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Grundlagenforschung und Tierversuche: Warum und wie Tiere für die Forschung eingesetzt werden

Die Bilder aus den Tierversuchslaboren sind erschütternd. Trotzdem gelten Versuche mit Affen und anderen Wirbeltieren in der Grundagenforschung als unerlässlich. Warum erlaubt der Tierschutz das?

Mit der Grundlagenforschung soll durch Forschung, Versuche und wissenschaftliche Experimente grundsätzliches Wissen über einen bestimmten Bereich zusammengetragen werden. Dabei wird zunächst kein bestimmter Zweck verfolgt. Es geht darum, grundsätzliche Prinzipien und Zusammenhänge in der Natur zu verstehen. Beispielsweise, wie das Gehirn oder die Wahrnehmung funktionieren, wie die Sinne miteinander verknüpft sind oder Reize verarbeitet werden. Die Erkenntnisse sollen später möglichst Ausgangspunkt konkreterer Forschung werden.

Tierschützer kritisieren, dass in der Grundlagenforschung Tierversuche gemacht werden, ohne dass man vorher weiß, ob die gewonnenen Erkenntnisse später einem Zweck dienen, beispielsweise der Entwicklung eines neuen Medikaments.

Sind Tierversuche laut Tierschutzgesetz in Deutschland nicht verboten?

Ja und Nein. Das deutsche Tierschutzgesetz ist im Hinblick auf Tierversuche strenger, als das anderer Länder. Die Paragrafen 7 und 9 (TierSchG) besagen, unter welchen Voraussetzungen Tierversuche auch hierzulande trotzdem erlaubt sind. Etwa zur Erforschung von Krankheiten und Umweltgefährdungen. Die Grundlagenforschung gehört auch dazu – vorausgesetzt, die Versuche wurden durch die zuständige Behörde genehmigt (s.u.).

Verboten sind Tierversuche, die dazu dienen, Waffen, Munition oder Tabakerzeugnisse, Waschmittel oder Kosmetika zu entwickeln oder erproben.

Warum werden überhaupt Wirbeltiere bei Tierversuchen eingesetzt?

Zwischen dem Menschen und manchen Wirbeltieren herrschen biologische Ähnlichkeiten. Deshalb werden die komplizierten Vorgänge des menschlichen Körpers auch an Labortieren erforscht. Alle Zellen und Organe, wie beispielsweise Lunge, Herz, Nieren, Nerven und Gehirn erfüllen bei Zwei- und Vierbeinern die gleichen Aufgaben. Viele Krankheiten des Menschen kommen ebenfalls bei den Tieren vor. An Wirbeltieren soll aber nur geforscht werden, wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt (Zellkulturen, Computersimulation oder bspw. an nieder entwickelten Tieren zu forschen).

Wann sind Tierversuche unerlässlich?

Ein Tierversuch gilt als unerlässlich, wenn ein Forschungsziel nicht ohne den Versuch erreicht werden kann. Könnte die Fragestellung auch auf anderem Wege beantwortet werden, etwa durch den Einsatz von Zellkulturen oder Computersimulationen, dann ist der Tierversuch nicht unerlässlich und muss vermieden werden. Auch dürfen keine Affen eingesetzt werden, wenn der Versuch ebenso gut mit einem "niederen" Tier, etwa einer Ratte oder einem Insekt, durchgeführt werden könnte. Außerdem muss der Versuchsaufbau vorher genau geprüft werden, um die Tiere so gering wie möglich zu belasten.

Darüber hinaus müssen Tierversuche ethisch vertretbar sein. Das bedeutet, dass Versuche an Wirbeltieren, die ihnen längere oder wiederholt Schmerzen und Leid verursachen, nur dann als gerechtfertigt gelten, wenn sie "für wesentliche Bedürfnisse von Mensch oder Tier (einschließlich der Lösung wissenschaftlicher Probleme) von hervorragender Bedeutung sind." (§7, Abs. 3 TierSchG).

Bei der Forschung an wirbellosen Tieren sind nur selten Genehmigungen nötig. Versuche mit Wirbeltiere dagegen sind nur erlaubt, wenn sie vorher unter den obigen Aspekten genehmigt wurden, kurzum: wenn nachgewiesen wurde, dass der Tierversuch für den Forschungszweck unbedingt nötig ist.

Wer bestimmt darüber, welche Tierversuche erlaubt werden?

Forscher, die einen Versuch mit Wirbeltieren planen, müssen einen Antrag bei der zuständigen Behörde stellen (in der Regel Bezirksregierung, Regierungspräsidium). In dem Antrag müssen sie unter oben genannten Aspekten begründen, warum der Versuch für die Beantwortung ihrer wissenschaftlichen Frage unerlässlich ist.

Die Behörde wird durch eine Tierschutzkommission beraten, in der auch Vertreter von Tierschutzorganisationen vertreten sind. Allerdings: Ist die Kommission gegen den Versuch, kann die Behörde ihn trotzdem genehmigen. Kritisiert wird vor allem, dass eine Genehmigung hauptsächlich nach der Plausibilität der wissenschaftlichen Begründung erfolgt.

Die Genehmigungspraxis soll sich in den letzten Jahren etwas geändert haben, seit der Tierschutz als "Staatsziel" gilt und im Grundgesetzartikel § 20a explizit aufgeführt wird. Die Behörden sind seither angehalten, die Anträge für Versuche an Wirbeltieren genauer und objektiver zu prüfen. Ob sich das in allen Behörden durchsetzt und mehr Versuchsanträge kritisch hinterfragt bzw. abgelehnt werden, ist nicht gesagt. Denn auch die Forschungsfreiheit ist gesetzlich verankert. Das macht das Thema Tierversuche nach wie vor so brisant.

Das Max-Planck-Institut

für biologische Kybernetik in Tübingen ist Teil der renommierten Max-Planck-Gesellschaft, einer Forschungsorganisation, die insgesamt 82 Forschungsinstitute mit verschiedenen Schwerpunkten betreibt. Das Institut für biologische Kybernetik in Tübingen beschäftigt sich mit Forschungsfragen rund um das Lernen, der Wahrnehmung und kognitive Prozesse. Um die komplizierten Vorgänge wie das Denken und Erinnern zu erforschen, werden im Rahmen der Grundlagenforschung Verhaltensexperimente mit Tieren, insbesondere Affen, aber auch mit Menschen durchgeführt.

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