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Weitere Opfer des Höxter-Paars: Der ungeklärte Mordfall der Frauke Liebs

Die Täter von Höxter haben einen weiteren Mord gestanden. Ermittler schließen nicht aus, dass es noch mehr Opfer gibt. Hoffnung flammt auf, damit auch den mysteriösen Fall von Frauke Liebs aufklären zu können. Vor allem bei ihrer Familie.

Frauke Liebs (21) verschwand im Juni 2006 in Paderborn. Ihre Leiche wurde im Oktober in einem Waldstück bei Asseln gefunden, knapp 40 Kilometer von Höxter entfernt. 

Frauke Liebs (21) verschwand im Juni 2006 in Paderborn. Ihre Leiche wurde im Oktober in einem Waldstück bei Asseln gefunden, knapp 40 Kilometer von Höxter entfernt. 


Der Fall von Frauke Liebs zählt seit langem zu den mysteriösesten Morden Deutschlands. Und jetzt, zehn Jahre nach dem Verschwinden ihrer Tochter, hat die Mutter Ingrid Liebs wieder Hoffnung, dass das Verbrechen doch noch aufgeklärt werden kann. Unweit von Paderborn in Bosseborn sollen der 46-jährige Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika wochenlang eine Frau gefangen gehalten und misshandelt haben – bis diese schließlich an ihren Verletzungen starb. Die Ermittlungen zu diesem Fall erregen seitdem Aufsehen, zumal das Paar nun gestand, eine weitere Frau aus Niedersachsen getötet zu haben. Die Polizei schließe nicht aus, dass es weitere Opfer gibt und prüfe auch mögliche Parallelen zum Fall von Frauke Liebs, so Ermittler Ralf Östermann von der Polizei Bielefeld.

Anrufe geben Familie Rätsel auf

Frauke Liebs war im Juni 2006 nach einem Kneipenbesuch spurlos aus Paderborn verschwunden. Es war die Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft. Die 21-Jährige hatte mit Freunden das Spiel England gegen Schweden in einem Irish Pub angesehen und sich dann auf den Heimweg gemacht. Die 21-Jährige lebte in einer WG zusammen mit ihrem Ex-Freund Christos Karaoulis, dem sie ihren Schlüssel geliehen hatte. "Ich habe gesagt, ich warte, bis sie nach Hause kommt", erzählt der Mitbewohner. "Normalerweise wäre sie ja gegen elf Uhr zu Hause gewesen."

Vom Irish Pub bis zur Wohnung wären es nur 15 Minuten Fußweg gewesen. Doch Frauke Liebs kam dort nie an. Stattdessen erhielt Mitbewohner Christos um 0:49 Uhr eine SMS von ihrem Handy, in der es hieß: Komme später. Das Spiel war lustig. Nicht gegen EnglandJ. Hab dich ganz doll lieb. Bis später.

Soweit klang das beinahe noch normal. Als Frauke Liebs am nächsten Morgen aber nicht bei ihrer Ausbildungsstelle erschien, erhielt ihre Mutter Ingrid Liebs einen Anruf vom Schulleiter, der sagte, dass auch die Mitschüler nicht wüssten, wo Frauke sein könnte. Ingrid Liebs habe sich gleich Sorgen gemacht, sagt sie. Dieses Verhalten passte nicht zu ihrer Tochter: "Ich war total entsetzt und bin dann ziemlich schnell zur Polizei gegangen." Sie habe sofort gedacht, dass etwas passiert ist.
Fast zwei Tage gab es keine weiteren Lebenszeichen mehr von Frauke Liebs – bis sie sich telefonisch bei ihrem vertrauten Mitbewohner meldete (Gedächtnisprotokoll): "Hallo Christos, ich wollte sagen, dass es mir gut geht und dass ich bald nach Hause komme. Sage Mama und Papa und den anderen Bescheid." Für ihren Ex-Freund war das seltsam, sagt er: "Sie war total benommen am Telefon, hat auch auf Fragen gar nicht reagiert. Und dann hat sie, nachdem sie das gesagt hatte, direkt wieder aufgelegt. Und das war's dann."

Mehrere Tage lang meldete sich Frauke Liebs in ähnlicher Weise telefonisch noch bei Christos Karaoulis, jedes Mal waren die Anrufe verstörend. Frauke Liebs sagte nie, wo sie war oder bei wem.

Mögliche Verbindungen zu den Mordfällen von Höxter

Auch in den aktuellen Ermittlungen in Höxter ist die Rede von Lebenszeichen. So wurde die Mutter der getöteten Annika W. noch nach dem Tod ihrer Tochter im Glauben gelassen, ihr ginge es gut.

Im Fall Frauke Liebs wurden ihre Handydaten bereits kurz nach ihrem Verschwinden von der Polizei angefordert. So konnten die Ermittler feststellen, dass die erste SMS aus einer Funkzelle im ostwestfälischen Nieheim gekommen war, wo sich Frauke Liebs aufgehalten haben musste. Wie sich im Nachhinein herausstellte, kamen die Anrufe später aus weiteren, anderen Orten der Gegend – als sei das mit Absicht geschehen. Der gesamte Umkreis liegt nur 30 Kilometer von Höxter Bosseborn entfernt.

In ihren Anrufen sagte Frauke Liebs damals jedes Mal, sie käme bald nach Hause. "Und dann haben wir gewartet und gewartet und gewartet – und sie ist nie gekommen", so Mutter Ingrid Liebs.

