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Kindesmissbrauch: Vergewaltigt und verachtet

Zum ersten Mal wurde sie als Vierjährige vergewaltigt, der Auftakt einer jahrelangen Tortur. Als sie von weiteren missbrauchten Mädchen in Eschenau erfährt, bricht Heidi Marks das Schweigen. Die Dorfbewohner sind wütend – über die Unruhe, die Marks ihnen beschert hat. "Dass Heidi eine Hure ist, haben wir schon immer gewusst."

Als die Hölle in ihr Leben brach, pflückte sie gerade Erdbeeren. Sie saß im Gartenbeet und steckte die Früchte immer sofort in den Mund, ihre Mutter hatte das erlaubt. Doch dann kam ein Nachbarsjunge, zerrte sie weg und vergewaltigte sie. Heidi war vier Jahre alt, sie erlebte den Auftakt eines jahrelangen sexuellen Missbrauchs. Er drohte ihr: "Wenn du das deiner Mutter erzählst, dann mag sie dich nicht mehr." Und ihre Familie würde mit Schimpf und Schande aus Eschenau, dem fränkischen Dorf, gejagt werden.

In diesem Punkt sollte der Peiniger recht behalten.

Der Schock kommt beim Kaffeeklatsch

Die erste Vergewaltigung im Erdbeerbeet geschieht 1961. Über zehn Jahre lang, "bei jeder Gelegenheit", habe der Nachbar sie zu Geschlechts- und Oralverkehr gezwungen, berichtet Marks heute. Und es kommt noch schlimmer. Ab ihrem elften Lebensjahr habe ein weiterer Bauernsohn sie missbraucht. In dem 200-Seelen-Dorf, in dem jeder jeden kennt, bemerkt angeblich niemand, was die beiden Burschen treiben. Die mutmaßlichen Kinderschänder stammen aus angesehenen Familien, sie haben Einfluss in dem Dorf.

Für Heidi Marks bleibt nur die frühe Flucht aus Eschenau. Mit 15 Jahren geht sie auf eine Hauswirtschaftsschule in einem anderen Ort, später nach München, mit 24 wandert sie in die USA aus. All die Jahre schweigt Heidi Marks, einzig ihrem Ehemann erzählt sie von dem Albtraum ihrer Kindheit. Sie will nie wieder ein Wort darüber verlieren, doch Jahrzehnte später holt sie die Vergangenheit ein.

2007 besucht Heidi Marks ihre Eltern, um in der alten Heimat ihren 50. Geburtstag zu feiern. Beim Kaffeeklatsch erzählt eine Freundin, dass es in Eschenau Vergewaltigungen gegeben haben soll. Für Marks ein Schock: Sie dachte immer, sie sei das einzige Missbrauchsopfer gewesen. Dass auch andere Kinder ihr Schicksal erleiden mussten – und womöglich immer noch in Gefahr sind –, dieser Gedanke macht sie fertig. Sie geht zur Polizei. Die Taten an ihr sind zwar verjährt, aber ihre Geschichte wird öffentlich. Nun melden sich weitere Frauen, von insgesamt acht Opfern ist die Rede.

Und in Eschenau beginnt die Hetzjagd auf die "Amerikanerin" und ihre Familie.

"Was ist schon dabei, einem Maderl mal den Rock zu lupfen?"

Der Gastwirt, bei dem Heidi Marks untergekommen ist, erhält Drohanrufe. Ihr Vater wird von zwei Höfen gejagt, als er dort Zeitungen austragen will, die Mutter wird auf der Straße beschimpft, der Schwester zersticht man die Autoreifen. Für viele Eschenauer ist Heidi Marks nicht ein Opfer, sondern eine Täterin: eine Nestbeschmutzerin, die angesehene Bürger in Verruf bringt. "Das haben wir doch alle gewusst, dass die Heidi eine Hure ist", sagen anonyme Anrufer bei der Heimatzeitung. "Was ist schon dabei, einem Maderl mal den Rock zu lupfen?"

Einer der Beschuldigten erhängt sich. Ein Abschiedsbrief ist seine letzte Tat: "Die Familien und ihre Helfershelfer werden mit ihren Anschuldigungen und Lügen nicht aufhören. Und ich werde nicht büßen für Dinge, die ich nicht getan habe." Selbst ein Lektor der evangelischen Kirche sagt damals gegenüber dem Hörfunk: "Das, was man hier gemacht hat, das sind zwei Familien, die uns ordentlich in Unruhe gebracht haben, die alte Geschichten aufgewärmt haben, das muss erst mal bewiesen werden."

Das Landgericht Bamberg hat allerdings wenig Zweifel. Der zweite Beschuldigte wird verhaftet und im Oktober 2007 zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, u.a. wegen sexuellen Missbrauchs von 7- bis 11-jährigen Mädchen in den Jahren von 1978 bis 2005.

Hat es die Vierjährige damals schamlos getrieben?

Laut Marks soll der gegnerische Anwalt vor Gericht gesagt haben, er habe gehört, sie habe es früher schamlos getrieben. "Als Vierjährige?", fragte Marks zurück. Auch nach dem Urteil ist kein Frieden in Eschenau eingekehrt. Der Anwalt lädt zu Versammlungen ein, zitiert Aussagen aus den Polizeiakten, bezichtigt die Opfer der Lüge und spricht laut Münchner Abendzeitung von einem "Komplott" – unter dem Applaus der Anwesenden. Die Witwe des toten Bauern will angeblich ihrerseits klagen: Es heißt, sie wolle das Buch von Heidi Marks verbieten lassen.

Heidi Marks sagt, man habe ihr gedroht, sie zu bespucken und zu steinigen, wenn sie sich wieder in Eschenau blicken lasse. Ihre Schwester hat das Heimatdorf bereits verlassen, nachdem die Autoreifen zerstochen worden waren. Auch ihre Mutter erträgt die Verachtung nicht mehr.

So löst Eschenau das Versprechen des Peinigers ein: Die Familie von Heidi Marks wird vertrieben – weil sie das Schweigen gebrochen hat.

söw

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