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Lebenswirklichkeit von Müttern: Ein Plädoyer für alle alleinerziehenden Frauen in Deutschland

Alleinerziehende Mütter haben es finanziell sehr schwer. Sie haben es sehr schwer auf dem Wohnungsmarkt und auf dem Arbeitsmarkt. Und auch, wenn es darum geht, einen neuen Partner zu finden. Zeit, sich diesen Frauen und ihren Problemen zu widmen.

Antonia (36) ist Vollzeit berufstätig und kümmert sich alleine um ihre beiden kleinen Kinder.

Sie müssen den Haushalt führen, die Kinderbetreuung organisieren, Behördengänge erledigen - bei ausnahmslos allen Dingen des täglichen Lebens einer Familie sind alleinerziehende Mütter auf sich selbst angewiesen. Viele von ihnen sind finanziell schlecht gestellt, kämpfen teils über Jahre um Unterhaltszahlungen oder Vorschussgelder. Wer einen Job hat, oder gar mehrere, muss straff organisiert sein. Hausaufgaben kontrollieren, Elternabende, Arztbesuche, Spielplatz, Zeit für die Kinder – auch das gehört dazu. Denn wie alle anderen haben alleinerziehende Frauen auch den Anspruch, eine gute Mutter zu sein. Für sie selbst bleibt dabei kaum Zeit. Und dann immer wieder dieses Gefühl, als "Mutter zweiter Klasse" behandelt zu werden. Das muss sich für viele Alleinerziehende dermaßen unfair anfühlen. "Man ist dauernd an seinen Grenzen. Aber man überspielt das natürlich weil es einen im Alltag nicht weiterbringt", sagt Antonia Jäger, die sich seit anderthalb Jahren allein um ihre beiden drei und sieben Jahre alten Kinder kümmert und nebenbei berufstätig ist.

Auf unsere Frage nach ihren Sorgen und Nöten, die sie als Alleinerziehende haben, meldeten sich etliche Zuschauerinnen bei stern TV. Mit einigen von ihnen haben wir gesprochen und sie auch besucht. Antonia Jäger hat neben dem Familienleben zwei Jobs, begleitet ihre Kinder zu ihren Hobbies und muss natürlich auf die Finanzen achten. Als wir sie einen Tag begleitet haben, war sie schon in aller Frühe wach, um den Kindern Frühstück zu machen, sich um ihre Sachen für den Tag zu kümmern und sie dann in den Kindergarten und in die Schule zu bringen. Bei zwei "morgennörgeligen" Kindern nicht immer einfach, sagt sie. Nachdem sie beide abgesetzt  hat, kann die 36-Jährige auf dem Weg ins Büro das erste Mal durchatmen. "Ich sage mir dann immer: Den ersten Teil habe ich geschafft." Antonia arbeitet Vollzeit im Büro einer Logistikfirma. Was sie dort bis 14 Uhr nicht schafft, macht sie abends. "Natürlich habe ich mich bewusst für die Trennung entschieden. Aber ich hatte ja ursprünglich einen anderen Lebensplan. Ich wollte nicht mit Mitte 30 alleinerziehend sein", sagt sie.

"Wir kämpfen mit vielen Vorurteilen"

Christina Morgenroth ist 28 Jahre und praktisch seit der Geburt ihres Sohnes Thiago alleinerziehend. Auch sie habe niemals geglaubt, dass sie einmal ohne Mann dastehen würde. Der Vater verließ die Familie, als Thiago gerade 11 Wochen alt war – für die damals 25-Jährige ein Schock. "Es war wie eine ganz große Ohnmacht", sagt Christina. Fast drei Jahre hat sie nach einer Wohnung für sich und ihren Sohn suchen müssen, bis sie vor drei Monaten eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung bekam. Ihr dreijähriger Sohn schläft mit ihr im Schlafzimmer. "Es immer noch ein Stigma, auch wenn Alleinerziehende 20 Prozent der Familien ausmachen. Uns wird wenig zugetraut, obwohl wir diejenigen sind, die doppelt soviel leisten müssen um voranzukommen. Aber wir kämpfen auch mit Vorurteilen", so die 28-Jährige.

