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Mord in Berliner Tiergarten: Mutmaßlicher Täter hätte längst abgeschoben werden müssen

Klaus Rasch und Susanne Fontaine waren 40 Jahre lang unzertrennlich. Dann wurde sie ihm genommen. Die 60-Jährige wurde im Berliner Tiergarten überfallen und getötet. Der mutmaßliche Täter ist ein Tschetschene, der gar nicht in Deutschland hätte sein dürfen.

Die Gedenkstätte für Susanne Fontaine im Tiergarten Berlin, wo die 60-Jährige am Abend des 5. September überfallen und getötet wurde.

Die Gedenkstätte für Susanne Fontaine im Tiergarten Berlin, wo die 60-Jährige am Abend des 5. September überfallen und getötet wurde.

Der Mord an Susanne Fontaine erinnert an einige andere Vorfälle, die sich in Deutschland ereignet haben: Ein Ausländer, der den Behörden bekannt war und längst nicht mehr in Deutschland hätte sein dürfen, begeht eine schlimme Straftat. So sieht es auch in diesem Fall aus: Erst vor wenigen Wochen, am 5. September, wurde die Kunsthistorikerin Susanne Fontaine im Berliner Tiergarten überfallen und getötet. Festgenommen wurde dafür Ilyas A., ein 18-jähriger Mann aus Tschetschenien.

Susanne Fontaines Leiche wurde erst drei Tage nach ihrem Verschwinden im Berliner Tiergarten gefunden. Seitdem ist auch das Leben von Klaus Rasch wie ausgelöscht, die beiden waren 40 Jahre lang ein Paar. Der 66-Jährige hatte die Gegend, wo sich Susanne Fontaine abends von ihren Freundinnen verabschiedet hatte, immer wieder selbst abgesucht - bis er die traurige Gewissheit erhielt. Seine Susanne ist tot. Vermutlich wurde sie erwürgt. "Das tut so weh, das kann man sich gar nicht vorstellen", sagt Klaus Rasch. "Da laufen plötzlich 40 Jahre wie im Zeitraffer ab. Alles, was wir erlebt und gemacht haben. Und alles war plötzlich mit einem dicken schwarzen Schlussstrich unterzeichnet." Die Gedenkstätte ihres Fundortes ist für Klaus Rasch im Moment der wichtigste Ort, dort spüre er den Schmerz noch einmal anders, sagt er: "Ich weiß, dass sie hier die letzten bitteren Minuten ihres Lebens erlebt hat."

Susanne Fontaines Fundort gibt weitere Rätsel auf

Susanne Fontaine hatte sich am Abend des 5. September mit drei Freundinnen im Schleusenkrug getroffen, ein beliebter Treffpunkt im Berliner Tiergarten. Allerdings musste sie am nächsten Morgen früh arbeiten, deshalb brach die Gruppe gegen 22 Uhr auf. "Susanne hat gesagt, dass sie zum Bus gehen will", erinnert sich die Freundin Olga Pieloth. "Sie hat sich noch umgedreht und gewunken. Das war das letzte Mal, dass wir sie lebend gesehen haben." Susanne Fontaine musste nur 500 Meter einen beleuchteten Weg durch den Tiergarten gehen, um die Bushaltestelle am Hardenbergplatz zu erreichen. Was genau ihr auf diesem Weg wiederfuhr, ist noch unklar. Sicher ist, dass sie nie zu Hause ankam. Ihr Mann wusste gleich, dass etwas passiert sein musste. Er telefonierte mit den Freundinnen – und gab dann eine Vermisstenmeldung auf. Er befragte selbst Obdachlose im Tierpark, heftete Plakate an die Bäume, durchkämmte jedes Gebüsch des Weges. Ein Passant fand Susanne Fontaines Leiche schließlich, als er austreten musste. Wie ihr Leichnam in dieses Gebüsch kam und warum sie nicht früher entdeckt wurde, gibt weitere Rätsel auf.

Wurde eine mögliche Abschiebehaft versäumt?

