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stern TV-Psychoexperiment: Kritisch oder pflichtbewusst – wie würden Sie in diesen Situationen reagieren?

Völlig unsinnige Aufgaben erfüllen, jemanden bei kriminellen Machenschaften unterstützen, ewig auf einen Fremden warten? stern TV hat das Pflichtbewusstsein ahnungsloser Menschen auf die Probe gestellt. Wann diese Tugend angebracht ist, und wann weniger.

Eine Mitarbeiterin bei stern TV weist die Publikumsgäste mit einem Schild an, wo sie sich auf dem TV-Gelände hinbegeben sollen. Als sie zur Toilette muss, bittet sie ein älteres Ehepaar unter den Gästen, das Hinweisschild vertretungsweise zu übernehmen – bis sie zurückkommt. Es vergehen Minuten. Wie lange erfüllen die Zuschauergäste diese Aufgabe, bevor es ihnen zu bunt wird? Brechen sie das Versprechen, das sie der stern TV-Mitarbeiterin gegeben haben?

Der Begriff "Pflichtbewusstsein" klingt nach einer altmodischen, spießigen Tugend, die im Widerspruch zum Trend der Individualität und Selbstverwirklichung zu stehen scheint. Wie verbreitet ist Pflichtbewusstsein also noch? Ist es abhängig von der Aufgabenstellung? Wenn man eine total monotone Arbeit, wie das Zählen von Büroklammern ohne Schummeln erledigt, ist man dann pflichtbewusst – oder einfach etwas dämlich? Und sind Männer und Frauen unterschiedlich pflichtbewusst? stern TV hat das Verhalten in verschiedenen Szenarien vor versteckter Kamera auf die Probe gestellt.

Szenario 1 und 2: Arbeitsmoral

Für unser erstes Experiment haben wir zum Schein eine Stelle als Inventurhelfer im Supermarkt als ausgeschrieben. Die Testpersonen werden mit ihrer eigentlichen Aufgabe der "Qualitätskontrolle" betraut: Sie sollen zählen, ob die Ware hält, was auf der Verpackung angegeben ist. Die erste Testperson soll nachzählen, ob sich auf einer Rolle Toilettenpapier tatsächlich 200 Blatt befinden. Der Zweite soll nachmessen, ob der Faden auf einem Wollknäuel wirklich 225 Meter lang ist. Nachzählen, ob alle 1.200 Büroklammern in einer Box sind, ist die Aufgabe der dritten Person.

Der vermeintliche Chef des Supermarkts lässt die Testpersonen nach einer kurzen Einweisung jeweils allein im Lager. Kommen sie ihrer schwachsinnigen und monotonen Aufgabe pflichtbewusst nach? Zur Irritation schicken wir jeweils einen Lockvogel als weitere Inventurhilfe ins Rennen, der versuchen soll, die neuen Mitarbeiter abzulenken und zum Schummeln zu animieren.

"Die Deutschen sind bekannt für ihre Arbeitsmoral und ihrem damit verbundenen Pflichtbewusstsein", sagt der Psychologe Prof. Dr. Raphael Bonelli, der die Psychoexperimente für stern TV beobachtet und erklärt. Tatsächlich: Unsere Testpersonen zählen und zählen… Alle Kandidaten erfüllen ihre Aufgaben extrem pflichtbewusst – obwohl sie sich allein im Lager befinden und ohne dass jemand merken würde, wenn sie schummeln.

Der Toilettenpapier-Blatt-Nachzähler verhaspelt sich mehrfach, fängt jedoch immer wieder von vorne an. Ihm sei zwar auch der Gedanke gekommen, dass er hätte schummeln können, aber dafür sei er aber zu ehrlich, erklärt er im Nachhinein. Er selbst fand die Aufgabe zwar komisch, sagt aber: "Schlechte Arbeit gibt es nicht." Auch die beiden anderen lassen sich nicht beirren und sind anschließend der Meinung: Wenn sie für etwas bezahlt werden, dann machen sie ihre Aufgabe ordentlich. Die absolut richtige Einstellung, findet Raphael Bonelli. Verlässlichkeit sei die Basis für den Umgang miteinander. Jede Testperson habe mit dem Chef schließlich einen Vertrag geschlossen:  "Du gibst mir Geld und ich gebe dir meine Arbeitskraft. Und wenn du dafür willst, dass ich Klorollen zähle, dann zähle ich die. Das schaut vielleicht blöd aus, aber wir brauchen solche Menschen. Die ganze Gesellschaft ist darauf aufgebaut, dass Menschen verlässlich und pflichtbewusst ihre Arbeit machen. Unabhängig davon, ob mir das in dem Moment Spaß macht oder nicht."

Welches Pflichtbewusstsein wiegt höher?

Gilt das aber auch, wenn wir moralisch fragwürdige Arbeiten ausführen sollen? In einem weiteren Experiment macht unser Lockvogel und Besitzer eine schicken Cafés in Berlin die Testpersonen zu Komplizen seiner dunklen Machenschaften. Die nichtsahnenden Probanden haben sich zum Probearbeiten in seinem Café gemeldet. Dort bittet der Wirt sie sofort darum, im Keller des Cafés billiges Leitungswasser mit Kohlensäure zu versetzen und es den Kunden dann als das teure Tafelwasser von der Karte zu verkaufen.

