verfolgen und belästigen einen. Das haben die mit anderen gemacht. Davor habe ich Angst", erzählt die 11-jährige Pariya aus Afghanistan. Das Mädchen fürchtet sich davor, allein zur Toilette zu gehen. Sie habe Angst vor den Männern, Angst, dass sie sie mitnehmen.   

Die psychischen Folgen für die Kinder sind verheerend: Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" hat in den letzten fünf Monaten über 20 Fälle von sexueller Belästigung behandelt, die Hälfte waren Minderjährige. Cordula Haeffner aus der Kinderklinik berichtet zudem, dass sich viele selbst verletzten: "Wir haben Kinder gesehen, die Suizidgedanken haben. Wir sehen Kinder, die sich selbst verletzen, die sich ritzen oder sich und anderen gegenüber aggressiv sind. Was das für ihr Leben und für ihre Entwicklung bedeutet, ist schwer zu sagen. Aber es ist beängstigend." Laut "Ärzte ohne Grenzen" haben fast ein Viertel der Kinder und Jugendlichen, mit denen die Mitarbeiter Therapiegespräche führten, schon versucht oder daran gedacht, sich selbst zu verletzen oder gar umzubringen. "Anstatt dass sie in Europa Schutz und Hilfe bekommen, werden sie Angstsituationen, Stress und weiterer, auch sexueller Gewalt ausgesetzt", so der medizinische Koordinator Declan Barry.

Krankheiten, Hunger und sexuelle Übergriffe

In der Kinderklinik werden täglich bis zu 120 Kinder behandelt. Ein kleiner Junge kommt mit Bauchschmerzen und Fieber. Der Fünfjährige sei einer von vielen, die mit diesen Symptomen hergebracht werden, sagt Krankenschwester Cordula Haeffner. Durchfallerkrankungen und Erbrechen seien an der Tagesordnung. "Das schlimmste Szenario aber ist, dass Kinder in den Zelten erfrieren." Die Menschen bekämen bei ihrer Ankunft eine Decke. Doch auch auf Lesbos hat der Winter Minusgrade, Wind und Feuchtigkeit werden den Menschen zusetzen. "Und wir haben auch Neugeborene, kleine Kinder in den Zelten."

Nicht nur in der inoffiziellen Zeltstadt leben viele Kinder – auch im offiziellen Teil des Lagers. Umgeben von meterhohen Betonmauern und Stacheldraht. Die Bewohner nennen es das "Gefängnis", da die Eingänge streng bewacht werden. Reporterin Sophia Maier trifft auch drinnen auf etliche Kinder. Die meisten sind allein unterwegs. Zurzeit regnet es unaufhörlich bei eisigen Temperaturen. Zwischen die ursprünglichen Wohncontainer haben sich hunderte Zelte gequetscht, es gibt kaum Platz zum Durchgehen. Das Lager ist völlig überfüllt, verdreckt und schlammig. Die 11-jährige Parisa erzählt, dass sie oft Hunger hat. Ihre Mutter ist mit zwei Kindern allein im Lager und kann sich nicht jeden Tag stundenlang an der Essensausgabe anstellen. Die Familie ist seit 13 Monaten dort. Wartend auf ein Asylverfahren, nicht wissend, ob, wann und wie es weitergeht. Auch Parisa hat permanent Angst. Sie habe erlebt, wie ein fremder Mann ihre Freundin missbrauchen wollte, erzählt sie: "Wir haben gesehen, wie er ihr den Weg abgeschnitten hat und sie in den Wald mitnehmen wollte. Sie hatte große Angst und ist in Ohnmacht gefallen. Egal welches Mädchen hier allein unterwegs ist – das machen sie mit ihnen."