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Fragen & Antworten

Was die Essstörung Binge Eating so schwierig macht

Binge Eater essen unkontrolliert, wie unter Zwang. Das verschafft ihnen aber keine Erleichterung - höchstens kurzfristig. Bis die Scham und die Schuldgefühle kommen. Das Grundproblem lässt sich so leider nicht lösen. Was die Essstörung bedeutet und wie man ihr beikommen kann.

Zitat: Jana Crämer, leidet seit Jahren an Binge Eating.

Zitat: Jana Crämer, leidet seit Jahren an Binge Eating.

Mindestens zweimal in der Woche stopfen sie sich voll. Manchmal essen sie stundenlang. Allein, heimlich. Und sie essen viel mehr, als die meisten Menschen in der gleichen Zeit schaffen würden. Sie können nicht aufhören, Süßigkeiten, Kuchen, , Käse und vieles mehr zu verschlingen. Es wirkt wie ein großes Gelage, es ist auch eins: Das englische Wort dafür heißt "Binge". Typisch für Menschen, die an dieser Esssucht leiden, sind auch hastiges Essen, Essen ohne Hunger, Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl und essen ohne Gesellschaft - aus Scham und Verlegenheit über die großen Mengen. Bei Betroffenen verursacht all das enormes Leid und den Wunsch nach Veränderung. Häufig leiden sie zudem unter den immer wiederkehrenden Sorgen um das eigene Gewicht und ihren Körper.

Mit Genuss oder ungezügelter Lust am Essen hat die Binge-Eating-Störung allerdings nichts zu tun. Im Gegenteil: Die betroffenen Personen haben in der Zeitspanne des Essanfalls oft ein Gefühl von Kontrollverlust, verlieren das Gefühl dafür, wann sie mit dem Essen aufhören oder was und wie viel sie essen. Scham, Schuldgefühle und häufig ein Ekel vor sich selbst folgen auf dem Fuße. Und diese Gefühle münden nicht selten in die nächste Fressattacke. Ein Teufelskreis, aus dem Binge Eater nur schwer wieder herausfinden.

Einige Personen, die von Essanfällen betroffen sind, leiten nach dem Essen Gegenmaßnahmen ein, sie erbrechen sich zum Beispiel, treiben exzessiv Sport oder nehmen Abführmittel ein. Wenn dies regelmäßig der Fall ist, spricht man nicht mehr von einer Binge-Eating Störung, sondern von einer Ess-Brech-Anfallsstörung, auch Bulimie genannt. In der Fachsprache heißt das Bulimia Nervosa.

Esssucht macht dick

Wie viele Menschen genau an einer Binge-Eating-Störung erkrankt sind, ist unklar. Experten schätzen, dass in zwischen 800.000 und 2,4 Millionen Menschen daran leiden. Fettleibige sind besonders häufig betroffen: 40 Prozent der Fettleibigen, die einen Therapeuten aufsuchen, haben eine Binge-Eating-Störung.

Das Risiko zu erkranken ist höher, wenn Menschen schon als Kind übergewichtig waren oder ungünstige Ernährungsgewohnheiten haben. Im Übrigen sind etwa ein Drittel der Binge-Eater Männer, die sich aber seltener deswegen behandeln lassen.

Symptome

Wenn andere die Gabel zur Seite legen, ist für den Binge-Eater noch lange nicht Schluss. Das Gefühl für Hunger oder Sättigung haben sie im Fall einer Fressattacke verloren. Sie hören erst auf, wenn der Bauch schmerzt. Per Definition treten die Essanfälle in einem Zeitraum von wenigstens sechs Monaten an mindestens zwei Tagen pro Woche auf. Anders als bei Bulimie versuchen die Betroffenen danach nicht zwangsläufig, die Nahrung wieder los zu werden - was ob der großen Kalorienmenge zur Folge hat, dass sie immer weiter an Gewicht zunehmen. 

Häufig führt das bald zu weiteren, körperlichen Problemen: Bei sehr starkem Übergewicht drohen ein erhöhter Bluthochdruck sowie ein erhöhtes Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko. Ebenso wie Gelenkleiden, Wirbelsäulenschäden oder Diabetes.

Auch ein seelische Schaden macht sich bei vielen bemerkbar: Nach den unkontrollierten Fressanfällen empfinden die Betroffenen Scham und leiden unter Schuldgefühlen, manche werden auch depressiv, ziehen sich vollkommen zurück. Viele vermeiden den Blick in den Spiegel, um sich den Anblick ihres eigenen Körpers zu ersparen.

Diagnose

Eine Binge-Eating-Störung zu erkennen, ist für Außenstehende nicht leicht. Oft sogar für Ärzte nicht, denn anfangs konzentrieren sich die Mediziner vor allem auf das Übergewicht. Bei einem Verdacht auf Binge-Eating wird das Patientengespräch auf bestimmte Merkmale oder Äußerungen zu der Erkrankung gelenkt: etwa, wann, wie häufig und über welchen Zeitraum die Fressanfälle in auftreten.

Im weiteren Verlauf versucht der Arzt herauszufinden, ob der Betroffene wesentlich schneller als normal isst, unkontrolliert und/oder über das normale Maß hinaus - bis hin zu einem unangenehmen Völlegefühl. 
Ein weiteres Indiz kann sein, dass sich der Betroffene in der Kindheit viel mit dem Thema Ernährung beschäftigt hat oder schon länger zu depressiven Verstimmungen neigt.

Therapie

Binge-Eating war lange Zeit nicht als eigenständige psychische Erkrankung klassifiziert und daher kaum erforscht. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert. Wissenschaftler haben sich dieser Essstörung angenommen, und inzwischen wurde sie auch im Klassifikationssystem der Fachwelt, dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-V), als Diagnose aufgenommen, um sie von anderen Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie abzugrenzen.

