HOME

Neonazi-Konzerte: Wie die Rechtsrock-Szene in Ostdeutschland boomt

Antisemitische Liedtexte, Hass, Naziparolen - all das findet auf rechtsextremistischen Konzerten unverhohlen statt, ohne strafrechtliche Konsequenzen. Die Szene boomt, vor allem in Sachsen und Thüringen. Zwei mutige Journalisten haben die erschreckenden Szenarien dokumentiert.

Gruppen mit fragwürdig bedruckten T-Shirts: Bei Rechtsrock-Konzerten tragen die Neonazis ihre Gesinnung offen zur Schau.

Gruppen mit fragwürdig bedruckten T-Shirts: Bei Rechtsrock-Konzerten tragen die Neonazis ihre Gesinnung offen zur Schau.

Dass ausgerechnet sie zwischen Neonazis und bekannten Größen der rechtsextremen Szene stehen würde, hätte Antonia Yamin selbst am wenigsten erwartet. Die Journalistin hat es trotzdem gewagt. Antonia Yamin ist Jüdin, stammt aus Israel – und ist freiwillig auf ein "Nazi-Festival" gegangen, um das, was dort passiert, zu dokumentieren. Die 30-Jährige erlebte eine Versammlung aus NPD-Politikern, Neonazis, Holocaustleugnern und antisemitischen Verschwörungstheoretikern, doch auch Kinder, Jugendliche und Menschen, die sie auf den ersten Blick gar nicht dort vermutet hätte, besuchten das mit mehr als 2000 Menschen erschreckend große Festival dieser Art. Es war aber nicht das einzige im letzten Jahr.

Rechte Konzerte boomen in Deutschland derzeit: Allein 2017 gab es bundesweit 259 derartige Veranstaltungen. Von kleinen, konspirativen Konzerten bis hin zu Großveranstaltungen oder ganzen Festivals mit entsprechenden Ansprachen und Auftritten neonazistischer Bands. Insbesondere in Ostdeutschland nimmt die Zahl zu. Sachsen und Thüringen sollen sich in den vergangenen Jahren zum Zentrum für Konzerte mit rechtsextremistischem Hintergrund entwickelt haben. Laut Verfassungsschutzberichten gab es allein in diesen Bundesländern 87 derartige Musikveranstaltungen: "Thüringen ist für Neonazis hochattraktiv, weil dort der staatliche Verfolgungsdruck fehlt", beklagt der Journalist Thomas Kuban, der bereits seit 15 Jahren verdeckt in der Nazi-Szene recherchiert und auf einigen dieser Konzerte mit versteckter Kamera gefilmt hat. Dutzende Neo-Nazis zeigen dort ungestört den Hitlergruß. Liedgesänge über Messer gegen Juden und Bomben auf Israel. "Die Angst ist ein ständiger Begleiter, weil es in letzter Konsequenz lebensgefährlich ist für einen Journalisten mit versteckter Kamera zu Neonazis zu gehen", so Kuban. Eigentlich hatte er vor sechs Jahren aufgehört – bis er im August von einem Konzert im thüringischen Kirchheim erfuhr. In dem besagten Hotel halte die Szene seit 10 Jahren Veranstaltungen ab, sagt er.  Und auch dort habe er "Sieg Heil"-Rufe und andere Straftatengesehen und beobachtet, wie sicher sich die Rechtsextremisten inzwischen fühlen. Wenn diese Leute unter sich sind, zeige sich ihr ganzer Hass, so Kuban: "Sie wissen, dass sie hemmungslos Straftaten begehen können, ohne dass die Polizei eingreift."

Zurschaustellung von rechtem Gedankengut wird nicht verfolgt

Der Trend geht zu großen Rechtsrock-Festivals mit Tausenden Besuchern, wie das im thüringischen Themar, das Antonia Yamin besuchte. Die Jüdin arbeitet seit anderthalb Jahren in Berlin als Auslandskorrespondentin für den israelischen Sender KAN. In Themar Am Rande des Festivals traf die 30-Jährige auch auf Szenegrößen, darunter Frank Rennicke, Liedermacher und Schlüsselfigur der rechtsextremen Szene. Obwohl er sich interessiert gegenüber der israelischen Journalistin zeigte, habe sie schnell gemerkt, dass es ein Spiel ist, erzählt Antonia Yamin. Auch über den zweiten Weltkrieg wollte Rennicke mit ihr lieber nicht sprechen: "Wenn ich darüber spreche, landen wir ganz schnell bei den 12 Jahren. Und alles, was ich dann sage, das ist strafrechtlich relevant." Frank Rennicke ist Mitbegründer eines Vereins, der Holocaustleugner unterstützt und 2008 verboten wurde. Generell habe sich ihr der Eindruck vermittelt, dass auf diesem Festival nicht "normale Rechte" gewesen seien, sondern Menschen, die Verschwörungstheorien haben, die in der alten Nazi-Ideologie denken. Allgegenwärtig: die Reichsfarben, an den Ständen kleine Holzsoldaten mit ausgestrecktem Arm, Kriegsdevozionalien, T-Shirts mit fragwürdigen Statements.  Antonia Yamins Fazit nach dem Festival: "Die wollen ihr altes Deutschland zurück. Die wollen Deutschland nur für Deutsche, wo keine Flüchtlinge leben, keine Juden. Die sind, wer sie sind. Das sind halt echte Neo-Nazis."

Talk vom 26.09.2018: Das stern TV-Studiogespräch mit Antonia Yamin über Rechtsrock-Konzerte