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Schulleiter schlagen Alarm: Wenn die Autorität nicht mehr zählt: Werden Lehrer immer öfter angegriffen?

Einer Umfrage des Lehrerverbandes VBE zufolge, gab es in den vergangenen fünf Jahren in jeder vierten Schule in Deutschland körperliche Gewalt gegen Lehrer. Von Mobbing, Beleidigungen oder Drohungen gegen Pädagogen berichtet fast jeder zweite Schulleiter. Nimmt die Gewaltbereitschaft der Schüler zu?

Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband sagt: "Es gibt mehr Grenzüberschreitungen."

Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband sagt: "Es gibt mehr Grenzüberschreitungen."

"Keiner spricht deutlich aus, was wirklich los ist an den Schulen." Das sagt Ingrid Freimuth, eine Lehrerin, die die Entwicklungen jahrelang mit Sorge beobachtet hat. Drohen, Mobben, Attackieren – die Autorität von Lehrern scheint mancherorts nicht mehr viel zu zählen. In Deutschlands Schulen gehen sich die Schüler nicht nur gegenseitig an, auch Lehrer werden Opfer von Aggressionen und Gewalt. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), die Anfang Mai veröffentlicht wurde, berichten von den 1200 befragten Schulleitern 48 Prozent von psychischer Gewalt durch Beleidigungen und anderen Drohungen und Mobbing. Körperliche Übergriffe haben 26 Prozent an ihrer Schule schon erlebt – also an etwa jeder vierten Schule. Die meisten Tätlichkeiten soll es überraschenderweise an Grundschulen gegeben haben.

Emotionale Wut der Kinder entlädt sich in der Schule

Werden Schüler wirklich immer aggressiver gegenüber Lehrern? Nimmt die Verrohung der Kinder zu? stern TV hat die Sonnen-Grundschule in Berlin-Neukölln besucht. Die Schule mit 330 Kindern liegt mitten in einem sozialen Brennpunkt, wo bis zu 70 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Grundschüler kommen aus schwierigsten Verhältnissen, bis zu zehn verschiedene Nationalitäten sind in einer Klasse zusammen. "Wenn ich weiß, dass meine Eltern streiten, weil das Geld nicht reicht. Oder wenn ich verprügelt werde, dann habe ich selber Wut – und diese Wut muss raus", erklärt Schulleiterin Karoline Pocko-Moukoury die Aggressionen der Schüler. "Verbale Respektlosigkeiten sind an der Tagesordnung. Und die tätliche Gewalt passiert im Affekt, wenn die Kinder so außer Kontrolle sind, dass auch schlichtende Lehrkräfte etwas abkriegen. Und bei manchen Kindern wagen wir erst gar nicht dazwischen zu gehen."

Auch untereinander gehen die Schüler teilweise brutal aufeinander los, sagt Karoline Pocko-Moukoury: "Kinder, die auf dem Boden liegen, auf die draufgetreten wird, gezielte Faustschläge ins Gesicht, in den Bauch, Stangen, die sie irgendwo finden und mit denen sie auf Mitschüler losgehen – wenn wir solche Fälle haben, müssen wir auch schon mal das Jugendamt oder die Polizei hinzuziehen." Manche Kinder hätten so viel Gewalt und Übergriffe zu Hause erlebt und derart enorme Verhaltensstörungen und Gewalt an den Tag gelegt, dass sie aus der Klasse und in Obhut genommen werden mussten.

"Du solltest dir deine beiden Arme und Beine brechen"

Ähnliche Erfahrungen machte auch Ingrid Freimuth, der das Thema seit Jahren ein Anliegen ist. Sie war 30 Jahre Lehrerin. Vor allem an Hauptschulen habe sie völlig "entgrenzte" Schüler erlebt, "die keine Regeln einhalten, die ausufern mit aggressiven Verhaltensweisen. Dass selbst junge Kinder absolut respektlos mit ihren Lehrerinnen und Lehrern umgehen."

Was im Unterricht passiert und wie Lehrer vor der Klassen lächerlich gemacht werden, landet heutzutage nicht selten in Form von Videos im Internet, die von den Schülern munter kommentiert werden, etwa: Du solltest von der Treppe runterfliegen und dir deine beiden Arme und Beine brechen. Oder: Meine Lehrerin sieht aus wie eine Hexe. Ich würde sie am liebsten anzünden. / Wir haben ihn mal so fertig gemacht, dass er die Schule gewechselt hat.

Lehrer am Rande des Burnouts – keine Seltenheit mehr. Ingrid Freimuth hat ein Buch veröffentlicht, mit dem sie auf die Problematik aufmerksam machen will. Selbst Waffen in der Schule seien längst nicht mehr nur ein amerikanisches Phänomen. "Die waren erst zehn-elf Jahre alt und kamen nach der Pause angelaufen und sagten 'Der Sowieso hat eine Pistole gezeigt. Die hatte der im Hosenbund'," erinnert sich die 72-Jährige. In Schulen mit derartigen Verhältnissen, wie es in Hauptschulen mittlerweile vorkomme, hätten die Schulleiter ganze Waffensammlungen, so Freimuth, "Metallgegenstände, die Gegnern blutige Schäden zufügen, sogar Messer."

Zu wenig Unterstützung der Schulbehörden für Problemschulen

In der Antoniter-Grundschule in Nimburg eskalierte im März die Situation mit einem auffälligen Schüler und einem Messer: Der Siebenjährige hatte seine Hausaufgaben nicht gemacht und sollte sie auf dem Flur nachholen. Als die Lehrerin nach ihm sah, hatte der Junge ein Messer aus der Bastelecke in der Hand. Beim Abnehmen des Messers kam es zum Gerangel. Die Lehrerin bekam die Klinge in den Bauch – und brach letztlich auf dem Flur zusammen. Der Junge war schon länger auffällig, galt als potenzielle Gefahr, so dass bereits zwei Lehrerinnen beim Schulamt eine sonderpädagogische Überprüfung beantragt hatten – ohne Konsequenzen.

In der Forsa-Umfrage gab jeder dritte Schulleiter an, dass sich das Schulministerium nicht ausreichend des Themas "Gewalt an Schulen" angenommen habe. Die Lehrer der Sonnen-Grundschule in Neukölln haben nun einen Brandbrief an die Bildungssenatorin geschrieben, in dem sie nachdrücklich auf ihre Situation aufmerksam machen: Zu viel Gewalt, zu wenig Personal. An dieser Grundschule sind derzeit von knapp 30 Lehrern acht nicht verfügbar – wegen Dauerkrankheit und Erschöpfung.

Studiogespräch vom 23.05.2018: Studiogespräch Gewalt gegen Lehrer: Ein Schulpsychologe für bis zu 6000 Schüler