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Norbert Blüm mit stern TV in Katar: "In diesem Land kann keine Fußball-WM stattfinden"

In Katar leben tausende Gastarbeiter unter elenden Bedingungen, um Stadien für die Fußball-WM 2022 zu bauen. Gemeinsam mit Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm dokumentiert stern TV die Zustände.

Norbert Blüm bei den Arbeitern in Katar, dem Land, in dem zigtausende Männer unter schlimmsten Bedingungen arbeiten müssen, um die WM 2022 zu ermöglichen

Norbert Blüm bei den Arbeitern in Katar, dem Land, in dem zigtausende Männer unter schlimmsten Bedingungen arbeiten müssen, um die WM 2022 zu ermöglichen

"Ich wünsche, dass der Herr Blatter hier mal 14 Tage lebt. Dann vergibt er vielleicht nicht mehr Weltmeisterschaften in Länder, in denen solche Zustände sind", erklärt der ehemalige Arbeits- und Sozialminister und CDU-Politiker Norbert Blüm. stern TV ist Ende April mit Norbert Blüm in den Wüstenstaat Katar gereist, wo seit Jahren die Vorbereitungen für die Fußballweltmeisterschaft 2022 laufen. Seit der Vergabe im Dezember 2010 stehen insbesondere die Arbeits- und Lebensbedingungen der rund 1,5 Millionen Gastarbeiter im Emirat Katar international in der Kritik.

Kaum jemand liegen die Rechte von Arbeitern so am Herzen wie Norbert Blüm. Mit 14 Jahren war er bereits Mitglied in einer Gewerkschaft, 16 Jahre lang Bundesminister für Arbeit und Soziales. Bei der Katarreise gehe es ihm um Fakten, sagt er: "Wie sind die Verhältnisse in ? Wie sind die Arbeiter untergebracht? Unter welchen Bedingungen müssen sie arbeiten? Haben sie anständige Löhne? Ganz handfeste Fragen." Die Antworten sollte er in den folgenden fünf Tagen finden.

Norbert Blüm in Katar

Blüm inspiziert die Waschräume

In den Arbeiter-Unterkünften

Norbert Blüm unterhält sich mit den Arbeitern

Blüm spricht mit dem Informanten

"Die sanitären Verhältnisse sind unter aller Sau!"

Die Redaktion hatte sich monatelang um eine Drehgenehmigung in Katar bemüht – erfolglos. Blüm und das stern TV-Team reisten getarnt als Touristen nach Katar. Vor wenigen Wochen war bereits ein deutsches Kamerateam während der Dreharbeiten verhaftet worden. Der Informant vor Ort warnt eindringlich, die Polizei patroulliere überall. macht sich dennoch auf den Weg, um sich auf WM-Baustellen, in Arbeiter-Wohnblocks und im Gespräch mit den betroffenen Menschen vor Ort sein eigenes Bild von den Verhältnissen zu machen. Erste Station: Lusail City, ein weitläufiges Gebiet außerhalb Dohas, wo derzeit das größte Stadion der WM für über 80000 Zuschauer entsteht. Rundherum wird eine komplett neue Infrastruktur aus dem Boden gestampft. Das Areal wird durch kilometerlange Zäune und unzählige Sicherheitsmitarbeiter abgeschottet. Das Team gibt sich als Mitarbeiter eines deutschen Unternehmens aus und kann mit versteckter Kamera drehen. In Katar ist Frühling, trotzdem herrschen bereits Temperaturen von fast 40 Grad. Die Arbeiter sollen hier bis zu 14 Stunden täglich arbeiten müssen. Mit ihnen zu sprechen ist riskant. "Dass wir hier Versteck spielen müssen. Dass wir hier mit den Leuten nicht reden können, das zeigt doch das ganze schlechte Gewissen", so Blüm. "Wer nichts zu verheimlichen hat, muss die Leute nicht so einsperren."

Abends werden die Arbeiter mit Bussen abgeholt, das Team folgt ihnen. Der Weg führt in die so genannte industrielle Zone. In den riesigen Wohnsiedlungen außerhalb der Stadt leben ein Großteil der knapp 1,5 Millionen , Frauen gibt es dort nicht. Für die Unterkünfte schreibt das zuständige Organisations-Komitee für die WM, das katarische Supreme Committee, Standards vor: Das SC hat strenge Normen für Unterkünfte entwickelt, die die Gesundheit und das Wohlbefinden aller Arbeitskräfte fördern. Diese Normen umfassen Bestimmungen für komfortable Wohnquartiere, Erholungsräume, sowie hohe Normen für die Sauberkeit und Hygiene! Norbert Blüm macht ganz andere Entdeckungen: Schmutz und Dreck überall, beißender Gestank von Fäkalien, Schlafen mit bis zu acht Menschen auf wenigen Quadratmetern. Ein Waschraum wird von etwa 60 Arbeitern täglich genutzt, Plumps-Klo und Dusche befinden sich zusammen in einer Kabine."Die leben hier auf engstem Raum. Und das nicht nur 14 Tage. Sondern so lange sie hier arbeiten. Sie haben nichts, was ihnen gehört, keinen privaten Raum. Und die sanitären Verhältnisse sind unter aller Sau!"

