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Kommissar adoptiert Opfer: Neue Perspektive nach einer Familientragödie

Alex war erst elf Jahre alt, als sein Vater vor seinen Augen seine Mutter ermordete. Wie kann man einem solchen Kind helfen? Der zuständige Polizist fand die beste Lösung: Er adoptierte den Jungen kurzerhand.

"Mein Vater war einfach mein Hafen. Er hat alles richtig gemacht", sagt Alex heute. "Ein liebenswerter Mann. Er hat mir den Rahmen geliefert, den ich brauchte, um groß zu werden." Gemeint ist damit sein Adoptiv-Vater Carlos Benede. Die beiden begegneten sich vor 15 Jahren. Benede war Polizist und Alex das Opfer einer Straftat. Der damals Elfjährige musste miterleben, wie sein leiblicher Vater seine Mutter erstach. "Sie war für mich alles, was ich mir nur vorstellen konnte", erinnert sich Alex. "Es war für mich der beste Mensch. Sie hat für mich alles gegeben. Am Ende sogar ihr Leben." Alex‘ leiblicher Vater hatte die Familie schon mehrfach bedroht. Aus diesem Grund erhielt die Familie Polizeischutz – und trotzdem gelang es dem Vater an dem verhängnisvollen Abend irgendwie, unbemerkt in die Wohnung zu kommen. Für den jungen Mann sind die Bilder immer noch ganz deutlich: "Der komplette Ablauf. Alles was ich gesehen habe. Meine Mutter in der Küche auf dem Boden liegend, die Polizei, alles." Unzählige Anlässe förderten die Erinnerungen immer wieder zutage, sagt er.

 

Unmittelbar nach der Tat nahm sich Carlos Benede, der gelernte Pädagoge im Kommissariat für Prävention und Opferschutz in München, des traumatisierten Jungen an. Obwohl die Polizei für Alex zunächst nichts Gutes verhieß, wie er glaubte, wurde Carlos Benede bald zu seinem Vertrauten. Der Polizeipädagoge lenkte das Kind ab von den schrecklichen Erlebnissen, andererseits half er Alex auch, weil er mit Benede darüber normal sprechen konnte. "Er wusste genau, welcher Situation ich ausgeliefert war. Aber er ist mir nicht mit Mitleid begegnet und das war der Schlüssel zum Erfolg. Das war der erste Schritt zu meinem Vertrauen. Weil ich niemand war, der betätschelt werden wollte“, sagt der inzwischen 27-jährige Alex. 

 

"Ich habe einfach 'Ja' gesagt"

Als der Gerichtsprozess gegen seinen leiblichen Vater anstand, begleitete Carlos Benede den inzwischen 12-Jährigen dorthin. Der Junge sagte gegen seinen Vater aus. "Ich wollte derjenige sein, der meine Mutter vertritt, dort im Gerichtssaal. Und der sagt, was vorgefallen ist. Weil ich in vielen, vielen Jahren davor schon mitbekommen hatte, wie schlecht meine Mutter behandelt wurde." Alex‘ leiblicher Vater wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Damit war die Arbeit von Carlos Benede eigentlich beendet. Doch kurz darauf erhielt der Polizist einen Anruf: Alex habe den Wunsch geäußert, dauerhaft bei ihm zu bleiben. "Und da habe ich einfach 'ja' gesagt, ohne lang zu überlegen. Ich wusste, um wen es geht, ich kannte seine Geschichte", erzählt Carlos Benede. "Aber dann bin ich rausgegangen nach Hause, das weiß ich noch, und habe mir gedacht: Kruzifix, was hast du denn jetzt eigentlich getan?".

Trotz anfänglicher Zweifel gab Carlos Benede dem Jungen ein neues Zuhause und damit die Möglichkeit, die schrecklichen Ereignisse zu verarbeiten. Benede weiß selbst, wie es ist, ohne Eltern aufzuwachsen. Er hatte seinen eigenen Vater nie kennen gelernt, seine spanische Mutter hatte sich mit ihm überfordert gefühlt und in ein Kinderheim gegeben.

Eines Tages habe Alex ihn beim Frühstück einfach frei heraus gefragt: 'Wie wäre es, wenn du mich adoptieren würdest?' Und Benede sagte ein zweites Mal direkt 'Ja'.

Nach Schicksalsschlägen neue Perspektiven bieten

Mittlerweile ist die kleine Familie zu dritt. Vor neun Jahren nahm Carlos Benede ein weiteres Opfer bei sich auf: einen Jungen, der wie Alex mit ansehen musste, wie seine Mutter getötet wurde. "An dem Abend habe ich den Alex geweckt und gesagt: 'Da kommt jetzt jemand, dem ist dasselbe widerfahren'", erinnert sich Benede. Sein Adoptivsohn erklärte sich sofort einverstanden, die beiden Jungen verstanden sich gut. Carlos Benede adoptierte auch jenen Jungen. Die ungewöhnliche Familienkonstellation von Kommissar und Opfern erwies sich für die Jungen als Glücksfall, wie Alex sagt: "Ich bin an dem Punkt angekommen, an dem ich sagen würde, ich bin da – und nicht mehr in einer Parallelwelt, getrieben von Angst, vom Schicksal, von der Vergangenheit. Ich bin im Hier und Jetzt angekommen. Und daran hat mein Vater großen Anteil."

Carlos Benede ist seit Jahresanfang kein Polizist mehr. Er leitet jetzt hauptberuflich die Jugendhilfeeinrichtung "Weitblick" in Dachau, wo er schwer erziehbare und kriminelle Jugendliche betreut. Ihm ist es egal, welche Vergangenheit die Jungen haben, er gibt allen Bewohnern eine neue Chance. So wie er es damals, vor 15 Jahren, das erste Mal mit Alex gemacht hat. 

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