Die Behandlung einer Binge-Eating-Störung setzt in erster Linie bei Risikosituationen an, die Essanfälle auslösen. In einer Therapie können die Betroffenen lernen, ihre Essattacken zu stoppen. Das gelingt oft leichter, wenn sie sich gemeinsam mit einem Therapeuten die Gefühle und Situationen bewusst machen, die einen solchen Anfall auslösen. Manchmal sind es handfeste Depressionen, manchmal bestimmte Ängste oder Stress und Anspannung. Aber auch Ärger oder Langeweile können einem Essanfall vorausgehen.

Das zweite große Behandlungsziel ist, dass Esssüchtige lernen, regelmäßig, gesund und ausgewogen zu essen, um so ihr Übergewicht in den Griff bekommen. Jana Crämers Ernährungsberaterin sagt: "Jana sollte erstmal ihre ganzen Diäten, die sie so gemacht hat, über Bord schmeißen. Das sollte erstmal keine Rolle spielen, sondern wir haben bei Null angefangen: Ich habe ihr erklärt was gesunde, ausgewogene Ernährung ist und dass Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße gleichermaßen dazu gehören. Es muss eben ausgewogen und von allem etwas dabei sein.

Tipps

Wenn Sie an einer leiden, sollten Sie sich professionelle Hilfe suchen. Ein Experte kann Ihnen sagen, um welches Problem es sich bei Ihnen handelt und welche Maßnahmen oder Therapien für Sie die beste sind. Unterstützung finden Sie auch in einer Selbsthilfegruppe: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann Ihnen Scham und Schuldgefühle nehmen und Ihnen bewusst machen, dass Sie nicht allein sind mit Ihrem Problem.

Außerdem gibt es einiges, das Sie selbst im Alltag tun können:

  • Versuchen Sie bewusst zu essen, also langsam und genussvoll. Kauen Sie jeden Bissen gut durch. Schlingen Sie ihn nicht einfach herunter.
  • Essen Sie regelmäßig, am besten zu festen Zeiten.
  • Lassen Sie sich beim Essen nicht durch Fernseher oder Computer ablenken. Denn Essen ist mehr als reine Nahrungsaufnahme. Essen ist etwas Sinnliches.
  • Statt auf alle Körpersignale nur mit Essen zu reagieren, sollten Sie genau unterscheiden: Haben Sie Durst? Sind Sie müde? Oder haben Sie wirklich Hunger?
  • Versuchen Sie, sich regelmäßig zu bewegen. Für den Anfang reicht es oft schon, die Treppe anstelle des Fahrstuhls zu nehmen oder regelmäßig einen langen Spaziergang zu machen, Fahrrad zu fahren. Die ersten Gewichtsverluste können unheimlich motivierend sein.
  • Vermeiden Sie Streitgespräche oder unangenehme Themen bei Tisch.

Expertenrat

Expertin Dr. Simone Munsch, Lehrstuhlinhaberin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Fribourg, Schweiz, hat die wichtigsten Fragen zu Binge Eating hier beantwortet:

Spielen die Gene bei der Esssucht eine Rolle?

Generell muss man sagen, dass genetische Mechanismen von allen Faktoren bisher am schlechtesten untersucht sind. Es hat sich allerdings herausgestellt, dass Betroffene besonders anfällig für seelische Störungen wie Depressionen oder Angstzustände sind. Teilweise versuchen sie, mit dem Essen negative Stimmungen zu regulieren, manchmal entstehen diese psychischen jedoch auch erst aufgrund des enorm hohen Leidensdrucks. Zudem scheinen Betroffene häufiger eine Veranlagung für Übergewicht in ihren Genen zu tragen.

Wo liegt die Grenze zwischen übermäßigem Essen und regelrechten Essanfällen?

Richtige Essanfälle gehen mit einem totalen Kontrollverlust einher. Betroffene wissen in diesem Moment nicht mehr, was sie tun. Das erklärt auch den ganz besonderen Leidensdruck dieser Menschen: Sie fühlen sich machtlos und ferngesteuert, können sich teilweise nicht mal richtig an den Anfall erinnern. Das Essverhalten zwischen den Attacken ist zudem extrem chaotisch und unstrukturiert. Mal essen Betroffene bis vier Uhr nachmittags nichts, um dann im Zuge eines Anfalls große Mengen an Nahrung zu verzehren.

Werden nur ohnehin Übergewichtige esssüchtig?

Im Vergleich mit gesunden und normalgewichtigen Personen sind sie tatsächlich schon früh sehr sensibel mit dem Thema Essen umgegangen oder litten in ihrer Kindheit vielleicht schon unter ein paar Pfunden zu viel. Diese Vorbelastung ist allerdings bei anderen Essstörungen wie Magersucht und Bulimie sehr viel ausgeprägter.

Welche Altersgruppe ist besonders gefährdet?

Untersuchungen haben gezeigt, dass Binge-Eating besonders in zwei Altersgruppen anzutreffen ist: in einem Alter zwischen 20 und 30 Jahren und zwischen 40 und 50 Jahren.

An wen können sich Betroffene wenden?

Die gute Nachricht ist, dass diese Art von Essstörungen gut behandelbar ist und die Erfolgsraten recht hoch sind. Die Deutsche Adipositas Gesellschaft kann Betroffene beraten und Kontakte zu Fachleuten herstellen. Mittlerweile gibt es Leitlinien zum Umgang mit Binge-Eating, die in einer Therapie der Essstörung umgesetzt werden.

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