Die Zahl der Familienform "alleinerziehend" hat in den letzten 20 Jahren drastisch zugenommen. Meist sind es Mütter. Knapp ein Drittel der Frauen, die mit mindestens einem minderjährigen Kind allein leben, waren 2017 ohne feste Arbeitsstelle. Alleinerziehende und ihre Kinder sind überdurchschnittlich häufig armutsgefährdet. Im Prinzip tragen sie das größte Armutsrisiko in ganz Deutschland. Auf dem Wohnungsmarkt haben sie es schwer. Bezahlbarer Wohnraum ist hierzulande ohnehin knapp. Bei alledem zwangsläufig mit betroffen: die Kinder, ihre Entwicklung, ihre Zukunft. Mit dem Unterhaltsvorschuss, Kindergelderhöhung und Steuerentlastungen versucht die Politik gegenzusteuern. Mit mittelbarem Erfolg.

"Mit Sorgen, Ängsten und allen Entscheidungen ist man alleine"

Christina Morgenroth ist schon morgens um sieben Uhr mit Thiago unterwegs. Nachdem sie ihren Sohn im Kindergarten abgegeben hat, fährt die 28-Jährige zur Uni, wo sie Englisch und Wirtschaft auf Lehramt studiert. Ursprünglich hatte sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht, doch der Verdienst reichte ihr nicht aus. "Zu studieren war die einzige Lösung,

nicht in der Altersarmut zu landen. Ich kann als Lehrerin dann oft von zu Hause aus arbeiten, bin in der Nähe meines Kindes und verdiene besser, wenn ich verbeamtet werde." Ein typisches Studentenleben hat Christina trotzdem nicht; vom Campus fährt sie schnellstmöglich zurück, um ihren Sohn aus der Kita zu holen – oft aber erst nach zehn Stunden. "Ein schlechtes Gewissen habe ich immer wieder, vor allem an den langen Tagen", sagt sie.

Lange Tage, die kennt Antonia Jäger nur zu gut: Wenn sie ihre Kinder abends um halb neun ins Bett bekommen hat, klappt sie ihren Laptop auf, um für ihren ersten oder ihren zweiten Job zu arbeiten. Sie habe zwar wenig Zeit, sich Gedanken über sich selbst zu machen, trotzdem merke sie, dass ihr ein Mensch an der Seite fehlt. "Man sitzt abends auf dem Sofa und ist alleine. Man ist wirklich alleine. Man versucht tagsüber stark zu sein – und abends, wenn die Kinder schlafen, bricht das alles aus einem heraus", erzählt die 36-Jährige. "Man ist mit all diesen Fragen alleine. Und diese Ängste – etwa 'Kann ich morgen meine Miete bezahlen? Ist mein Job stabil? Bin ich stabil? Mache ich es mit den Kindern richtig?' – damit ist man alleine."

So ähnlich drückt es auch Christina Morgenroth aus, und viele Frauen würden das sicher bestätigen: "Alleinerziehend zu sein bedeutet, alle Entscheidungen alleine treffen zu müssen. Aber vor allem, niemanden zu haben, der die Verantwortung für die Entscheidungen mitträgt, die aber immer da ist und ganz viel Kraft kostet."

07.11.2018: Alleinerziehende Schauspierin Nina Petri: "Ich habe die Kinder angebrüllt und bin zusammengebrochen. So konnte es nicht weitergehen"

Live in der Sendung sprach Steffen Hallaschka mit der alleinerziehenden Mutter bekannten Bloggerin Annette Loers aus Stuttgart über ihre eigene und die Situation der vielen Frauen in Deutschland. Auch die Schauspielerin Nina Petri hat ihre Zwillinge seit ihrem dritten Lebensjahr als Alleinerziehende großgezogen, teilweise sogar ihren Ex-Mann mitfinanziert. Sie sagt: "Alleinerziehend bedeutet zunächst mal den Alltag überhaupt zu meistern und dann eben auch eine finanzielle Belastung."


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