Das letzte Telefonat erfolgte genau eine Woche nach Fraukes Verschwinden.  Es war das längste Gespräch (Gedächtnisprotokoll): "Wo bist du?"/ "Kann ich nicht sagen." / "Komm doch nach Hause." / "Nein, das geht nicht." / … / "Wirst du festgehalten?"/ "Ja ... Nein! Nein!" / "Hast du Angst?" / "Nein." / "Wer ist bei dir?" / "Kann ich dir nicht sagen." / "Bist du müde?" / "Ja, sehr müde." / … / "Warum bist du denn weg?" / "Das weißt du doch, Chris." / "Nein. Hast du einen anderen Typen kennengelernt?" / "Du weißt doch, dass ich nicht wegen ’nem Typen eine Woche weg bleibe. Du kennst mich doch." / … / "Sind Mama und Papa auch da?" / "Die waren hier." / "Sag ihnen, dass ich sie ganz doll liebe." / … / "Soll ich dich abholen?" / "Nein, das geht nicht." / "Können wir uns irgendwo treffen?" / "Das geht nicht." / "Wo bist du?" / "Mama." / "Wo bist du?" / "Mama." / "Wo bist du?" / "Mama." / … /
Teil 2 mit Schwester Karen: … / "Hast du Angst, nach Hause zu kommen?" / "Nein." / "Wir räumen auch die Wohnung, und keiner fragt dich, was passiert ist. Komm doch wieder." / "Das geht nicht, ich lebe noch!" / "Bist du mit einer oder mehreren Personen zusammen?" / "Bitte frag mich nicht. Ich würde gerne bei euch sein. Ich würde gerne nach Hause." / …

Kurz darauf endete das Gespräch. "In dem letzten Gespräch klang sie sehr erschöpft, als wenn sie Tage lang nicht geschlafen hätte, auch irgendwie wieder so ein bisschen benommen", sagt Christos Karaoulis. Warum hatte Frauke Liebs drei Mal "Mama" gesagt? Das lässt auch Ingrid Liebs keine Ruhe: "Darüber habe ich mir den Kopf zerbrochen, und ich weiß es nicht. Es kann ein Hilferuf gewesen sein, es kann aber auch ein versteckter Hinweis gewesen sein: Dass das Versteck irgendwas mit mir zu tun hat und ich hätte drauf kommen müssen, bei wem oder wo sie gewesen ist – ich weiß es einfach nicht."

"Wir wissen nicht warum. Wir wissen gar nichts."

Dieses letzte Telefonat dauerte genau fünfeinhalb Minuten. Danach gab es kein Lebenszeichen mehr von Frauke Liebs. "Ich denke, dass sie zu dem Zeitpunkt schon gewusst hat, dass sie nicht wiederkommen wird", sagt die Schwester Karen Liebs heute. Knapp drei Monate später fand ein Förster die Leiche von Frauke Liebs. In einem Waldstück bei dem kleinen Ort Asseln, 20 Kilometer von Paderborn entfernt. Wegen der starken Verwesung konnte die Polizei damals weder ihre Todesursache feststellen, noch eine neue Spur zum Täter auftun. Ihre Familie hoffte weiterhin auf Zeugen, die das Verschwinden mit aufklären könnten. 

"Wir wissen nicht mal, wie sie gestorben ist. Wir wissen gar nichts", sagt Karen Liebs. "Wir wissen einfach nur, dass sie verschwunden ist, dass das alles sehr seltsame Umstände waren und dass sie irgendwann gestorben ist. Wir wissen nicht warum."

Nach fast 10 Jahren des Rätselns gibt es seit dieser Woche wieder neue Hoffnung, etwas über Frauke Liebs Schicksal zu erfahren. Seit dem Fund von Fraukes sterblichen Überresten ist Ralf Östermann für ihren Mord zuständig. Nun ermittelt er auch im Fall des Höxter-Paares. "Wir werden natürlich ganz akribisch danach schauen, ob unsere jetzigen Beschuldigten auch für den Tod der Frauke Liebs verantwortlich sein können", so der Ermittler von der Polizei Bielefeld. 
Die neue Spur hat in diesen Tagen vor allem bei Familie und Freunden der Ermordeten neue Hoffnung geweckt. Ingrid Liebs sagte im Gespräch mit Steffen Hallaschka bei stern TV:"Meine Gefühle seit dem Wochenende sind ambivalent. Auf der einen Seite gibt es die Hoffnung, dass ich bald einen Schlusspunkt setzen kann", so Ingrid Liebs. "Auf der anderen Seite herrscht Entsetzen, wie dieser Schlusspunkt aussehen könnte. Denn was in Höxter geschehen ist, ist entsetzlich." Sie hoffe, dass das Paar bald reinen Tisch mache und am Schluss Klarheit darüber herrsche, ob auch der Mord an ihrer Tochter damit gelöst sei. 

Auch Christos Karaoulis, der frühere Mitbewohner von Frauke Liebs, hält eine Klärung des Mordfalls für möglich: "Ich denke, dass im Zuge der Ermittlungen zu Höxter noch vieles ans Tageslicht kommen wird und dass da momentan noch vieles im Verborgenen liegt. Es gibt klare Parallelen zum Fall von Frauke, wie beispielsweise die SMS, die vom Handy des Opfers geschickt wurden."