Der erste Testperson lässt sich sofort auf den Betrug ein. Ihrer Meinung nach seien die Gäste eben selbst schuld, wenn sie den Betrug nicht bemerken. Auch der zweite Kandidat macht mit. "Entweder man spielt mit oder man hat halt keinen Job", sagt die Testperson auf Rückfrage. Ein fragwürdiges Argument – und völlig falsch verstandenes Pflichtbewusstsein, meint  Psychologe Bonelli, "weil es eine höhere Form von Pflichtbewusstsein gibt und das ist ein Pflichtbewusstsein gegenüber den anderen, gegenüber der Gesellschaft. So will man selbst nicht behandelt werden und deswegen kann man so nicht handeln. Richtig und pflichtbewusst wäre aussteigen und da nicht mitzumachen." Insgesamt haben alle fünf eingeladenen Testpersonen den Cafébesitzer beim Betrug unterstützt. Raphael Bonelli räumt deshalb ein, dass man schon ein Held sein müsse, wenn man in einer solchen Situation auf den Job verzichten würde. Das nur wenige Menschen schaffen. Der Psychologe mahnt jedoch: "Lässt man sich auf unmoralische Aufgaben ein, weil sie einem ja von jemand anderem aufgetragen wurden, dann folgt man der typischen Psychologie von Mitläufern. So funktionieren korrupte Systeme, und so funktioniert letztlich auch die Mafia."

Szenario 3: Hundehüten

Erfüllen wir eine Aufgabe aber auch dann pflichtbewusst, wenn wir dafür keine Gegenleistung bekommen? stern TV inszeniert dafür vor einem Einkaufszentrum in Berlin die Legende, dass Lockvogel Nadja schnell etwas einkaufen will, ihr Hund Buddy aber nicht mit rein darf. Sie bittet Passanten darum, für fünf Minuten auf den Mischling aufzupassen. Dann verschwindet Nadja, kommt aber nicht nach den versprochenen fünf Minuten zurück. Die Testpersonen stehen vor einem moralischen Konflikt: Was tun mit dem kleinen Hund?

Die ersten beiden Testpersonen sind Männer: Beide werden schon nach drei Minuten ungeduldig – und nach acht Minuten geben sie den Hund kurzerhand am Infoschalter des Einkaufzentrums ab.

Der nächste sagt Nadja direkt: "Wenn Sie in fünf Minuten nicht wieder da sind, binde ich den Hund hier an!" Kaum ist unser Lockvogel weg, hält der Mann schon ungeduldig nach ihr Ausschau. Nach exakt fünf Minuten setzt der Mann seine Drohung in die Tat um. Er bindet Buddy am nächstbesten Pfosten an – und überlässt den Hund seinem Schicksal. Nur unsere dritte Testperson, eine Frau, wartet geduldig auf Nadjas Rückkehr. Auch als unser Lockvogel erst nach 30 Minuten zurückkehrt, ist sie nicht sauer.

Für Prof. Dr. Raphael Bonelli ist klar: Die Hürde in dieser Situation pflichtbewusst zu handeln ist größer, da es keine Gegenleistung wie etwa Bezahlung gibt. Um die Aufgabe pflichtbewusst zu erfüllen, müsse man aus eigener Motivation heraus handeln oder aus Liebe und Respekt zum Lebewesen. "Diese Empathie ist bei Frauen viel ausgeprägter als bei Männern, vor allem wenn es um Tätigkeiten in Zusammenhang mit anderen Lebewesen geht.", so der Psychologe. Das sei evolutionär bedingt. "Frauen hatten die Aufgabe, sich um die Kinder und den Gruppenzusammenhalt zu kümmern. Somit waren sie auch für eine angenehmen Grundatmosphäre und Stimmung verantwortlich. Umgemünzt auf unseren Test bedeutet das: Frauen erfüllen ihre Aufgabe, weil sie die Person, die ihnen die Aufgabe übertragen hat, nicht enttäuschen möchten. Männer hingegen sind oft in ihrer Art aufbrausender, neigen zum Narzissmus und wollen sich nicht alles gefallen lassen. Ihnen ist es nicht so wichtig, ob sie die Person, die ihnen die Aufgabe erteilt hat, enttäuschen oder nicht."

Und wie ist die Situation der stern TV-Zuschauer ausgegangen, die das Hinweisschild unserer Mitarbeiterin halten sollten? Sie waren vorbildlich pflichtbewusst. Das Schild jemandem anders geben? Es abstellen? Auch wenn sie zwischenzeitlich ans Aufgeben gedacht haben. das Paar hielt geschlagene 10 Minuten durch. Prof. Dr. Raphael Bonelli erklärt: "Wenn eine weitere Person dabei ist, wenn man eine Pflicht übernommen hat, ist man grundsätzlich pflichtbewusster eingestellt. Um die Einstellung des anderen zu prüfen, spielt man das Aufgeben theoretisch durch", so der Psychologen. Das war auch in unserem Szenario passiert. "Bei einer Person, die sich alleine und unbeobachtet fühlt sinkt die persönliche Hemmschwelle eher, weil man immerhin vor niemandem Rechenschaft ablegen muss."

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