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Geschäftsbeziehung mit Lidl: "Das passt nicht zu Greenpeace"

Warum bezahlt Lidl Hunderttausende Greenpeace-Magazine, ohne sie weiterverkaufen zu können? Bei stern TV erklärten Vertreter von der Umweltschutzorganisation und dem Discounter ihre ungewöhnliche Geschäftsbeziehung.

Von Sönke Wiese

Seit dem Sommer 2006 legt der Discounter das Greenpeace-Magazin in seinen Filialen aus, anfangs pro Ausgabe insgesamt 150.000 Hefte. Doch die Kundschaft interessiert sich wenig für das Ökoblatt. Nach Schätzungen von Lidl-Angestellten wandern 80 bis 98 Prozent der Auflage unverkauft in den Müll. Tatsächlich fanden Kamerateams von stern TV Hunderte der Hefte in Altpapier-Containern eines Lidl-Zentrallagers.

Für Greenpeace trotzdem ein lukratives Geschäft: Lidl verzichtet nämlich auf das sonst übliche Remissionsrecht, unverkaufte Exemplare gehen nicht zurück an den Verlag. Im Klartext: Lidl bezahlt für alle Hefte. Branchenkenner schätzen, dass die Greenpeace Media GmbH so pro Ausgabe mehrere Hunderttausend Euro zusätzliche Einnahmen hatte.

"Neue Zielgruppen erschließen"

Vergangene Woche wollten sich sowohl Greenpeace als auch Lidl nicht in der Sendung dazu äußern. Das sei ein Fehler gewesen, erkannte Greenpeace: "Wir hätten die Einladung annehmen sollen." Nun erklärten Roland Hipp von Greenpeace und Walter Pötter, Generalbevollmächtigter von Lidl, bei Günther Jauch ihre Geschäftsbeziehung. "Wir wollen neue Zielgruppen erschließen", sagte Hipp. Die Lidl-Filialen seien dafür sehr attraktiv. Dass der Großteil des Ökoblatts bislang ungelesen im Altpapier landet, sei bedauerlich: "Das passt nicht zu Greenpeace."

Obwohl Lidl dafür bekannt ist, schlecht verkäufliche Produkte sofort aus dem Sortiment zu nehmen, mache man bei den Umweltschützern keine Ausnahme, sagte Walter Pötter. "Das war ein erster Test mit einem Magazin, wir hatten die Menge zu hoch angesetzt." Dass man auf das sonst übliche Rückgaberecht verzichte, hänge auch damit zusammen, dass man die Kooperation als Versuch sehe.

Inzwischen sei die Lidl-Auflage auf 60.000 Exemplare reduziert worden. Trotzdem bleibt für das Greenpeace-Magazin eine ordentliche Auflagensteigerung von 50 Prozent - allein dank des Lidl-Deals. Vor der Aktion mit dem Discounter lag die Gesamtauflage bei 120.000 Exemplaren, nun bei 180.000. Man werde die Anzahl gegebenfalls weiter verringern. "Wir werden das genau beobachten", verspricht Roland Hipp. Wieviele Hefte man zur Zeit genau verkaufe, konnte Walter Pötter von Lidl nicht sagen.

Lidls Aufstieg in Studien

Bevor es zu der Kooperation kam, war Lidl der Sündenbock in den Pestizid-Studien von Greenpeace. 2005 war der Discounter klares Schlusslicht: Kein anderer getesteter Supermarkt hatte mehr belastetes Obst und Gemüse im Sortiment. 2007 hat sich das Blatt komplett gewendet: Lidl geht als Vorbild aus der Pestizid-Untersuchung von Greenpeace hervor - mit dem am wenigsten verseuchten Obst und Gemüse. Auch stern TV berichtete darüber.

Nach den für Lidl katastrophalen Ergebnissen habe man sich zusammengesetzt, bestätigte Greenpeace. Jochen Schildt, Chefredakteur des Greenpeace-Magazins, sagte zu stern TV, er sei damals auf Lidl zugegangen und habe vorgeschlagen, sein Heft ins Sortiment aufzunehmen. Etwas Anrüchiges daran sieht er nicht.

Die guten Ergebnisse Lidls in der letzten Studie führt die Umweltschutzorganisation auf die "Pestizidbremse" zurück, die der Discounter gezogen habe. Die Prüfung der Supermarkt-Proben jedenfalls würde unabhängig in einem Labor vorgenommen.

"Seele verkauft"

Doch viele Menschen sind empört. Nach dem ersten stern TV-Bericht über die ungewöhnliche Geschäftsbeziehung schrieben Hunderte Briefe und E-Mails an die Redaktion, in Internet-Foren und Blogs begannen die Diskussionen.

Und die Hamburger Morgenpost fragte auf ihrem Titel: "Ist Ökoriese Greenpeace bestechlich?" Die Umweltschützer, die aus Prinzip keine Spenden von Firmen annehmen, hätten ihre Seele verkauft.