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Nach Fruchtwasser-Embolie: Wie diese Mutter ihr Leben ohne Hände und Füße meistert

Nach einer Kaiserschnitt-Geburt kam es bei Andrea Dahm zu schweren Komplikationen. Ärzte mussten der zweifachen Mutter Hände und Füße amputieren. Seit ihrem letzten Besuch bei stern TV macht die 38-Jährige enorme Fortschritte.

Andrea Dahm ist Mutter von zwei Töchtern. Die 38-Jährige ist gepflegt und attraktiv – und seit acht Jahren mit ihrem Mann Roland zusammen. Und doch ist Andreas Leben um Einiges anders: Ihr fehlen Unterschenkel, Füße, ein Unterarm und beide Hände. Trotz ihres mehrfachen Handicaps meistert sie ihr Leben als Mutter und Ehefrau tapfer und zuversichtlich. Mittlerweile kann sie sich endlich mithilfe ihrer Prothesen eigenständig um die zwei Kinder kümmern, kann wieder alleine mit Freundinnen unterwegs sein und sogar Fahrrad und Auto fahren. Dafür trainiert Andrea Dahm täglich, macht ihre eigenen Muskeln stark, um die Prothesen zu bedienen. Hinter jedem Schritt und jedem Griff liegen fast zwei Jahre harte Arbeit. "Sachen wie Zähne putzen oder Haare kämmen zum Beispiel. Ich werde mir aber nie eine schöne Frisur machen können oder ein supertolles Make-up. Dass ich meinen Hosenknopf selbst zu machen, meinen BH oder einen Reißverschluss – das waren Dinge, die ich unbedingt wollte und da habe ich mich so lange reingefuchst, bis es mit einer Hand ging."

"Diese Folgen sind selten, weil die wenigsten überleben"

Bis zur Geburt ihrer zweiten Tochter war das Leben von Andrea Dahm nahezu perfekt. Sie ist glücklich verheiratet, erfolgreich im Job und war stets kerngesund. Auch die zweite Schwangerschaft verlief problemlos. Tochter Charlotte kam am 14. März 2016 gesund zur Welt. Die Familie war überglücklich. Doch wenige Stunden später kam es bei Andrea Dahm zu schwerwiegenden Komplikationen. Sie sollte eigentlich nur noch einmal kurz in den OP, da an der Kaiserschnittnarbe eine Korrektur vorgenommen werden sollte. Es kam zu einer so genannten Fruchtwasserembolie. Extrem selten: Ein Fall kommt auf 20.000 Geburten, vorwiegend bei Kaiserschnittgeburten. Bei Andrea Dahm kam es zu einer plötzlichen Blutgerinnung, Lungenembolie, Herzversagen und Kreislaufzusammenbruch sind die Folge. Mit Not retteten die Ärzte ihr Leben, musste die Mutter aber ins künstliche Koma versetzen – wochenlang. Ihre Gliedmaßen waren unter den Komplikationen lange nicht durchblutet worden, sie waren nicht mehr zu retten. "Diese Endgültigkeit, zu wissen: Da muss so viel amputiert werden – das ist schon ein Schock", sagt ihr Mann Roland Dahm. "Mir tut das so Leid für Andrea, dass das Leben, wie sie es vorher kannte, nie mehr kommen wird

Der Mutter wurden Hände und Füße amputiert, teilweise auch Unterarm und Unterschenkel. "Ich hatte ein wahnsinniges Pech. Die Folgen, die ich habe, sind selten, weil es die meisten nicht schaffen", sagt Andrea Dahm. Damit meint sie, dass eine Fruchtwasserembolie für die Frau fast immer tödlich endet. Auch Andrea Dahm entging nur knapp dem Tod. Doch die 38-Jährige hat ihren Lebensmut nicht verloren. Für ihre Kinder kämpfte sie jeden Tag der vergangenen zwei Jahre. Als sie nach vier Jahren die ersten Fußprothesen bekam, war an Selbständigkeit nicht zu denken. "Das war brutal", erinnert sich die 38-Jährige. Nach der langen Liegezeit wog sie nur noch 45 Kilo. "Nach dem ersten Schritt dachte ich, ich kriege einen Herzinfarkt und musste mich sofort wieder setzen." Doch damals habe sie einen festen Entschluss gefast: "Ich habe zu mir gesagt: Du gehst jetzt jeden Tag einen Schritt mehr, keinen Schritt weniger."

Gekämpft, um wieder richtig Mutter zu sein

Andrea Dahm wurde in der Reha zur Vorzeigepatientin. Auch mit ihren Handprothesen übte sie stetig – bis sie zwei Monate später nach Hause durfte. Baby Charlotte hatte bis zu dem Zeitpunkt von seiner Mutter kaum etwas mitbekommen. Das sei für beide nicht leicht gewesen, erzählt Andrea Dahm: " Das hat mir am meisten zu schaffen gemacht. Ich wusste nicht, wie ich die Bindung zu Charlotte hinkriegen und wie ich die verlorenen Monate aufhole. Genau deswegen habe ich gekämpft und bin wahnsinnig über mich hinaus gewachsen. Weil ich gemerkt habe: Wenn ich nicht diejenige bin, die füttert, die wickelt – dann klappt es nicht."

Andrea Dahm schaffte es. Genau ein Jahr, nachdem sie ihre Handprothesen bekommen hatte, griff das kleine Mädchen zum ersten Mal nach ihrer Prothesen-Hand. "Ein wahnsinnig emotionaler Moment für mich", erzählt Andrea Dahm.

Kritisch sei auch die anfängliche Phase gewesen, als sie daheim quasi rund um die Uhr Hilfe benötigte. Vor allem von ihrem Mann: Anziehen, Prothesen anlegen, sich einen Tee kochen. Nichts schaffte Andrea Dahm anfangs ohne fremde Hilfe. Doch jetzt, ein Jahr später zeigt sich ein bewundernswert anderes Bild: Andrea Dahm macht sich alleine zurecht, um ihre Kinder vom Kindergarten abzuholen. Sie darf seit vier Monaten mit einem behindertengerechten Auto wieder selbst fahren. Auch ihren Haushalt kann sie in Teilen alleine bewältigen, selbst wenn sie für alles länger benötigt, weil sie jedes Teil einzeln greifen, jeden Weg doppelt gehen muss. Andrea Dahm hat sich ohne Hände und Füße ins Leben zurückgekämpft – weil es sich für sie lohnt.

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