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Unverhofft zum Gänsepapa: Wie diese Gänsebabys das Leben eines Wissenschaftlers auf den Kopf stellten

Um verlässliche Daten zur Wettervorhersage zu erheben, brauchte Michael Quetting die Hilfe von sieben Graugänsen. Doch das Zähmen der Küken für sein Projekt veränderte sein Leben ...

Dass sieben kleine Graugänse sein Leben so verändern könnten, hätte Michael Quetting niemals für möglich gehalten. Doch tatsächlich war plötzlich alles anders, als der Laborleiter für ein wissenschaftliches Projekt eine Gruppe Küken in seine Obhut nahm: "Ich hatte elf Wochen lang bis auf die Tiere fast keine sozialen Kontakte", erzählt der 43-Jährige. Denn um sich rund um die Uhr um die Tierbabys kümmern zu können, zog der Familienvater mit den Küken in einen Wohnwagen und lebte in einer WG mit Gloria, Frida, Maddin, Nils, Nemo, Kalimero und Paula. Und das kam so:

Die Geburt – ein prägender Moment

Michael Quetting arbeitet seit sechs Jahren am Max-Planck-Institut für Ornithologie. Getreu dem Motto 'Wenn die Daten nicht zu uns kommen, müssen wir zu den Daten kommen' sollten für ein Forschungsprojekt Grau-Gänse mit sogenannten Datenloggern in die Luft geschickt werden. Über die Analyse des Gänse-Flugverhaltens wollen die Forscher Rückschlüsse über Wind und Wetterverhältnisse ziehen. Doch wie bekommt man die Gänse dazu, das zu erledigen? Ganz einfach: Man muss sie zähmen und sich selbst zum Familienoberhaupt erklären. "Als ich gefragt wurde, habe ich nicht lange überlegt und sofort zugesagt. Das war auch gut so, denn sonst hätte ich nach einigem Nachdenken bestimmt einen Rückzieher gemacht", erzählt Michael Quetting.

Nach 28 Tagen, die der Familienvater bereits mit den Eiern verbracht hatte, durchbrachen die sieben Küken ihre Schale und schlüpften. Das Projekt habe jedoch schon vorher begonnen, so der wissenschaftliche Mitarbeiter: "Die Köpfe der Küken sind im Ei in einer Luftblase, sie können also schon Geräusche wahrnehmen. Diesen Umstand habe ich zur Prägung genutzt." Er habe ihnen aus Nils Holgersson vorgelesen, um die kleinen Gänse an seine Stimme zu gewöhnen, ebenso wie an das Propellergeräusch seines Leichtflugzeugs oder seine Tröte. "Bei der Geburt war ich dann aufgeregt wie bei der meiner eigenen Kinder", so Quetting, und: Wenn das Küken schlüpft, muss man der erste sein, dann ist man Papa!"

Die Liebe zu seinen neuen Familienmitgliedern ging aber noch weiter: Der Laborleiter tauschte Wohnung gegen Wohnwagen – und auch der Tagesablauf des 43-Jährigen war ab sofort ein anderer: Die kleinen Graugänse wollten schon morgens um 4.30 Uhr unterhalten werden. "Die Gänse nehmen einen völlig in Beschlag", erzählt Michael Quetting, dessen Mission zu dem Zeitpunkt noch in weiter Ferne lag. Zunächst hieß es Kuscheln, Fressen, Welt erkunden. Und manchmal war die Anhänglichkeit der Gänsekinder auch recht intim. "Einmal habe ich beim Toilettengang gewagt, sie vor der Tür zu platzieren. Da haben sie angefangen zu weinen. Und als ich aufgemacht habe, sind alle reinspaziert und haben zu meinen Füßen erstmal ein Nickerchen gehalten."
Michael Quetting lernte die Verständigungslaute der Tiere, er ging mit ihnen schwimmen – selbst beim Einkaufen wichen sie ihm nicht von der Seite. "Ich bin teilweise mit sieben Küken unterm Pulli durch die Gegend gelaufen", erzählt Michael Quetting. "Wir haben elf Wochen in einem Wohnwagen gelebt, jeden Abend haben sie nach mir gerufen. Erst wenn ich zurückgerufen habe, sind sie eingeschlafen."

"Du fühlst dich wie klein Doofi mit Plüschohren"

Doch da war ja auch noch das wissenschaftliche Projekt. Dafür musste Gänse-Vater Quetting zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen, denn: Obwohl er nicht fliegen kann, musste er so tun, als ob. Das Tröten seiner Hupe spielte beim Flug-Training eine lautstarke Rolle und diente den Graugänsen als Signalruf. In der Natur ist es üblich, dass der Vater vorausfliegt. Das hatte auch Quetting vor und nutzte dafür einen Propeller. "Du fühlst  dich wie klein Doofi mit Plüschohren, man kann ja nicht fliegen, und man will nicht auf Nase fallen", so der 43-Jährige.
Nach acht Wochen hartem Training hob die ungewöhnliche Familie tatsächlich das erste Mal ab. "Das war ein ganz besonderer Moment, daran erinnere ich mich noch ganz genau. Es war frühmorgens und wir hatten einen leichten Vorwind und die Sonne ging gerade auf. Und plötzlich wurde aus dem Geholper und Gestolper des Fliegers ein ruhiges Flügelgeräusch. Die schauen einen beim Fliegen an, das berührt", erzählt der Gänse-Papa.

So wurde Michael Quetting unverhofft zum Gänsepapa

Normalerweise fliegen Graugänse nur 30 bis 40 Meter hoch. Doch die wissenschaftlichen Datenlogger auf dem Rücken der Gänse sollen auch Datenmengen aus 1000 Metern Höhe erfassen. So musste Michael Quetting in die Trickkiste greifen: "Ich habe sie aus dem Ultraleichtflieger entlassen. Dann sind wir zusammen eine Dreiviertelstunde geflogen, das war natürlich super!"

Über sein Abenteuer hat Michael Quetting auch ein Buch geschrieben – darüber, wie sich seine sieben kleinen Gänse Gloria, Frida, Maddin, Nils, Nemo, Kalimero und Paula entwickelt haben und wie sie gemeinsam Land, Wasser und die Lüfte eroberten – bis hin zum schweren Abschied am Ende des Projekts, als die Tiere in die Freiheit entlassen wurden und Michael Quetting ein anderer war …

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