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Karrierechancen: Hauptschule - na und? (3)

Welche Zukunftschancen haben Jugendliche mit einem Hauptschulabschluss? Können sie ihre Berufswünsche überhaupt erreichen? "Ja!", sagen zahlreiche stern TV-Zuschauer. Und so machten sie Karriere.

Als Hauptschüler würden sie sich wie Menschen zweiter Klasse fühlen, sagten die drei Absolventen, die stern TV seit ihrem Abschluss im vergangenen Sommer mit der Kamera begleitet. Seit Jahren nimmt die Zahl der Hauptschüler in Deutschland ab, nur noch 14 Prozent der Schüler in der Sekundarstufe 1 gingen im Schuljahr 2012/13 auf eine Hauptschule. Denn trotz Abschluss gestaltet sich die Suche nach einer Lehrstelle oft schwierig, und auch die Berufsfachschule führt nicht immer auf einen besseren Karriereweg.

Dass das in der Vergangenheit nicht immer so war, bestätigen die vielen Zuschriften unserer Zuschauer, die sich nach der Berichterstattung über die drei frischgebackenen Hauptschulabsolventen  meldeten. Viele schauen inzwischen auf einen erfolgreichen beruflichen Werdegang – trotz Hauptschulabschluss. Darunter Kai Wackershauser. Er kam wegen seiner schlechten Grundschulnoten auf die Hauptschule und fühlte sich fortan als schwarzes Schaf der Familie, ging sein älterer Bruder doch aufs Gymnasium. "Wenn mein Bruder eine Zwei mit nach Hause brachte, waren alle stolz. Wenn ich eine Zwei geschrieben hatte, hieß es: Das ist doch nur die Hauptschule."

Irgendwann fiel bei Kai Wackershauser der Groschen. Er lernte und qualifizierte sich für einen Werksrealschulabschluss, durch den er schließlich eine Ausbildung zum Mechatroniker bei Siemens bekam. Wenn dort während seiner Arbeit an den Maschinen kaputt ging, durfte er jedoch selbst nichts reparieren, sondern musste einen Techniker holen. Kai Wackershauser beschloss, das zu ändern: Er wagte den Neustart in Köln und ging erst an die Rheinische Akademie, um Techniker zu werden, anschließend studierte er neben seinem Job an der Rheinischen Fachhochschule. Heute ist er in Düsseldorf als Ingenieur der Elektrotechnik angestellt.

"Man geht anders an Dinge heran, wenn man ein Ziel vor Augen hat"

Auch die alleinerziehende Mutter Lisa Federle – heute Notärztin mit Doktortitel - hat für ihre Karriere gekämpft. Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie früh die Schule vernachlässigt – und schließlich ohne Abschluss verlassen. Mit 17 Jahren wurde sie schwanger. Ihr Traum, einmal Ärztin zu werden, schien damit zerplatzt. Ein Jahr später machte sie zumindest ihren Hauptschulabschluss an der Volksschule nach. Dann bekam sie ihr zweites Kind. Um die Familie zu ernähren, schob sie unter anderem Nachtwachen in der Urologischen Klinik in Tübingen. "Ich wollte wissen, ob die Welt der Medizin wirklich etwas für mich ist", erzählt Lisa Federle. Als ihr erster Sohn in die Schule kam, drückte auch die 25-jährige Mutter wieder die Schulbank: Sie holte auf der Abendschule zuerst den Realschulabschluss nach, machte dann noch das Abitur. Direkt im Anschluss begann sie ihr Medizinstudium. Mit 37 Jahren hatte sie ihren Doktortitel und damit ihr Ziel von einst erreicht. "Man geht anders an Dinge heran, wenn man ein Ziel vor Augen hat", sagt Lisa Federle. "Was dazu gehört: Man muss gut organisieren können. Ich habe das dritte Kind während des Abendgymnasiums bekommen, das vierte vorm 2. Staatsexamen.  Das bedeutete auch, sich die Arbeit gut einzuteilen. Ich konnte natürlich nicht in jede Vorlesung gehen, das ist klar." Mittelweile arbeitet die 53-Jährige seit 15 Jahren als Notärztin. 

Hauptschule – ein schlechtes Modell für Karrieren?

Ahmet Toprak ist Professor für Erziehungswissenschaften und Fach-Dekan an der Fachhochschule Dortmund. Auch er hatte – zugezogen aus der Türkei – einst in Deutschland zunächst den Hauptschulabschluss erworben. das Abitur machte er in der Türkei und studierte anschließend in Bonn und Regensburg, machte einen Doktor in Pädagogik an der Uni Passau. Toprak sieht das deutsche, dreigliedrige Schulsystem kritisch und versteht nicht, wieso es noch Bestand hat. "Die Förderung der Schüler muss bis zur 10. Klasse für alle gleich sein", sagt der Erziehungswissenschaftler. "Ein Wechsel nach der 4. Klasse benachteiligt die Schüler, die zum Beispiel nicht aus einer gebildeten Familie kommen." Er fordert, dass die Hauptschule ganz abgeschafft wird und es stattdessen, wie in skandinavischen Ländern, Ganztagsschulen mit individueller, früher Förderung bei gemeinsamem Unterricht gibt. "Es wäre sinnvoll, wenn die Schüler erst nach der 10. Klasse entscheiden, also mit 16 Jahren, ob sie das Abitur machen wollen. Hier in Deutschland beginnt das Konkurrenzdenken der Kinder schon mit acht Jahren. Das kommt durch die frühe Trennung nach der vierten Klasse."

​Immerhin: Die meisten Schüler möchten nicht bereits als Teenager eine Ausbildung anfangen, so das Ergebnis einer Kölner Schülerbefragung 2014 unter knapp 4000 Schülern. Rund Dreiviertel der befragten Schüler wollen weiter zur Schule gehen, entweder auf berufsbildende oder auf allgemeinbildende Schulen. Dennoch spielt fast jeder zweite Hauptschüler weiterhin mit dem Gedanken, besser sofort eine Berufsausbildung zu machen.

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