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Inklusion durch Hip-Hop-Songs: Wie Rollstuhl-Rapper Nicolas Uhl den Blick auf seine Behinderung reformiert

Nicolas Uhl kam mit einem seltenen Gen-Defekt zu Welt. Seine Gliedmaßen sind kaum gewachsen. Dadurch ist er zwar behindert. Jedoch nicht daran gehindert, sein Leben eigenständig zu gestalten. Das bringt er vor allem in seinen Rap-Songs zum Ausdruck. stern TV hat den kleinen, starken Rapper namens "Drive-By" getroffen.

Nicolas Uhl ist unter dem Namen "Drive-By" als Rapper aktiv.

Nicolas Uhl ist unter dem Namen "Drive-By" als Rapper aktiv.

Er ist leidenschaftlicher Hip-Hopper und zeigt das auch auf der Bühne: "Ich kann natürlich nicht Break-Dance tanzen. Das geht nicht. Aber ich kann den Arm so bewegen und mit dem Kopf nicken. Was auch sehr wichtig ist im Hip-Hop." Nicolas Uhl ist nämlich kein gewöhnlicher Rapper, der sein erstes Album "Roll to the beat"  mit seinen Fans und Freunden gefeiert hat. Der 27-Jährige sitzt im Rollstuhl. Durch einen seltenen Gen-Defekt geboren, eine Art Kleinwüchsigkeit, die sich diastrophische Dysplasie nennt. Nicolas ist nur 1,02 Meter groß; besonders seine Gliedmaßen sind kaum gewachsen. Die Gelenke, vor allem seine Finger, kann er kaum oder gar nicht beugen. Das macht ihn unbeweglich. Doch das bedeutet nicht, dass er nicht trotzdem alles machen kann, so sein Credo: Er ist Inklusionsbeauftragter der Stadt Kehl und als solcher klärt er unter anderem als Rapper die Welt auf. Der Musiker nennt sich "Drive-By" – eine Anspielung auf sein Leben im Rollstuhl. Und er schreibt Songs über seine Behinderung, nimmt sich als Betroffenen dabei auch selbst gerne auf die Schippe. Seiner Meinung nach sollen die Leute ruhig über seine Texte lachen. Darauf sei sein Rap ausgelegt, sagt Nicolas Uhl: "Ich rappe wie jeder andere Rapper über das, was mich ausmacht, was ich jeden Tag sehe – und welche Situationen ich erlebe."

"Ich brauche halt Hilfe, aber das ist okay"

Daheim in Offenburg ist "Drive-By" mittlerweile zur Marke avanciert, kaum jemand, der ihn dort nicht kennt. Dass Nicolas Uhl eine vergleichsweise normale Kindheit hatte, verdankt er dem Engagement seiner Eltern, bei denen er noch heute lebt. Sein Vater Gerhard Uhl kämpfte für seinen Jungen bei Krankenkassen und Versicherungen für Unterstützung und Alltagsgegenstände – manches baute er seinem Sohn einfach selbst: Denn normale Spielsachen waren für den Jungen oft kaum zu gebrauchen. Und so erschuf Gerhard Uhl Roller, Halterungen, Hilfsmittel und Mobiliar passgenau für den kleinwüchsigen Nicolas. Mittlerweile ist im Elternhaus fast alles auf seine Behinderung abgestimmt. Im Alltag braucht der 27-Jährige für viele Handgriffe dennoch die Hilfe seines Vaters: das Gesicht waschen, die Zahnbürste vorbereiten, den Becher halten. "Ich brauche halt Hilfe. Aber wenn man es nicht anders kennt, ist es okay", sagt Nicolas Uhl.

Trotz der vielen Einschränkungen ist Nicolas Uhl auf eine normale Schule gegangen, hat das Abitur geschafft und Public Management studiert – und besitzt mittlerweile sogar ein eigenes Auto, in das er über die Heckklappe mit seinem Elektrorollstuhl selbst hineinfahren und das er selbst fahren kann, quasi per Joystick. Voll "transformer-mäßig", meint Uhl: "Ich habe wahrscheinlich das teuerste Auto in meinem Freundeskreis." Diese Mobilität gibt ihm viel Lebensqualität, weil er selbstständig entscheiden kann, wann er wo sein will. Und somit kann "Drive-By" in seinen Hip-Hop-Videos ganz nach Manier der Rapper durch die Straßen cruisen.

"Im Hip-Hop habe ich keine Einschränkungen"

Nicolas Uhl ist es als Inklusionsbeauftragter ein Anliegen, dass andere Menschen mit Handicap, aber auch ältere Menschen, ebenso gut an der Gesellschaft teilhaben können wie er. Und er versteht, was die Betroffenen meinen: "Egal ob es um Barrierefreiheit oder Pflege oder sonst irgendwas geht: Die Leute erzählen mir schon Dinge, die sie anderen, die selbst keine Behinderung haben, nicht erzählen würden."

Darauf, dass er mit seinem Background geradezu für Hip-Hop geschaffen ist, habe ein Freund ihn gebracht, erzählt Nicolas: "Ich habe gesagt: Warum soll ich rappen? Ich sehe doch gar nicht so aus, und ich höre mich auch nicht so an. Und dann hat er gesagt: Genau deswegen." Mit seiner Clique, die sich Hi5 Crew nennt, hat sich Nicolas Uhl ein kleines Tonstudio eingerichtet, wo er in seiner Freizeit Songs produziert. Ohne seine engen Freunde könnte Nicolas seiner Leidenschaft nicht nachgehen. Mit dem Hip-Hop hat er etwas gefunden, dass er mit anderen teilen kann, sogar über das Radio oder bei lokalen Veranstaltungen. Seit einigen Tagen sind seine Songs auch auf den gängigen Plattformen wie Itunes und Spotify abrufbar.

Anlässlich seiner Album-Release-Party sind 150 Menschen gekommen, darunter viele Freunde, die "Drive-By" kennen und schätzen. Sie wollen ihn und seine Musik feiern – und irgendwie auch ihn. "Ich habe was gefunden von dem ich nicht wusste, dass es in mir steckt. Ich habe dabei keine Einschränkungen im Vergleich zu anderen Leuten, wenn ich auf der Bühne stehe: Meine Musik zählt da genauso viel, wie von anderen Rappern. Ich habe da keine Nachteile." Und wer dieses und andere Videos sieht, merkt gleich, dass es keinen nennenswerten Unterschied zu anderen Rappern gibt – einzig die Texte, die haben vielleicht ein wenig mehr Relevanz. Nicolas Uhl ist bewusst, dass die Resonanz auf seine Musik ohne die Behinderung wohl ausgeblieben wäre. Ein Problem habe er damit nicht, schließlich habe jeder Künstler etwas Besonderes: Der eine sei besonders attraktiv, der nächste habe eine außergewöhnliche Stimme – und er ist halt klein und Rollstuhlfahrer.

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