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Tödliche Hundeangriffe in Deutschland: Treue Kameraden oder echte Gefahr? Deutschland diskutiert die Frage nach der Kampfhunde-Haltung

Der Staffordshire-Mix "Chico" kam zu trauriger Berühmtheit: Der Hund hatte sein Herrchen und dessen Mutter getötet. Jetzt schockiert ein Fall, in dem ein Kampfhund einen Säugling tödlich verletzt hat. Warum sind diese Tiere so unberechenbar?

Getty Images

Hunde, die für Fremde und sogar die eigenen Besitzer zur tödlichen Gefahr werden – jedes Jahr sterben drei bis vier Menschen durch Hundeattacken. Allein in den vergangenen Tagen waren es drei! Letzte Woche verbluteten in Hannover ein 27-Jähriger und seine Mutter (52) in ihrer Wohnung, nachdem sie von dem eigenen Staffordshire-Terrier "Chico" gebissen wurden. Wenige Tage später ein weiterer Fall: In Odenwald in Hessen starb Baby Jannis, nachdem der Familienhund dem sieben Monate alten Säugling in den Kopf gebissen hatte. Auch in diesem Fall soll es sich bei dem Hund um einen Staffordshire-Mischling handeln. Die Rasse zählt im Volksmund zu den "Kampfhunden". Zufall – oder sind diese Rassehunde doch stets eine tickende Zeitbombe? Diese Frage wird derzeit wieder heftigst diskutiert.

Gerade der Fall "Chico" scheint dramatisch, weil das Unglück möglicherweise hätte vorausgesehen werden können. Was genau dazu geführt hatte, dass der Hund über auf seine beiden Halter Liridon K. und dessen im Rollstuhl sitzende Mutter Lezime K. derart aggressiv losging, weiß niemand. Sie sollen sich den Hund vor acht Jahren wohl aus Angst vor dem gewalttätigen Exmann der Mutter angeschafft haben. Laut Nachbarn waren die Haltungsbedingungen des Tieres miserabel, die Halter mit dem Tier vollkommen überfordert. Sie berichten von verschiedenen Vorfällen, bei denen bereits auffiel, wie unberechenbar "Chico" war. Laut Hundetrainerin Wiltrud Remstedt hätte der Hund den Haltern längst entzogen werden müssen. Wiltrud Remstedt arbeitet seit 30 Jahren mit Hunden, sie begutachtete Chico 2011 bereits, als er noch ein ganz junger Hund war: Liridon K. führte ihn der Hundetrainerin auf Drängen seines Sozialbetreuers vor.  "Da hat der Hund schon fürchterlich gewütet, fletschend,  der war gar nicht zu bändigen", so Wiltrud Remstedt. Derart aggressive Tiere seien höchst selten, sagt sie. Sie schrieb eine Beurteilung über Chico. "Da habe ich reingeschrieben, dass ich diesen Hund für hochgefährlich halte und habe eingefordert, dass an diesem Hund ein Wesenstest gemacht wird." Mit dem Schreiben informierte sie die Behörden der Stadt Hannover, schrieb wörtlich: dass der Hund zu keinem Zeitpunkt frei von Aggressionen ist. (...) Ich empfehle daher dringend, den Hund ab sofort ausschließlich mit kurzer Leine und Maulkorb zu führen, um andere Menschen nicht zu gefährden. Zeitnah sollte der Hund dem Veterinäramt zur Begutachtung vorgestellt werden.

Halter Schuld an den tödlichen Attacken?

Dennoch passierte nichts. Bis zum 04. April. Da biss der Hund sein Herrchen und Frauchen zu Tode. Die Stadt Hannover muss nun entscheiden, ob Chico eingeschläfert wird. Doch dagegen regt sich Widerstand. Fast 300.000 Menschen haben eine Petition unterschrieben, die sich für das Leben von Chico einsetzt. Der Tenor: Die Halter seien Schuld an der Attacke des Hundes, der dürfe daher nicht getötet werden. Ute Szabo ist Vorsitzende des deutschen Rassehunde-Zuchtverbandes und meint ebenfalls, dass dieser Hund noch eine zweite Chance verdient habe. In kompetenten Händen würde von ihm keine Gefahr ausgehen, so Szabo. "Er darf nicht die Gelegenheit haben, wieder zu töten. Man muss zum Beispiel aufpassen, dass man nicht hinfällt und der Hund über einem steht. Sowas muss man schon ein bisschen beachten."

