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Knochenjob Altenpfleger: Sänger Ross Antony stößt im Selbstversuch an seine Grenzen

Ross Antony ist für seine Lustigkeit und Spontaneität bekannt, aber auch für seine emotionale Anteilnahme. Die zeigte der Sänger nun im Einsatz als Altenpfleger. Ein echter Knochenjob, wie der 44-Jährige feststellen musste.

Ross Antony (44) half zwei Tage in einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke als Altenpfleger.

Ross Antony (44) half zwei Tage in einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke als Altenpfleger.

Als Sänger und Entertainer ist er ein gefeierter Star. Die wenigsten wissen, dass sich der 44-Jährige auch sozial engagiert: Er warb in der Rolle eines gebrechlichen alten Mannes für eine Kampagne des Berliner Senats, die auf den Pflegenotstand aufmerksam machen will – unter dem Motto "Damit wir auch im Alter noch happy sind". Dass dieser nachvollziehbare Wunsch eine enorme Herausforderung werden wird, erfuhr Ross Antony nun am eigenen Leib: Für stern TV hat der Entertainer zwei Tage den "Knochenjob Altenpfleger" kennengelernt.

In einer Demenz-WG in Berlin mit 11 Bewohnern unterstützte Ross Antony die Pflegehelferin Ronnia Bähring einen Tag lang bei ihrer Arbeit. Die 32-Jährige ist verantwortlich für das An- und Auskleiden der Patienten, deren Körperpflege, das Anreichen von Essen und Trinken und die gesamte Haushaltsführung. Ronnia Bähring muss morgens als erstes allen Bewohnern bei der Körperpflege helfen. "Erbrochenes, Urin, Kot, das gehört mit dazu", erklärt Ronnia Bähring. Ein Grund, warum viele Pflegekräfte nach wenigen Tagen aufgeben würden. Intimpflege oder Windeln wechseln – derartige Tätigkeiten schrecken viele von diesem Beruf ab, erkennt auch Ross Antony: "Eine junge Frau muss zum Beispiel den ganzen Körper eines älteren Mannes waschen. Man muss Grenzen überschreiten und auch Sachen machen, die man nicht möchte. Das gehört zu diesen Job", so der 44-Jährige. "Ich bin erst eine halbe Stunde hier und jetzt schon ein bisschen fertig, was die Pflegerinnen alles leisten müssen. Es ist enorm!"

Der Tag in der Demenz-WG sollte auch für Ross Antony noch manche unmittelbare Erfahrung bereithalten. Er hat Frühstück verteilt, Tränen getrocknet und einer sterbenden Frau die Hand gehalten. Die 99-jährige Gerda Krüger wurde von Ronnia Bähring acht Jahre lang begleitet. "Sterben ist so eine Sache, die mir auch nach 13 Jahren in dem Beruf noch schwerfällt", sagt die Fachkraft.
Pflegehelferinnen wie Ronnia Bähring, die lange im Beruf sind und sogar Zusatzstunden leisten, verdienen in Deutschland durchschnittlich 1740 Euro brutto im Monat. "Man braucht schon den Willen bedürftigen Menschen zu helfen", so Bähring. Hierzulande haben diesen Willen zu wenige: Schon heute fehlen bei gut drei Millionen pflegebedürftigen Menschen rund 50.000 Altenpfleger. Die Prognose: Bis 2030 werden 300.000 Pflegekräfte fehlen, allein 200.000 nur in der Altenpflege.

Weniger als 17 Minuten je Patient

Am zweiten Tag war der Entertainer mit Petra Pentz im mobilen Pflegedienst unterwegs. Die 51-Jährige arbeitet seit sechs Jahren als examinierte Altenpflegerin und muss bei den Patientenbesuchen hauptsächlich die medizinische Versorgung leisten, wie das Verabreichen von Medikamenten und Infusionen oder Verbände wechseln. Die erste Patientin des Tages ist die 82-jährige Brigitte Viertel, die an Diabetes leidet. Sie kann erst frühstücken, nachdem Petra Pentz morgens den Blutzuckerspiegel kontrolliert hat. Nach der Behandlung muss jede einzelne Pflegeleistung dokumentiert werden – was oft länger dauere, als die Behandlung selbst, sagt die Pflegerin. Es gebe genaue Vorgaben, wie lange jeder einzelne Handgriff dauern darf. "Es ist von den Kassen vorgegeben: Medikamentengabe – 10 Minuten; Wundversorgung – was viel aufwendiger ist, 13 Minuten. In dieser gesamten Zeit muss aber auch die Dokumentation erfolgen, das Jacke ausziehen und alles", erklärt Petra Pentz.

Am Ende ihrer Schicht muss die 51-Jährige 32 Pflegebedürftige versorgt haben. Das bedeutet pro Klient weniger als 17 Minuten – inklusive Anfahrt und Parkplatzsuche. "Das schafft man nur, indem man für diesen Beruf eine gewissen Leidenschaft empfindet, die Freude und das, was einem die Patienten zurückgeben", sagt Petra Pentz. Zum Teil seien es jedoch wirklich nur Blitzbesuche bei den pflegebedürftigen Menschen, anders gehe es nicht.

"Altenpfleger, das ist: Arzt, Krankenschwester, Seelentröster, Ex-Partner und bester Freund"

Für Gespräche mit ihren Patienten ist keine Zeit vorgesehen, das musste auch Ross Antony erkennen. "Ich habe nicht gedacht, dass es wirklich so schnell gehen muss", so der Sänger. "Ich dachte, wir kommen rein, können uns kurz unterhalten, wie sich die Patienten fühlen, trinken vielleicht einen Tee. Aber es muss wirklich richtig schnell gehen."

Offene Wunden, ansteckende Keime, künstlicher Darmausgang – Petra Pentz kümmerte sich an diesem Tag um diverse medizinische Fälle, die Ross Antony wieder an seine Grenzen brachten. Und er hat begriffen, wie vielschichtig der Pflegeberuf ist, die Menschlichkeit neben der reinen Pflege aber nicht fehlen darf. "Ich bin sehr beeindruckt, was ich in den zwei Tagen miterlebt haben", so Antonys Resümee. "Wenn ich den Job eines Altenpflegers jetzt beschreiben müsste: Es ist jemand, der bereit ist, als Arzt, als Krankenschwester, als Seelentröster, als Ex-Partner, als bester Freund zu fungieren. Es ist verdammt harte Arbeit."

Für Ross Antony seien es zwei anstrengende Tage gewesen, sowohl körperlich als auch emotional, sagt er. Er wünsche sich nun mit allem Nachdruck, dass sich die Politiker zusammensetzen und endlich etwas in Bewegung bringen: "Es ist Zeit!"

"Kaum jemand kann sich vorstellen, mit welchem Zeitlimit wir arbeiten müssen"

Bei stern TV sprach Ross Antony darüber, was ihn besonders berührt, beeindruckt und auch wütend gemacht hat. Die Bedingungen, unter denen die meisten Altenpfleger arbeiten, sind hart. Enorme körperliche und seelische Belastungen, geringe Löhne – und kein Ende des Pflegenotstands abzusehen. Wie lässt sich das ändern? Bei Steffen Hallaschka im Studio diskutierten darüber neben Ross Antony die mobile Pflegefachkraft Petra Pentz, die Antony einen Tag lang begleitet hat, und die Grünen-Politikerin und Bundestagssprecherin für Pflegepolitik Kordula Schulz-Asche.

Studiogespräch vom 08.08.2018: "Kaum jemand kann sich vorstellen, mit welchem Zeitlimit wir arbeiten müssen"