Die Polizei geht davon aus, dass das Motiv ein Raub war. Der mutmaßliche Täter Ilyas A. stahl das Handy und 50 Euro. Er wurde anhand von DNA-Spuren überführt. Über das Handy konnte er in der Nähe von Warschau geortet und kurz darauf nach Deutschland überführt werden. Hier sitzt er nun in Untersuchungshaft.

Neben der menschlichen Tragödie hat der brutale Mord an der 60-jährigen Susanne Fontaine auch politische Brisanz, da der Tschetschene schon mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten war. Allein 2015 sei er innerhalb von zwei Monaten sieben Mal straffällig geworden, sagt Burkard Dregger, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und Vorsitzender des Untersuchungsausschusses im Fall Anis Amri. „Darunter wirklich widerwärtige Gewalttaten gegen alte Menschen, gegen alte Frauen, die alleine waren. Er hat sie bestohlen und er hat sie geschlagen.“

Am 8. September 2015 verurteilte das Berliner Amtsgericht Ilyas A. zu 18 Monaten Haft, danach sollte er ausgewiesen werden. Als der damals 17-Jährige im Dezember 2016 freikam, passierte trotzdem nichts. Im Aufnahmeland Russland habe es weder Familienangehörige noch eine soziale Institution gegeben, die den Minderjährigen aufnehmen wollten, erklärt Burkard Dregger. „In einem solchen Fall schreibt unser Aufenthaltsrecht zwingend vor, dass eine Abschiebung nicht stattfinden darf.“
Ilyas A. wurde am 10. August dieses Jahres 18 Jahre alt. Doch: Die nötigen Maßnahmen für eine Abschiebung wurden scheinbar nicht getroffen. Vier Wochen später war Susanne Fontaine tot.
Laut Dregger hätte Ilyas A. im Mai wieder in Gewahrsam genommen werden können. "Es wäre auch eine Abschiebungshaft genau drei Monate vorher möglich gewesen. Das Gesetz erlaubt das. Insbesondere bei verurteilten Straftätern und auch bei Minderjährigen", so der CDU-Politiker. "Man muss natürlich wissen, wo er ist, seinen Aufenthalt ermitteln. Und: Bei so schweren Jungs sollte man den Aufenthalt vielleicht auch im Auge haben!"

"Es muss endlich das Notwendige geschehen"

Die Abschiebung straffällig gewordener Asylbewerber rückt auch auf nationaler politischer Ebene weiter in den Focus. Denn die Erinnerungen an den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt sind allen noch immer präsent. Der tunesische Attentäter Anis Amri hätte vor seinem Attentat womöglich ebenso abgeschoben gehört. „Offenbar bedarf es auch schrecklicher Vorfälle, damit das Notwendige geschieht. Und ich weiß immer noch nicht, ob das Notwendige jetzt geschieht“, so Burkard Dregger.

Klaus Resch will im Prozess gegen Ilyas A. als Nebenkläger auftreten, er verspricht sich Einsicht in die Ermittlungsakten. An eine lückenlose Aufklärung und politische Konsequenzen kann er kaum glauben. Er ist überzeugt: Der Mord an seiner Frau hätte verhindert werden können, wären da nur schärfere Gesetze und ein stärkerer politischer Wille. „Ich bin sehr sicher, dass meine Frau noch leben würde, wenn die Behörden eher reagiert hätten.“ Laut Burkart Dregger wäre das durchaus möglich gewesen, die rechtsstaatlichen Mittel seien geschaffen worden. „Und dann werden sie nicht genutzt. Da kann ich nur sagen: Das verstehe ich nicht! Und ich erwarte da eine Erklärung derjenigen, die verantwortlich sind.“ Auch der Pressesprecher der Gewerkschaft der Polizei Berlin, Benjamin Jendro, räumte bei stern TV ein, dass sich die Behörden im Fall Susanne Fontaine Versäumnisse vorwerfen lassen müssen: "Natürlich sind dort Fehler passiert, sonst würde Susanne Fontaine wahrscheinlich noch leben." Für den Polizeigewerkschaftler sind aber eher Systemfehler verantwortlich: "Wenn wir es nicht schaffen, eine bessere Zusammenarbeit hinzubekommen und die Bundesländer besser zu vernetzen, haben wir ein großes Problem. Und dann werden diese Taten immer wieder passieren."