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Notunterkünfte in Kitzingen: Warum leben mitten in Deutschland Menschen unter derart unwürdigen Bedingungen?

Wohnungen voller Schimmel, ohne Warmwasser oder gar funktionierenden Duschen. Die Zustände im Notwohngebiet Egerländerstraße in Kitzingen sind dramatisch. Eigentlich waren die Wohnungen als vorübergehende Lösung für Obdachlose gedacht. Mittlerweile ist die Gegend als Ghetto verschrien.

Gisela Bietz (67) lebt seit einem Jahr und drei Monaten in einer Sozialwohnung in der Egerländerstraße. Auch sie hat keine Dusche.

Gisela Bietz (67) lebt seit einem Jahr und drei Monaten in einer Sozialwohnung in der Egerländerstraße. Auch sie hat keine Dusche.

Obdachlos – oder ein Leben unter menschenunwürdigen Bedingungen. Wer seinen Job und noch dazu seine Wohnung verliert, kann diesem Leben kaum noch entkommen. Die meisten Menschen fürchten sich vor einer solchen Lebenslage. Für manche ist sie längst bittere Realität geworden. Mitten in Deutschland. In Kitzingen in Bayern etwa unterhält die Stadt in der Egerländer Straße für genau solche Fälle so genannte Obdachlosenwohnungen. Viele davon haben nicht einmal Warmwasser, geschweige funktionierende Duschen. Stattdessen: heruntergekommene Toiletten, Feuchtigkeit und Schimmel.

Es sind aber nicht nur die desolaten  Zustände – die Bewohner werden mit den Problemen einfach sich selbst überlassen. Sie haben nur zweimal pro Woche überhaupt die Möglichkeit, sich zu waschen und zu duschen: in der Begegnungsstätte "Wegweiser". Dort gibt es aber pro Woche nur ein Zeitfenster von viereinhalb Stunden, in dem die mehr als 100 Anwohner das Angebot nutzen könnten. Da komme es auch schon mal zu Streitereien, denn jedem blieben unterm Strich nicht mehr als acht Minuten, erzählt Andrea Schmidt, die die Begegnungsstätte mit einem Team ehrenamtlicher Mitarbeiter leitet.

Kaum Möglichkeiten, diesem Leben noch zu entkommen

Wer einmal in dem Notwohngebiet in der Egerländerstraße von Kitzingen landet, kann diesem Leben dort kaum noch entkommen. Darunter leidet auch Jessica Hölldobler, die dort im Oktober eigentlich nur vorübergehend eingezogen war. Die 35-Jährige hat jahrelang in der Gastronomie gearbeitet, kann bislang aber keinen neuen Job finden. Jessica Hölldobler hat sich trotzdem nicht aufgegeben und will auf ein gepflegtes Äußeres achten. "Man muss in diesem Beruf adrett und sauber sein und eine Möglichkeit haben, sich reinigen zu können. Und das ist unter diesen Umständen nicht gegeben", sagt sie. Das Gemeinschaftsbad, das sie sich in ihrer Notwohnung mit drei weiteren Parteien teilen muss, verfügt weder über Armaturen noch über Warmwasser, deshalb wäscht sich mit Hilfe eines Wasserkochers. Das sei jedes Mal eine dreiviertel Stunde Vorbereitung, sagt sie. Einen neuen Job oder eine neue Wohnung zu finden, sei für sie kaum möglich, wenn man keine Dusche und wenig Geld hat. "Auf die Wohnungen hier in Kitzingen kommen 20-30 Bewerber, es werden freiwillige Schufa-Auskünfte verlangt, Bonitätsprüfungen, Darlegung der letzten 3-6 Arbeitsschecks." Für Menschen, die überhaupt erstmal wieder auf die Füße kommen möchten, sei das eine große Hürde, so die 35-Jährige.

Auch die offizielle deutsche Regelung sieht vor: Eine Unterbringung durch die Gemeinde ist immer nur einer vorübergehende Maßnahme. Die Notunterkunft muss daher nur den Mindestanforderungen einer menschenwürdigen Unterbringung genügen. "Wenn jemand zu uns zur Stadt Kitzingen kommt und auf der Straße steht, sind wir verpflichtet, demjenigen eine Wohnung anzubieten. Deswegen sind das Obdachlosenwohnungen", erklärt der Oberbürgermeister von Kitzingen Siegfried Müller. Die Wohnungen in der Egerländer Straße würden jedoch immer mit dem Hinweis zur Verfügung gestellt, "dass das nur eine vorübergehende Geschichte sein soll und er sich umschauen muss, dass er wieder etwas findet."

