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Tragödie statt Familienglück: Mutter entband ein gesundes Baby – als sie schon hirntot war

Dominik Lemcke muss nun Vater und  Mutter von drei Kindern sein: Seine hochschwangere Frau Franziska starb urplötzlich an einer Hirnhautentzündung. Die Ärzte konnten ihr Baby noch gesund auf die Welt holen, obwohl Franziska da bereits klinisch tot war. Die Familie muss ihr Schicksal mit dem Neugeborenen nun alleine meistern.

Mitte Februar feierten sie noch eine Babyparty für ihr ungeborenes Kind: Die schwangere Mutter Franziska (25) mit ihrer Familie.

Mitte Februar feierten sie noch eine Babyparty für ihr ungeborenes Kind: Die schwangere Mutter Franziska (25) mit ihrer Familie.

Franziska Lemcke war bereits hirntot, als ihr Baby zur Welt kam. Die 25-jährige werdende Mutter war mit Kopf- und Nackenschmerzen ins Krankenhaus gekommen, wo sich ihr Zustand binnen Minuten verschlechterte. Eine viertel Stunde später erkannte sie ihren eigenen Mann schon nicht mehr, schließlich fiel sie ins Koma. Die Ärzte stellten eine Pneumokokken-Meningitis fest, eine besonders schwere Form der Hirnhautentzündung. Nur einen Tag später war Franziska Lemcke hirntot. Unter lebenserhaltenden Maßnahmen retteten die Ärzte das Leben ihres Kindes noch per Kaiserschnitt. Das etwa neun Wochen zu früh geborene Mädchen ist gesund. 

Dominik Lemcke erlebt nun Glück und große Trauer gleichzeitig. Das Familienglück hätte eigentlich perfekt sein sollen. Doch seine Frau ist tot. Zwei Tage nach der Geburt musste er sie gehen lassen. Seine Tochter nannte er Leonie-Franziska. Sie ist das dritte Kind der Familie, die beiden Söhne sind erst zwei und fünf Jahre alt.

Franziska Lemcke (25) bei ihrer Baby-Party Mitte Februar. Die Familie freute sich sehr auf das Mädchen.

Franziska Lemcke (25) bei ihrer Baby-Party Mitte Februar. Die Familie freute sich sehr auf das Mädchen.

Zwei Wochen zuvor hatte Dominik Lemcke für seine Frau und die Familie noch eine Baby-Überraschungsparty organisiert. Zwei Tage später klagte Franziska über Kopf-, Ohren- und Nackenschmerzen. Am nächsten Tag wurden die Schmerzen so schlimm, dass die werdende Mutter ihren Mann anrief, der den Notarzt verständigte. Im Krankenhaus ging alles rasend schnell. "Innerhalb von 10 Minuten hat sich das Leben von uns allen für immer verändert", sagt Dominik Lemcke. Der Zustand seiner Frau verschlechtert sich bereits während der Untersuchung. "Sie sollte einen ganzen Satz sprechen, und da kam nur noch ein halber Satz raus", sagt er. "Daraufhin hab ich mich vor sie gestellt und sie gefragt, wer bin ich. Da kam dann schon gar nichts mehr. Aber ich wollte trotzdem eine Antwort und hab sie dann gefragt: Soll ich gehen? Da hat sie mich angeschaut und mich an sich gerissen und gesagt 'Mmh!". Das war das Letzte, was ich von ihr hatte."

"Man muss funktionieren"

Die Pneumokokken-Meningitis von Franziska verlief verheerend: Eigentlich handelt es sich bei Pneumokokken um harmlose Bakterien, die häufig im menschlichen Rachen zu finden sind. Ist das Immunsystem jedoch geschwächt, können die Pneumokokken in die Blutbahn gelangen und zum Gehirn gelangen, wo sie eine Entzündung der Hirnhäute auslösen. Durch den Schwellungsdruck sterben Hirnareale ab. Die Folge: Lebenswichtige Organe versagen. "Es ist ein katastrophaler Einzelfall, der uns die Grenzen der Medizin zeigt", sagt Prof. Dr. Herweg Gerlach, Intensivmediziner der Vivantes-Klinik in Berlin. "Es  ist in diesem Fall alles richtig gemacht worden und trotzdem ist es zu diesem schrecklichen Ende gekommen."

Dominik Lemcke muss seitdem Vater und Mutter für seine Kinder sein. Die beiden Jungs begreifen noch nicht, was genau passiert ist. Ihr Vater schickt sie vormittags wieder in den Kindergarten. Er habe ihnen erklärt, dass Mama jetzt ein Engel ist. Er selbst wolle den Kindern nicht zeigen, wie schlecht es ihm geht: "Man muss funktionieren. Ich hätte es mir selbst nicht zugelassen, in dieser Situation – egal wie schwer sie war oder auch noch ist – dass ich da zusammenbreche. Denn das Schlimmste wäre, wenn die Kinder sehen, dass der Papa auch keine Kraft mehr hat", sagt Dominik Lemcke.

Der dreifache Vater hatte kurz zuvor eine neue Ausbildung zum Straßenbahnfahrer begonnen, die er nun abgebrochen hat, um für seine drei Kinder da zu sein. Besonders seine neugeborene Tochter Leonie-Franziska braucht ihn jetzt. Vormittags geht er jeden Tag für zwei Stunden zu ihr in die Klinik. Das kleine Mädchen muss dort noch im Wärmebettchen liegen, doch Körperkontakt ist genauso wichtig. Leonie wiegt jetzt schon über 1700 Gramm. In zwei Monaten kann sie zu ihren Brüdern nach Hause. "Ich bin glücklich dass ich sie hier habe und sie sich wohl fühlt," sagt ihr Vater. "Aber ich empfinde auch unendliche Trauer, dass meine Frau nicht mehr da ist – und dass meine drei Kinder ihre Mama jetzt nicht mehr haben."