Kontrolle erwies sich als Fehleinschätzung

stern TV hat in der Vergangenheit schon häufiger über Probleme mit so genannten Kampfhunden berichtet. Die befragten Hundeexperten lagen mehrmals mit ihren Einschätzungen zu auffällig gewordenen Tieren falsch. Beispielsweise bei "Sugar", ein American Staffordshire, der als Hamburgs gefährlichster Hund galt – und bei Tests vor allem hochaggressiv auf Kinderwagen und Babyschreie reagierte. Nach mehreren Wesenstests kam Sugar auf einen Gnadenhof. Die dortige Betreiberin berichtete uns damals, Sugar würde mittlerweile "ganz normal" auf Kinderwagen reagieren. Bei einem entsprechenden Test fiel auf: Sugar stand direkt wieder unter Anspannung. Selbst die Gnadenhofbetreiberin wollte den Hund nicht mehr von der Leine lassen.

Zweites Beispiel: Die Rottweiler-Hündin Asya hatte 2010 den fünfjährigen Malik attackiert, der dabei lebensgefährlich verletzt wurde. Der Junge war an Silvester mit seiner Oma in einem Waldgebiet spazieren gegangen und hatte mit einem Stöckchen gespielt, als der Hund ihn angriff. Asya wurde dem Halter entzogen und landete bei dem Hundeexperten Michael Grewe in Norddeutschland. Der Hundegutachter beschrieb Asya zwar als gefährlich, er hätte den Hund aber unter Kontrolle, sagte er zu stern TV. Auf die Frage, wie Asya auf einen Stock in der Hand des Reporters reagieren würde, sagte der Experte: "Sie würde bestimmt Interesse zeigen, aber ich könnte sie da raus holen." Wenige Augenblick später: Der Hund riss sich los und attackierte auf dem Gelände frei laufende Hühner. Ein Huhn blieb liegen. Die Hündin hatte es totgebissen.

Chico bleibt bis auf weiteres im Tierheim in Hannover. In Kürze soll ein Wesenstest bei ihm durchgeführt – und danach entschieden werden, ob er eingeschläfert wird oder nicht.

Was sollte mit Hunden wie "Chico" passieren, die Menschen tödlich verletzt haben?

Diese Frage haben wir den stern TV-Zuschauern gestellt. Und so haben die insgesamt 8.195 Teilnehmer geantwortet. Die meisten haben für "Einschläfern" plädiert, da Hunden wir "Chico" nicht mehr zu helfen ist. Zahlreiche Zuschauer sprachen sich aber auch dafür aus, einen Hund nach einer tödlichen Attacke "umzuerziehen".

54,4 %: Einschläfern: Diese Tiere bleiben unberechenbar und eine Gefahr für Menschen.

42,1 %: "Hundetherapie": Jeder noch so aggressive Hund kann umerzogen werden.

3,5 %: Wegsperren: Das entspricht dem, was mit einem Menschen gemacht würde.

Update 16.04.2018: "Chico" wurde eingeschläfert

Nach Informationen der "Bild"-Zeitung ist "Chico" am Montag, den 16.04.2018 – nach einer Untersuchung in der Tiermedizinischen Hochschule Hannover – gegen Mittag eingeschläfert worden. Neben verschiedenen gesundheitlichen Problemen des Hundes, die zu Folgekosten geführt hätten, soll der Staffordshire-Terrier von den Experten als weiterhin unberechenbar eingeschätzt worden sein. Ein Berater-Team aus Tiermedizinern, Tierheimmitarbeitern und Vertretern der Stadt Hannover soll die Maßnahme entschieden haben. 


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