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Panikattacken und Angststörungen: Sänger Nicholas Müller: "Diese Krankheit kann jeden treffen"

Nicholas Müller wurde als Sänger der Band "Jupiter Jones" bekannt. Als seine Panikattacken häufiger kamen, gab er seinen Traum vorerst auf. Jetzt ist er therapiert und spricht über seine und die Krankheit unzähliger Betroffener.

Als Sänger der Band "Jupiter Jones" feierte Nicholas Müller Erfolge. Dann erfassten ihn immer häufiger Panikattacken, so dass er die Band verließ.

Als Sänger der Band "Jupiter Jones" feierte Nicholas Müller Erfolge. Dann erfassten ihn immer häufiger Panikattacken, so dass er die Band verließ.

Ende September stand Nicholas Müller das erste Mal nach anderthalb Jahren wieder auf der Bühne. Auf dem Reeperbahnfestival in Hamburg hatte er seinen ersten öffentlichen Auftritt, nachdem er sich Anfang 2014 zurückgezogen hatte. Herzrasen, Schweißausbrüche, Schwindel – das waren nicht etwa Symptome von Lampenfieber, die den Rocksänger zu diesem Schritt zwangen. Nicholas Müller litt an massiven Panikattacken. "Es ist die schiere Angst vor dem Sterben", beschreibt er die Krankheit, die ihn über zehn Jahre mal seltener, aber schließlich täglich mehrmals ereilte.

Nicholas Müller war zwölf Jahre lang Frontmann, Sänger und Gitarrist der Erfolgsband "Jupiter Jones", die 2012 mit dem Echo ausgezeichnet wurde. Ihr größter Hit "Still“ war 2011 52 Wochen in den deutschen Charts platziert. Nicholas Müller lebte seinen Traum vom Leben als erfolgreicher Rockmusiker, während es ihm psychisch immer schlechter ging. "Ich habe schon länger gemerkt, dass da was nicht stimmt. Ich dachte aber, dass ich das einfach durchziehe, auch durchziehen kann – weil es eben dieser Traumjob ist."

Obwohl er von den Angst- und Panikattacken im Alltag bereits stark gehandicapt war, fühlte er sich auf der Bühne lange Zeit noch wohl, sagt er: "Die Bühne war immer mein angstfreier Raum". Doch dann fiel auch diese letzte "Bastian", wie er selbst sagt. Nicholas Müller wurde schmerzlich klar: Er kann und will so nicht mehr weitermachen. Auf dem Höhepunkt des Erfolges verließ Nicholas Müller seine Band und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück.

Belastende Erlebnisse als mögliche Ursache

Wie bei Nicholas Müller werden die ganz verschieden ausgeprägten Angststörungen in vielen Fällen von belastenden oder traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit ausgelöst. Müller verlor innerhalb eines Jahres seine Großmutter und seine Mutter, die beide an Krebs starben. "Meine erste Panikattacke hatte ich auf der Trauerfeier meiner Mutter", so der 34-Jährige. Nicholas Müller ließ sich damals von Kardiologen, Neurologen und Internisten untersuchen. Körperlich war er ganz gesund. "Es hat sich immer mal wieder verstärkt. Zwischendurch gab es auch mal angstfreie Phasen. Es war ein Auf und Ab, ohne chronisch zu sein," so Müller. "Hätte ich damals gewusst, worum es geht, und hätte ich sofort die richtige Hilfe in Anspruch nehmen können, dann wäre es wahrscheinlich auch niemals chronisch geworden." Doch ohne einen Behandlungsansatz wurden die Attacken immer häufiger. Schließlich habe er die Attacken so sehr gefürchtet, dass sie sich erst recht häuften. Hinzu kam eine permanente, diffuse Angst. "Wenn die Angst kommt, dann fühlt sich das so an, als wenn man im Auto mit 130 Sachen unkontrolliert auf eine Mauer zurast. Panik, Todesangst. Nur nicht wenige Sekunden, sondern ausgedehnt auf eine halbe oder dreiviertel Stunde. Und fünfmal so intensiv. Und je häufiger man diesen Attacken bekommt, desto größer wird die Angst vor der Angst."

Sich den Ängsten stellen

Als er den normalen Alltag kaum noch bewältigen, manchmal das Haus gar nicht mehr verlassen konnte, zog Nicholas Müller zu seinem Vater. Nach mehreren ambulanten Therapien ging er in die Magdalenen-Klinik in Georgsmarienhütte, wo er zehn Wochen stationär behandelt wurde. "Er wusste sich da keinen Rat und auch keinen Ausweg mehr. Und nachdem auch sein berufliches Leben beeinträchtigt worden war, musste er sich seinen Ängsten stellen", sagt Dr. Annette Brauch, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Mit Medikamenten und einer Verhaltenstherapie machte Nicholas Müller langsam Fortschritte.

Heute fühlt er sich wieder gefestigt genug und wagt den Schritt zurück auf die Bühne. Gemeinsam mit seinem Freund Tobias Schmitz gründete er die  Band "Von Brücken" und steht wieder als Sänger auf der Bühne. Noch weiß er nicht sicher, ob er von seiner Angststörung geheilt ist: "Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem wir sozusagen eine friedliche Ko-Existenz führen, bei der ich aber das Sagen habe. Ich behalte die Oberhand. Und das ist ganz wichtig." 

Eines der Hauptthemen der modernen Psychotherapie

Bei stern TV warb Nicholas Müller dafür, der Erkrankung mehr Aufmerksamkeit und Verständnis entgegen zu bringen. Angst sei seit Menschengedenken ein völlig normaler Reflex, das habe nichts mit Verrücktsein zu tun. Die Betroffenen würden jeden Tag darunter leiden, doch ihnen sei auch zu helfen. "Angststörungen sind eines der Hauptthemen in der modernen Psychotherapie. Und dennoch gibt es so viele Menschen, die überhaupt nichts darüber wissen. Das ist traurig, das ist schade für alle Betroffenen und für alle Partner von Betroffenen", so Müller. "Vor allen Dingen erzeugt es eine Form von Scham, die Betroffenen aufgebürdet wird und die unnötig ist." Es werde jedoch kaum darüber gesprochen, weil wir heute in einer Gesellschaft voller Leistungsträger leben würden, in der Angst kein Thema sein dürfe. "Es ist eine Krankheit, die eben jeden treffen kann. Egal, welche Altersgruppe oder welche Berufsgruppe."