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Langzeitstillen: Warum Mütter ihr Kind bis zum fünften Lebensjahr stillen – und manche das abartig finden

Bis wann müssen, sollen oder dürfen Kinder gestillt werden? Ein kontroverses Thema. Insbesondere, wenn sich Langzeitstillerinnen "outen". stern TV hat sie getroffen. Und auch Frauen, die vehement dagegen sind.

Model und zweifache Mutter Sara Kulka (28) ist überzeugte Langzeitstillerin.

Model und zweifache Mutter Sara Kulka (28) ist überzeugte Langzeitstillerin.

"Dass ich meinen Sohn noch stille, weiß nur mein nahes Umfeld, sonst niemand, weil ich keine Lust auf die Diskussionen habe", erzählt uns eine Mutter. stern TV hat mit Frauen über das Thema Langzeitstillen gesprochen. Als Langzeitstillen gilt das Stillen über das erste Lebensjahr eines Kindes hinaus. "Alles was darüber hinausgeht, finden viele abartig oder gar pervers", berichtet eine andere Mutter.

Tatsächlich ist Stillen in Deutschland ein Debattenthema. Gar nicht stillen oder bis zum zweiten, dritten oder gar fünften Lebensjahr – beides wird oftmals kritisiert. Nur die Hälfte aller Mütter stillt noch nach dem sechsten Monat. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt Babys genau diesen Zeitraum ausschließlich zu stillen, um den Magen-Darm-Trakt zu schützen und die Entwicklung optimal zu fördern. Zudem ist Muttermilch eine wichtige Nährstoffquelle, natürlich auch später noch. Es gilt als unumstritten, dass das Stillen in den ersten vier bis sechs Monaten für Säuglinge empfehlenswert ist. Vor allem in Ländern, in denen alternative Babynahrung nicht sicher ist. In einem Land wie Deutschland ist eine Versorgung des Kindes mit allen wichtigen Nährstoffen aber auch ohne Stillen möglich.

"Es stillen viele Frauen lange, aber die meisten verstecken sich"

Also bleibt es den Müttern hierzulande selbst überlassen, ob sie ihr Kind überhaupt stillen und wie lange. Eine bekannte Vertreterin des Langzeitstillens ist das ehemalige GNTM-Model Sara Kulka (28), deren öffentliches "Outing", dass sie ihre zweieinhalbjährige Tochter Matilda noch die Brust gab, eher unbeabsichtigt passierte. Vor sechs Jahren hätte sie selbst nie geglaubt, dass sie einmal Langzeitstillerin würde, "aber ich habe gemerkt, dass Matilda es sehr, sehr gebraucht hat. Und dann wurde es immer länger und länger – und irgendwann habe ich mich deswegen versteckt." Durch Dreharbeiten wurde es plötzlich öffentlich. Schlagzeilen, die dem Model damals peinlich waren. Neben 1000 Hasskommentaren und Missbilligungen bis hin zu Beleidigungen habe sie aber auch viel Unterstützung von anderen Müttern erhalten. "Es stillen viele Frauen lange, aber die meisten verstecken sich", stellt Kulka fest. Ihre Tochter Matilda wurde noch gestillt, bis sie drei Jahre alt war. Und auch für ihr zweites Kind Annabell ist Mamas Brust jederzeit verfügbar. Annabell ist jetzt zwei. "Für mich fühlt es sich normal und richtig an und ist gar nicht so der Rede wert", sagt Sara Kulka.

Dennoch ist Langzeitstillen in Deutschland eher selten. Die betreffenden Mütter täten das vielfach nur für ihr eigenes Ego, um das Kind an sich zu binden, dabei seien Kinder ab einem gewissen Alter doch keine hilfsbedürftigen Säuglinge mehr, lauten die Gegenargumente. Aus medizinischer Sicht ist schon eine viermonatige Stilldauer vollkommen ausreichend. "Es ist es nicht zwingend gesünder, wenn man zwei oder drei Jahre länger stillt", erklärt Kinderärztin Dr. Amelie Erbler, "sondern nach dem ersten halben Jahr geht es im Grunde um Bindung oder um Rituale zwischen Mutter und Kind." Die langzeitstillenden Mütter bestätigen uns das. "Das hört irgendwann von selber auf", sagt etwa Nicole Bielke, die zurzeit noch ihre vierjährige Tochter stillt. "Ob die Kinder trocken werden, oder ihren Schnuller abgeben, irgendwann ist der Zeitpunkt da, wo das von selbst passiert." Ihre kleine Milena geht längst in den Kindergarten, sie ist selbstbewusst und selbständig. Zu Hause mag sie am liebsten Gulasch essen. Das Mädchen isst ganz normal und genauso viel wie andere Kinder. "Und ab und zu stillt sie. Wenn sie das zum Einschlafen oder Aufwachen braucht, dann ist das so. Und dann sehe ich da überhaupt nichts Unnatürliches oder Verwerfliches dran", sagt Nicole Bielke. Das Problem sei eher ein gesellschaftliches. Viele Leute würden sich daran stören, dass sie ein größeres Kind noch immer an der Brust Milch trinken sehen. "Im Gegensatz zu Kindern, die immer noch den Schnuller nehmen – das wird nicht hinterfragt!"

Der Anblick eines älteren Kindes an der Brust ist für viele befremdlich

Unter den stern TV-Zuschauerinnen sind viele Frauen der Meinung, dass das Abstillen zum Größerwerden gehört. "Für mich ist befremdlich, wenn Kinder schon rumlaufen und spielen und dann kommen und den Pulli von der Mama hochschieben und sich dann quasi bedienen", sagt uns eine Mutter, eine andere meint: "Mein Wunsch ist einfach, dass diese Mütter rechtzeitig aufhören, bevor es für das Kind peinlich wird – oder sogar für die Mutter." Auch Schauspielerin und zweifache Mutter Juliette Greco (37) kann sich das nicht vorstellen. "Ich möchte mich nicht mit meinem Kind über das Stillen unterhalten müssen, und ich möchte nicht hören 'Ey, Mama, mach mal die Brust frei' oder so." Juliette Greco hat gerade ihr zweites Kind Felice bekommen. Für ihn ist sie jetzt extra aus der RTL-Serie ausgestiegen. Der Kleine wird gestillt. Die Schauspielerin verurteilt Langzeitstillerinnen nicht, sie sagt aber auch: "Für mich kommt das nicht infrage. Ich will meinen Körper zurück. Ich fühle mich durch das Stillen auch fremdbestimmt. Ich genieße das, aber für mich ist Schluss wenn er anfängt mich zu beißen."

Studiogespräch vom 05.12.2018: Langzeitstillen: "Das heißt ja nicht, dass das Kind ständig an der Brust ist"

Zuschauerdebatte