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30 Jahre danach : Gladbecker Geiseldrama: Warum manche Opfer das Trauma bis heute nicht überwinden können

Vor genau 30 Jahren passierte es: Frühmorgens im Ruhrgebiet wurde eine Bank überfallen. Banküberfälle hat es seitdem weitere gegeben, keiner aber mündete in einem derartigen Drama – dem Gladbecker Geiseldrama.

Johnny Bastiampillai saß als Kind im entführten Bus

Johnny Bastiampillai saß als Kind im entführten Bus

Es passierte vor genau 30 Jahren, frühmorgens im Ruhrgebiet: Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner überfielen eine Filiale der Deutschen Bank. Seitdem hat es in Deutschland noch weitere Banküberfälle gegeben. Kein Bankraub jedoch mündete in einem derartigen Drama – dem Gladbecker Geiseldrama. Bis heute ein traumatisches Kapitel deutscher Geschichte.

Auf ihrer Flucht nahmen die beiden Männer damals Bankangestellte als Geiseln und wechselten mehrmals das Fluchtfahrzeug – bis sie in Bremen schließlich einen Linienbus mit 32 Insassen kaperten. In Bremen, Haltestelle Huckelriede. Die Bremer Polizei griff nicht ein. Stattdessen posierten die Verbrecher für Fotografen, gaben Interviews, ließen sich filmen – selbst im Bus wurden Aufnahmen gemacht.

"Das ist wie eine Brandmarke im Gehirn"

Auch der siebenjährige Johnny Bastiampillai saß an jenem 16. August 1988 mit seiner Mutter in dem Bus. "Ich kann mich noch erinnern, wie die mit der Kamera auf mich draufgehalten haben", erzählt er. "Ich dachte nur: Warum passiert das jetzt und warum kommt die Polizei eigentlich nicht, wenn anscheinend jeder hier reinkommen kann?"

Die Geiseln im Bus waren starr vor Angst.  Johnny Bastiampillai brauchte Jahre, um überhaupt wieder in einen Bus steigen zu können. Der damals Siebenjährige musste mit ansehen, wie einer der Geiselnehmer plötzlich die Waffe auf einen Jungen vor ihm richtete – und abdrückte. Der 14-jährige Emanuele De Giorgi starb durch einen Kopfschuss. Vor den Augen der Geiseln, vor den Augen der anderen Kinder. "Das vergisst man einfach nie", sagt der heute erwachsene Bastiampillai. "Das ist wie eine Brandmarke im Gehirn. Und man erlebt das immer wieder, wie eine Endlos-Schleife."

"Man fühlt sich als Opfer zweiter Klasse"

Wer unter Todesangst steht, ohnmächtig Augenzeuge von schrecklichen Ereignissen wird, erleidet ein tief sitzendes Trauma, sagt Psychiater Dr. Michael Hase. Zwar hätten Menschen die Chance, das Erlebte zu verarbeiten und zu bewältigen, "wenn aber eine solche traumatische Erfahrung in uns steckenbleibt, dann bleibt sie über Jahre, manchmal über Jahrzehnte."

Johnny Bastiampillai und seine Mutter haben ihr Trauma bis heute nicht verarbeiten können. Auch, weil sich offenbar keiner für die überlebenden Geiseln interessierte. "Man hat uns echt alleine gelassen. Und das Gefühl habe ich noch immer. Man fühlt sich als Opfer zweiter Klasse", so der inzwischen 37-Jährige, der erstmals offen vor der Kamera über das Drama spricht.

Der Bus war damals durch die Nacht geirrt, kreuz und quer durch die Republik, verfolgt von der Polizei. Ein Polizist starb dabei durch einen Unfall mit einem LKW. Erst am nächsten Morgen in den Niederlanden ließen Degowski und Rösner die Geiseln bis auf zwei Frauen frei. Die befreiten Opfer waren übermüdet, nervlich am Ende und wurden dennoch von Medienvertretern bedrängt. Nachdem sie mit einem Bus nach Bremen zurückgebracht worden waren, wurden sie kurz von Politikern und Verwaltungsleuten begrüßt. Danach sei eigentlich nichts mehr passiert, sagt Johnny Bastiampillai. Es habe sich niemand mehr wirklich um sie gekümmert. 30 Jahre lang nicht. In Bremen verlor das Thema an Interesse. Keiner wollte sich für die unbestritten passierten Fehler während der Geiselnahme für mitschuldig erklären lassen. "Die Fehler der Polizei wurden nie richtig zugegeben", sagt der ehemalige Abgeordnete der Bremer Bürgerschaft Michael Thomas. "Keiner hat die Verantwortung übernommen, ist zu den Opfern gegangen und hat sich entschuldigt von Seiten der Polizei. Weil die alle Angst um ihre Karriere hatten, oder dass es Entschädigungen kostet, dass es Prozesse geben könnte."

"Da kam keiner. Außer Journalisten."

Die letzte Irrfahrt der Geiselnehmer führte über Köln – bis das Drama auf der A3 endete. Eine der Frauen in ihrer Gewalt wurde dabei erschossen. Silke Bischof überlebte diesen Tag letztlich doch nicht. Die übrigen Geiseln des Gladbecker Dramas mussten das Geschehene selbst aufarbeiten. In Gladbeck, in Bremen, in Köln. Es wurde viel diskutiert, über Fehler der Polizei, der Verwaltung, der Medien. An die überlebenden Opfer dachte man nicht. Es sei alles gesagt, man wolle damit abschließen, hieß es bald danach. "Die Öffentlichkeit und die Opfer wollen aber auch 30 Jahre danach noch Antworten haben", sagt Michael Thomas. 

Der damals siebenjährige Johnny Bastiampillai ist Arzt geworden. Er hat eine Familie, ein hübsches Haus – es hat sich in den vergangenen 30 Jahren vieles verändert. Die Fragen jedoch, die er sich damals im Bus gestellt hat, seien auch bei ihm aber bis heute geblieben. "Im Bus war für mich einfach nicht verständlich, warum der Gute jetzt nicht kommt und hilft? Das habe ich nie verstanden. So wie im Fernsehen eben. Da kam keiner. Außer Journalisten."

Studiogespräch vom 15.08.2018: Opfer des Gladbecker Geiseldramas: "Es hat uns 30 Jahre lang keiner Hilfe angeboten"