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Depressionen und Suizid: Nova Meierhenrich spricht bei stern TV über ihre tragische Familiengeschichte

Nova Meierhenrich hat Depressionen selbst erlebt. Und sie erlebte auch, wie die Krankheit ihren eigenen Vater in den Suizid trieb. Jetzt geht die Moderatorin mit ihrer tragischen Familiengeschichte an die Öffentlichkeit, um Angehörigen von depressiven Menschen Mut zu machen.

Moderatorin und Schauspielerin Nova Meierhenrich (44) spricht über ihre Depression.

Moderatorin und Schauspielerin Nova Meierhenrich (44) spricht über ihre Depression.

"Das reicht nicht!" Diese drei Worte ihres Vaters belasten Nova Meierhenrich bis heute. Sie hatte ihn verzweifelt gefragt: Wie kann es sein, dass du gehen willst, obwohl wir alle hier sind, deine Kinder, deine Enkelkinder. Wo du weißt, dass wir alle dich lieben? Seine Antwort hallt bis heute nach. Zu diesem Zeitpunkt litt ihr Vater bereits seit vielen Jahren an Depressionen und sprach mit seiner Tochter offen darüber, sich das Leben nehmen zu wollen.

Niedergeschlagenheit und Antrieblosigkeit sind weit verbreitet in unserer Gesellschaft. Etwa ein Viertel aller Menschen in Deutschland erlebt im Leben mindestens eine depressive Phase - Tendenz steigend. Nova Meierhenrich, bekannt als Moderatorin und Schauspielerin, hat nun ein bewegendes Buch über Depressionen geschrieben, das den Nachhall ihres Vaters zum Titel nimmt: Wenn Liebe nicht reicht. Die 44-Jährige möchte dazu beitragen, dass die Krankheit Depression weniger tabuisiert wird und schildert ihre eigene tragische Familiengeschichte: Meierhenrichs Vater litt fast zwei Jahrzehnte an der Krankheit, die in den 90er Jahren gesellschaftlich noch weniger akzeptiert war. Lange wusste niemand, worunter der Vater genau litt. 2011 nahm er sich das Leben.

"Mein Vater wurde mir von der Krankheit geraubt"

Ein Rückblick: Nova Meierhenrich wächst im westfälischen Ahlen zusammen mit ihren drei Brüdern auf. Der Vater ist ein Familienmensch, der mit den Kindern viel unternimmt und immer Pläne fürs Wochenende schmiedet. Er habe die Familie immer in den Mittelpunkt gestellt, bis er von der Krankheit "geraubt" wurde, sagt sie: "Irgendwann war er halt weg, hinter der Krankheit verschwunden." Am Anfang stand damals, 1993, eine unverschuldete Insolvenz der Firma des Vaters. Er hatte Angst, für die Familie nicht mehr sorgen zu können. Dann gewannen negative Gefühle ganz die Oberhand. "Irgendwann haben wir gemerkt: Das ist viel mehr als nur ein Loch, in das er gefallen ist."

Psychiater Dr. Mazda Adli weiß, dass man die Erkrankung nicht an körperlichen Symptomen erkennt. Er erklärt: "Eine Depression ist für Betroffene schwer zu fassen. Sie selbst sehen solche Veränderungen nicht als Krankheit ein, nehmen es nicht richtig ernst an und dann wird das regelrecht 'verschleppt'." Mazda Adli unterstützte Nova Meierhenrich dabei, ihr Buch – einen Ratgeber – für betroffene Familien zu schreiben.

"Chronische Depressionen können eine ganze Familie erheblich verändern"

Nova Meierhenrich erlebte die Krankheit auch am eigenen Leib, als sie damals unter einer so genannten Co-Depression litt: Nachdem sich die Eltern getrennt hatten, war sie die Hauptbezugsperson des Vaters. "Ich ließ mich komplett von meinem Vater in seine Stimmungsschwankungen und seine Krankheit mit hineinziehen. Hatte er einen guten Tag, hatte ich auch einen guten Tag. Hatte er einen schlechten Tag, ging es mir ebenso mies. Fast unmerklich fing ich an, mein Leben komplett nach ihm auszurichten. Besonders schlimm war es, wenn ich vor seiner Wohnungstür stand und er mir nicht öffnete. Man fühlt sich so hilflos." Die ständige Sorge um ihn machten sie selbst lethargisch, so dass sie sich immer weiter aus dem Alltag zurückzog. Sie arbeitet zu dieser Zeit für vier TV-Sender, wo sie versuchte, die Fassade aufrecht zu erhalten. Im Job habe sie "funktioniert", immer wieder aber Panikattacken erlebt. Sobald sie dann zu Hause war, habe sie sich zu nichts in der Lage gefühlt, geweint und stundenlang Wände angestarrt. "Ich habe gemerkt, dass das Ganze weit über meine Kraft hinausgegangen ist." Nova Meierhenrich grübelte ohne Ende, genau wie ihr Vater. Sie zog sich von ihren Freunden zurück, genau wie ihr Vater. Sie war ständig erschöpft, genau wie ihr Vater. "Gerade auch anhaltende chronische Depressionen können eine Familie ganz erheblich verändern. Das Wort Co-Depression beschreibt das auf eine plastische Art und Weise", erklärt Dr. Adli.

Im Frühjahr 2011 musste Nova Meierhenrich dennoch funktionieren: Sie spielte die Hauptrolle in einer Arztserie, als sie eines Sonntags einen Anruf von ihrer Mutter bekam – der Anruf, vor dem sie sich immer gefürchtet hatte. "Das reißt dir den Boden unter den Füssen weg," weiß Meierhenrich. "Obwohl ich ja irgendwie vorbereitet war, und ich auch selbst eine Therapie hinter mir hatte. Du bist völlig hilflos!"

Es habe lange Zeit gedauert, bis sie sich dazu entschlossen hat, ihre Familiengeschichte offen und ungeschönt zu erzählen – auch von den Folgen, die viele Angehörige von Betroffenen kennen: "Was immer zurückbleibt, sind die Schuldgefühle, die mich und meine Familie bis heute begleiten: Hätte ich nicht doch noch irgendetwas tun können? Dieser Gedanke lässt dich nie los", sagt die 44-Jährige. "Bei mir steckt noch ein anderes Schuldgefühl im Bauch. Du bist nicht gut genug gewesen, dass er dableiben wollte. Mein Kopf weiß, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Aber in meinem Bauch steckt dieses Gefühl und will nicht verschwinden."