HOME

Mutterglück trotz Krebstherapie

Mutter zu werden gehörte schon immer zu Jana Bogatzkes Lebensplanung. Dann erhielt die 34-Jährige plötzlich die Diagnose: Krebs. Chemo, Bestrahlung - all das würde ihre Zukunftsträume wohl zerstören. Mit Hilfe einer neuen medizinischen Methode wurde ihr Mutterglück doch noch wahr.

Mutterglück dank Medical Freezing: Trotz Krebsdiagnose und Strahlentherapie konnte Jana Bogatzke anschließend noch auf natürlichem Weg schwanger werden und ihre Tochter Lina zur Welt bringen. 

Mutterglück dank Medical Freezing: Trotz Krebsdiagnose und Strahlentherapie konnte Jana Bogatzke anschließend noch auf natürlichem Weg schwanger werden und ihre Tochter Lina zur Welt bringen. 


Jana Bogatzke hatte sich immer ein Kind gewünscht. Sie hatte einen tollen Job und gemeinsam mit ihrem Freund ein Haus gekauft – das Paar war bereit für das anstehende Elternglück. Dann, aus heiterem Himmel, erhielt sie die niederschmetternde Diagnose: Brustkrebs. "Ich war 34, mein Mann hatte mir gerade kurz zuvor einen Heiratsantrag gemacht und ich war im Kopf mit den Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt – es war ein totaler Schock", erzählt Jana Bogatzke. Ein weiterer Schock folgte, als sie damals erfuhr, dass sie durch die anstehende Chemotherapie unfruchtbar werden könnte. "Man hat Todesangst. Weil man nicht weiß, wie das für einen selbst ausgeht. Und dann noch das. Mein Mann und ich wollten ja Kinder. Für uns war der Kinderwunsch schon groß."

Jana Bogatzke erfuhr aber auch, dass es inzwischen Möglichkeiten gibt, die Fruchtbarkeit von Frauen mit bösartigen Krankheitsdiagnosen zu erhalten – durch die so genannte Fertilitätsprotektion. Die damals 34-Jährige entschied sich vor Beginn der Krebstherapie für diesen kleinen Eingriff: Die Ärzte entnahmen ihr ein Stück ihres Eierstockgewebes, in dem üblicherweise zahlreiche weibliche Eizellen angelegt sind. Anschließend wurde das Gewebe bei -196 Grad tiefgefroren. Während der aggressiven Chemotherapie könnte das verbleibende Gewebe, in dem sich die Eifollikel im Uterus befinden, geschädigt werden. Bei vielen Frauen, die eine Chemo erhalten, werden diese Eizellen reduziert oder gar ganz zerstört.
Wird allerdings das zuvor entnommene und somit geschützte Follikel-Gewebe nach der Behandlung wieder eingepflanzt, beginnt der Eierstock der Frau häufig wieder normal zu arbeiten. Die Eizellen können reifen und es ist eine natürliche Schwangerschaft möglich. Jana Bogatzke hoffte, dass das auch bei ihr so sein würde.

"Frauen sind über die Möglichkeiten zu wenig informiert"

Während der Chemotherapie hatte sie mit den Nebenwirkungen schwer zu kämpfen. Sie verlor ihre Haare, fühlte sich kraftlos und ihr war ständig übel. Jana Bogatzke wurde die Brust entfernt. Sie bekam acht Mal eine Chemotherapie und 38 Bestrahlungen. "Man guckt in den Spiegel und sieht einen Menschen, der krank aussieht, der dunkle Augenringe hat, der keine Haare hat. Man sieht aus wie ein nackter Wurm, so habe ich mich in der Zeit gesehen", erzählt sie. "Man ist nicht immer stark. Man sitzt auch oft im stillen Kämmerlein und dann fließend die Tränen."
Doch irgendwann hatte sie die schwere Krankheit überstanden – und fasste neuen Lebensmut. Nur eine Schwangerschaft wollte sich nicht einstellen. Wie befürchtet blieb bei Jana Bogatzke der natürlich Eisprung aus. Deshalb ließ sie sich an der Uniklinik Erlangen, wo man seit Jahren mit diesem Verfahren arbeitet, ihr konserviertes Eierstockgewebe wieder einsetzen. Die Wahrscheinlichkeit, danach tatsächlich schwanger zu werden, liegt immerhin bei 30 Prozent, wie der Chefarzt der Universitäts-Frauenklinik Prof. Dr. Matthias Beckmann weiß: "Damit ist die Rate genauso hoch, wie bei Nicht-Krebspatienten, die künstliche Befruchtungsmaßnahmen ergreifen. Es gibt da keinen Unterschied." Leider seien Frauen über die Möglichkeit, aus medizinischen Gründen Gewebe einzufrieren, jedoch bisher wenig informiert, so der Experte auf dem Gebiet des "Medical Freezing" zu stern TV.