"Die kommen von der Arbeit, legen sich hin und sterben im Schlaf"

Norbert Blüm trifft einen Mann aus Indien. Der Familienvater ist seit sechs Monaten in Katar. Er lebt mit sieben anderen Arbeitern in einem Zimmer. Hier gehe es nur ums Arbeiten: "Morgens um viertel vor 6 fangen wir an. Meistens müssen wir bis 18:30 Uhr arbeiten. Manchmal aber auch bis 20:30 Uhr", sagt der Mann. "Dann kommen wir hier her und essen was und dann legen wir uns wieder schlafen. Viele trinken Alkohol um das auszuhalten." Die Bauarbeiter schuften 12 bis 14 Stunden an sechs Tagen in der Woche, manche monate- oder sogar jahrelang. Viele seien bereits gestorben, berichten sie Norbert Blüm. Nach Schätzung des internationalen Gewerkschaftsbundes werden bis zum Beginn der WM mehr als 4000 Arbeiter sterben. "Den genauen Grund für den Tod kenne ich nicht. Ich weiß nur, die kommen von der Arbeit, legen sich hin und sterben im Schlaf", erzählt ein Nepalese. Darüber hinaus sollen die Männer in Nepal zunächst Geld bezahlt haben müssen, um zum Arbeiten nach Katar zu kommen – etwa 1500 Euro. Absurd: Der Verdienst hier liegt pro Monat bei 150 bis 200 Euro. Ihre Pässe seien einkassiert worden, eine selbstbestimmte Ausreise ist somit unmöglich. "Was sollen wir denn schon machen? Uns wird nicht geholfen. Es hat keinen Sinn, sich an den Arbeitgeber zu wenden. Wir müssen dem Unternehmen gehorchen. Wir sind nur einfache Arbeiter", sagt ein Mann. "Zwei bis drei Jahre läuft der Vertrag. Das müssen wir ertragen. Ich habe Frau, Kinder, Familie, die ich ernähren muss. Wir haben keine Wahl."

Dass für Menschen derartige Lebens- und Arbeitsbedingungen unter den Augen des Weltfußballverbands FIFA herrschen, findet Norbert Blüm unfassbar: "Das sind Arbeitsbedingungen, die man nicht hinnehmen kann. Die, die in den Stadien jubeln, sollen sich mal daran erinnern, wie die Stadien zustande gekommen sind", so der Ex-Arbeitsminister. "Darauf kann die Fußball-Welt wirklich nicht stolz sein. Das ist der Preis für dieses ganze Funktionärs-Getue – mit Fortschritt, Fußball und Modernisierung… Scheißhaus mit Dusche für die Arbeiter und Logen für Herrn Blatter!"

"Zurück in die Sklavengesellschaft. Und das Mithilfe des angesehenen Fußballs"

Wie viele derartiger Medienberichte muss es noch geben, bis sich die FIFA einmischt? Die Macht in Katar liegt bei den wenigen milliardenschweren Scheichs. Mit ihrem Geld soll der Wüstenstaat bald mit luxuriösen Stadien geschmückt sein – die Welt soll bei der Fußball WM 2022 sehen, was Katar kann. Doch: Was passiert in Katar, wenn die Fußball-WM vorbei ist? Um die Frage zu beantworten, fährt TV in die Wüste zu einem bereits fertigen Stadion, wo vor wenigen Monaten das Finale der Handball-WM ausgetragen wurde. Hier versuchen nur ein paar Bauarbeiter noch, das Stadion vor dem Verstauben zu bewahren. "Das ist das Symbol dafür, dass das was hier mit viel Geld gebaut wurde, bald im Sand verenden wird", so Blüm. "Und wenn man die armen Arbeiter in ihren Hütten gesehen hat, mit acht Mann in einem Zimmer, dreckig, schmutzig – und hier wird das Geld verpulvert!"

Der Preis für die WM ist hoch. Zahlen müssen ihn vor allem die einfachen Arbeiter: Mit würdelosen Lebensbedingungen, teilweise mit ihrem Leben. "Jetzt frage ich den Herrn Blatter: Hat er sich das vorgestellt, als er die Weltmeisterschaft nach Katar vergab?" Für Norbert Blüm ist nach seinem Besuch in Katar klar: "Hier siehst du Menschen, die entwürdigt werden. Ausgebeutet, zurück in die alte Sklavengesellschaft. Und das mit Hilfe des hoch angesehenen Fußballs. In diesem Land kann keine Fußballweltmeisterschaft stattfinden, wenn der Fußball sich nicht selbst um seinen guten Ruf bringen will."