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Schummeln beim Geburtsjahr: Muss eine medizinische Altersfeststellung für junge Flüchtlinge Pflicht werden?

Zwei Mordfälle, bei denen die tatverdächtigen Asylbewerber angegeben hatten, minderjährig zu sein. stern TV diskutiert: Wäre es richtig, alle jugendlichen Flüchtlinge einer medizinischen Altersfeststellung zu unterziehen?

Politiker wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière und SPD-Fraktionschefin Andreas Nahles forderten in den vergangenen Tagen bundeseinheitliche Tests bei Flüchtlingen, über deren Alter Zweifel bestehen.

Hintergrund sind zwei Mordfälle durch Flüchtlinge, die bei den Behörden zuvor angegeben hatten, minderjährig zu sein. Der mutmaßliche Mörder der 19-jährigen Freiburger Studentin Maria L. (Oktober 2016) muss sich derzeit vor dem Landgericht verantworten: Hussein K. hatte den deutschen Behörden angegeben, er stamme aus Afghanistan und sei 17 Jahre alt, was aber offenbar nicht der Wahrheit entsprach. Inzwischen steht fest: Hussein K. hatte die Behörden belogen. Er ist deutlich älter, Gutachter schätzen ihn auf Mitte 20.

Nun ist die Diskussion über die Altersfeststellung erneut hochgekocht, als letzte Woche der Fall des Afghanen Abdul D. durch die Presse ging, der im pfälzischen Kandel seine 15-jährige Ex-Freundin Mia erstochen haben soll. Eigenen Angaben zufolge ist Abdul D. ebenfalls 15 Jahre alt, doch mittlerweile gibt es auch daran Zweifel. Sollten also alle jugendlichen Flüchtlinge geröntgt werden, um ihre Altersangaben zu überprüfen?

Bisherige Praxis zur Altersfeststellung: Inaugenscheinnahme

Minderjährige Flüchtlinge genießen Vorteile: Sie werden nicht abgeschoben, erhalten eine bessere Unterbringung und bei strafrechtlichen Vergehen mildere Strafen. Wenn junge Flüchtlinge keine Ausweispapiere dabei haben, werden sie in die Obhut eines Jugendamtes übergeben, wo die Mitarbeiter das Alter anhand von äußeren Merkmalen überprüfen: die so genannte Inaugenscheinnahme. Im Jugendamt Kerpen etwa müssen die Mitarbeiter in einem etwa einstündigen Gespräch mit jedem jugendlichen Asylbewerber festlegen, ob er sein Alter richtig angegeben hat – oder lügt. Entscheidend ist dabei vor allem das Aussehen: Körperbau, Bartwuchs oder auch die Hände, die viel verraten können, wie Sozialarbeiter Thomas Hannemann erklärt: "Einer hat zum Beispiel gesagt, er sei immer zur Schule gegangen. Er hatte aber Hände wie ein Bauarbeiter. Der hatte schon viel länger gearbeitet, war in Städten unterwegs gewesen, wie er uns hinterher erzählt hat." Wenn es Zweifel an den Angaben eines Flüchtlings gibt, können die Jugendamtsmitarbeiter mit den Behörden zusammen weitergehende Tests anordnen, so die bisherige Regelung. Dabei werden in der Regel die linke Hand, die Zähne und in besonderen Fällen das Schlüsselbein geröntgt. Der junge Mann mit den Bauarbeiter-Händen wurde von Thomas Hannemann und seinen Kollegen ohne Tests als volljährig eingestuft. Hannemann sagt, die Beurteilung der Jugendamtsmitarbeiter sei ausreichend, von Röntgenuntersuchen hält er nichts – ebenso wie der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, der sich gegen umfassende Alterstests bei jungen Asylbewerbern aussprach: Es sei ein Eingriff in das Menschenwohl. Auch andere Ärztevertreter halten das für einen Verstoß gegen die Grundrechte: Die Röntgenaufnahmen und damit verbundene Strahlenaussetzung ohne medizinische Notwendigkeit sei ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit.
In unseren Nachbarländern ist man in dieser Hinsicht weniger zimperlich: In Österreich wird jeder zweite minderjährige Flüchtling durch Röntgen untersucht. Das Ergebnis: 2016 hatte 41 Prozent dieser Zweifelsfälle gelogen. Flüchtlinge in Belgien und Schweden werden bei Bedenken immer geröngt. Über 80 Prozent der Überprüften stellten sich 2017 in Schweden als volljährig heraus.

Neue DNA-Methode könnte Altersfeststellung vereinfachen

Der Landkreis Hildesheim hat vor einigen Monaten ein neues, in den USA entwickeltes Verfahren zur Altersbestimmung eingesetzt: die DNA-Analyse. Der Flüchtling, der im Rahmen eines Aufenthaltsverfahrens behauptete, minderjährig zu sein, sollte laut Analyse mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent zwischen 26,4 und 29 Jahren alt sein und zu 99,999 Prozent älter, als er gesagt hatte.

Für die DNA-Methode ist lediglich eine Probe aus Speichel oder Blut notwendig, anhand derer die so genannte Methylierung der Genbausteine analysiert wird, da sich daran  altersbedingt chemische Veränderungen feststellen lassen.

Die Methode könnte die Diskussion um die Altersbestimmung von Flüchtlingen in Deutschland weiter befeuern. Allerdings verbietet es die deutsche Strafprozessordnung bislang, derart weitgehende DNA-Analysen in Strafprozessen durchzuführen. Außerhalb eines Strafverfahrens gelten andere Regeln: Wollen Jugendämter und Ausländerbehörden das Alter von mutmaßlich minderjährigen Flüchtlingen feststellen, gilt das Sozialgesetzbuch, das "ärztliche Untersuchungen" erlaubt.