Jana Bogatzke war ein halbes Jahr später tatsächlich auf natürlichem Wege schwanger geworden. Doch sie verlor den Fötus in der neunten Woche. Schon kurz darauf aber war sie erneut guter Hoffnung. Am 30. April 2015 brachte Jana Bogatzke ihre Tochter Lina auf die Welt – gesund und munter. "Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, dass wir jetzt als Familie hier sein können, nach den doch anstrengenden Jahren zuvor", sagt die inzwischen 41-Jährige glücklich. "So ein kleiner Wurm entschädigt doch für vieles!" 

Durch die Erhaltung der Fruchtbarkeit an die eigene Zukunft glauben

Laut Prof. Beckmann sei es kein zu unterschätzender Faktor, dass die Frauen sich durch die Möglichkeit der Fertilitätsprotektion bereits im Vorfeld der Krebsbehandlung mit ihrer Zukunft beschäftigen: "Das Sprechen über die Zeit danach zeigt der Frau, dass sie das, was an Behandlungen vor ihr liegt, überleben wird. Dass wir etwas planen, das erst in zwei oder drei Jahren sein wird – was die Frau ganz dramatisch unterstützt." 

Während Jana Bogatzke ihre kleine Tochter in den Armen hielt, erfuhr Annett Meisel gerade erst von ihrer Erkrankung. Die 29-jährige Hamburgerin erhielt 2015 die Diagnose. Sie hatte einen bösartigen Tumor in der Brust, der entfernt werden musste. Doch das reichte nicht aus. Annett Meisel bekam 16 Chemotherapien und musste anschließend täglich zur Bestrahlung in die Klinik. Auch sie machte den langen Weg der schlimmen Nebenwirkungen durch. Sie habe sich oft einsam gefühlt, erzählt sie: "Andere Leute haben Beziehungen, meine ist durch die Diagnose und all das in die Brüche gegangen. Das war einfach eine große Belastung, würde ich sagen. Und man wünscht sich doch jemanden, der einen mal in Arm nimmt. Das hatte ich eben nicht."
Nicht allein die Krebsbehandlung war für Annett Meisel  eine Tortur – auch die Befürchtung, dass sie durch die Chemotherapie unfruchtbar werden könnte, war für die junge Frau von Anfang an ein Problem. Durch Prof. Eckhard Groepel vom Mammazentrum im Jerusalemkrankenhaus Hamburg hatte sie erfahren, dass sie ihre Chancen erhöhen könnte, auch nach der Behandlung noch schwanger zu werden: durch eine Eizellenentnahme. Dafür erhält die Frau im Vorfeld Hormonspritzen, damit gleich mehrere Eizellen heranreifen. Sobald diese groß genug sind, werden sie abgesaugt und anschließend tiefgefroren. Nach der erfolgreichen Krebstherapie können die Eizellen der Frau wieder aufgetaut, befruchtet und ihr dann eingesetzt werden.
Annett Meisel hatte trotz hoher Kosten von 3000 Euro sechs Eizellen einfrieren lassen. Für die Lagerung der Zellen kommen pro Jahr noch einmal 400 Euro hinzu. Wäre Annett Meisel verheiratet, würde die Krankenkasse die Kosten tragen. In ihrem Fall aber nicht. "Da ist man auch erstmal fertig, weil man Angst hat, dass man wegen Geld keine Kinder mehr haben kann", erzählt die junge Frau. Prof. Groepel sieht das ähnlich: "Das ist schon sehr kritisch zu betrachten und es muss da auch politisch relativ schnell eine Änderung erfolgen", so der Arzt zu stern TV. 

Annett Meisel muss noch mindestens vier Jahre warten, bis sie sich den Kinderwunsch erfüllen könnte. So lange muss sie weiterhin täglich Tabletten nehmen und bekommt alle vier Wochen eine Spritze, damit der Krebs nicht zurückkommt. Diese Zeit will sie erst einmal hinter sich bringen und wieder anfangen, ein normales Leben zu führen. "Das ist es, woran ich mich festhalte, dass ich dann vielleicht doch irgendwann eine Familie haben kann."

Das könnte Sie auch interessieren