Dass viele der Wohnungen, für die die Stadt trotzdem eine geringe Miete verlangt, nicht einmal ein Badezimmer haben, scheint keine Rolle zu spielen. Wie aber sollen die Bewohner aus eigener Kraft aus dieser Lebenslage herauskommen?  

Ralf Schaller wohnt erst seit zwei Wochen in der Egerländer Straße. Er teilt sich eine kleine Wohnung mit Gemeinschaftstoilette mit einem Mitbewohner. Ralf Schaller selbst hat 12 Quadratmeter für sich. "Für Mitteleuropa sind die Zustände unterirdisch, man kann sich nicht wirklich hygienisch pflegen. Wie will man da eine Arbeit finden, wenn man sich vor dem Vorstellungsgespräch nicht mal kultivieren kann", sagt er.

Und dieses Problem haben die meisten der Bewohner dieser Notunterkünfte, die – anders als gedacht – für viele zur Langzeitlösung wird: Die 53-jährige Karin Denk lebt schon 16 Jahre dort, sagt sie. Die berufstätige Mutter braucht dringend eine neue Wohnung, denn in der jetzigen sei seit Jahren nichts gemacht worden: Die Feuchtigkeit steckt in den Wänden, das Dach ist undicht. Eine andere Sozialwohnung würde sie von der Stadt aber nicht bekommen, sagt Karin Denk: "Ich komme hier nicht raus, die lassen mich nicht raus. Es stimmt, ich habe Mietschulden Das ist eine ganz andere Geschichte. Aber ich zahle meine Miete und ich zahle die Schulden ab. Doch die pochen da jetzt drauf", erklärt sie. Das Problem: Es gibt kaum andere Sozialwohnungen in der Stadt. Karin Denk kam einst in die Egerländer Straße, weil sie von ihrem Freund geschlagen wurde – und nicht wusste, wo sie mit ihrem Kind hinsoll.

"Das werden die nie schaffen, nicht ohne fremde Hilfe."

Die wenigen ehrenamtlichen Helfer, die sich für die Menschen in den Notwohnungen engagieren, organisieren Möbel- und Kleiderspenden, ein wenig Ausstattung. Doch an dem Zustand der Wohnungen kann nur die Stadt etwas ändern. "Es ist für mich einfach nicht nachvollziehbar, dass diese Mieter hier kein Recht haben und kein Gehör bekommen", sagt Marion Warschecha von der Begegnungsstätte "Wegweiser". "Wie soll ein Mensch, der seelisch und psychisch schon kaputt ist, denn dann nach vorne kommen und hier wieder weg kommen? Das werden die nie schaffen, nicht ohne fremde Hilfe."
Insbesondere Familien haben kaum eine Chance, wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Eine Familie mit zwei Kindern müsse beispielsweise auch zum wöchentlichen Duschen in die Begegnungsstätte kommen. Für die Stadträtin Andrea Schmidt sind das unhaltbare Zustände. Selbst diejenigen, die arbeiten, seien allein schon deswegen stigmatisiert, weil sie in der Egerländer Straße wohnen, "und dann noch stinken." Andrea Schmidt hatte deshalb Duschcontainer für das Viertel beantragt, die vom Stadtrat jedoch abgelehnt wurden. Laut Oberbürgermeister Siegfried Müller ist die Duschmöglichkeit im "Wegweiser" ausreichend. In die Wohnungen wird soll nicht weiter investiert werden. "Weil Obdachlose sollten nach drei Monaten spätestens aus der Obdachlosenunterkunft raus sein." Bei einer Ausstattung mit Duschen und mehr würden die Leute aber nicht mehr ausziehen, so seine Meinung.  

Und so kämpfen ehrenamtliche Helfer weiter dafür, dass die Menschen – ob selbstverschuldet oder nicht – aus der Notlage irgendwann wieder herauskommen. Fest steht: Kitzingen ist sicher nicht die einzige Stadt in Deutschland, in der von Obdachlosigkeit Betroffene unter derartigen Bedingungen leben. Ohne Aussicht auf Besserung. Und ohne Duschen. Mitten in unserem Land.