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Regretting Motherhood: Wenn Frauen bereuen, Mutter zu sein

Anders als den meisten Müttern, fällt es Melanie schwer, voller Glückseligkeit von ihren Kindern zu sprechen. Die Mutterrolle überfordert sie, die Verantwortung empfindet sie als erdrückend. Rückblickend hätte Melanie am liebsten keine Kinder bekommen. Und mit dem Gefühl ist diese Frau nicht alleine.

Melanie ist knapp 50 Jahre alt und hat drei Kinder. Ihr Leben habe sie ihnen, der Mutterrolle gewidmet. Sie habe das Gefühl, dafür sich selbst aufgegeben zu haben. Rückblickend bezeichnet Melanie es als Fehler, überhaupt Kinder bekommen zu haben. "Ich bereue es", sagt sie. Lange Zeit schämte sie sich für solche Gedanken.  "Ich war am Anfang schockiert von mir selbst. Denn das eigene Bild, eine "gute Mama" zu sein bricht erstmal völlig zusammen." Mutter sein als falsche Wahl? Es ist eine unumkehrbare Entscheidung.

Mit diesem Gefühl ist Melanie unter Müttern zwar eine Seltenheit, aber dennoch nicht alleine, wie die israelische Soziologin Orna Donath in einer Studie herausfand. Sie befasste sich mit dem Phänomen "Regretting Motherhood", auf deutsch: die Mutterschaft bereuen. Donath sprach mit 23 Frauen, die ihre Rolle als Mutter negativ erleben und diese Frage "Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, mit Ihrem heutigen Wissen und Ihrer Erfahrung, würden Sie dann noch einmal Mutter werden?" mit "Nein" beantworteten. "Es ist hart, Frauen zu erleben, die sich wie in einem Käfig  fühlen  - ein Leben leben, das sie nicht wollen", sagt Orna Donath. 

Auch auf Anja trifft das zu: Sie ist Ende 40 und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Anja bereut es ebenfalls, Mutter geworden zu sein: "Wenn ich die Zeit zurück drehen könnte, dann wage ich gar nicht auszusprechen, was mir in den Kopf kommt. Ich würde keine Kinder haben oder maximal ein Kind haben." Auch ihr machten diese Gedanken zuerst Angst: "Es fühlte sich an wie Verrat", sagte sie im Gespräch mit stern TV. Natürlich liebe sie ihre Kinder trotzdem, wolle dass es ihnen gut geht. "Es gibt so kleine Momente, in denen du denkst: Bist du ein süßer Kerl, oder: Bist du ein schlaues Mädchen, bist du lieb zu mir! Diese Momente gibt es, Gott sei Dank. Aber die wiegen es nicht auf. Die wiegen den ganzen Ballast nicht auf. Denn dann kommt das Gefühl wieder: Ich will einfach nur weg hier. Es ist ein zerrissenes Gefühl."

Anfangs waren es Wunschkinder

Als Anja mit 31 Jahre von ihrem damaligen Mann schwanger wurde, war sie glücklich. Sie sehnte sich nach einer Familie, nach dem großen Zusammenhalt. Ihr Sohn und Ihre Tochter waren zuerst Wunschkinder. Denn eigentlich hatten Ärzte Anja gesagt, dass sie keine Kinder bekommen könne. Die erste Schwangerschaft grenzte für sie an ein Wunder. "Als ich das Kind geboren habe und es in meinen Armen hatte – das Gefühl hab ich heute noch – das war das schönste Gefühl der Welt."

Die schönen Gefühle hielten nicht an. Anjas Mann erkrankte schwer und wurde zum Pflegefall. Die zweifache Mutter musste sich auch um ihn kümmern. Ihr neues Leben: tagsüber Vollzeit arbeiten, danach die Kinder versorgen, ihren Mann, den Haushalt machen. Ihr ganzes Leben habe sich fortan um die Bedürfnisse anderer gerichtet. Und immer häufiger habe sie sich gewünscht, weit weg zu sein – weg von der Belastung, weg von ihren eigenen Kindern. "Ich leide darunter, selbst nicht mehr da zu sein. Ich funktioniere. Ich bin eingebettet in ein System von Mutter sein, arbeiten gehen und Hausaufgaben machen.  Aber ich selbst als Frau bin irgendwie verschwunden. Meine Bedürfnisse interessieren keinen, was ich gerne hätte, was ich gerne machen möchte."

 Eine Frage des Weltbildes

Woher kommen diese Gefühle und was sind das für Frauen? Darf man es bereuen, Mutter zu sein? Die australische Studie und die wenigen Mütter, die offen darüber sprechen, stellen die Welt vor diese Fragen. Unter dem Hashtag #regrettingmotherhood hat die Debatte auch Deutschland erreicht. Ein Wechselspiel zwischen Ablehnung und auch Verständnis. Das bewegte die deutsche Soziologin Christina Mundlos dazu, sich hierzulande mit dem Phänomen auseinanderzusetzen. "Etwas zu bereuen, ist ein Gefühl, das man hat oder das man nicht hat. In unserer Gesellschaft ist es normalerweise völlig gewöhnlich, dass man hin und wieder etwas bereut". erklärt sie. "Nur im Zusammenhang, dass Mütter bereuen, Kinder bekommen zu haben, wird plötzlich die Frage gestellt, ob sie das dürfen."

Für ihre eigene Studie sprach sie mit über 50 bereuenden Müttern und resümierte in einem Buch:  Wenn Mutter sein nicht glücklich macht. Das Thema trifft einen wunden Punkt der Gesellschaft. Christina Mundlos wird für ihre Studie offen kritisiert und sogar beschimpft. "Es gibt offenbar Menschen, die partout nicht wollen, dass über das Thema gesprochen wird. Weil das natürlich das komplette Weltbild auf den Kopf stellt: dass Frauen für die Mutterschaft geschaffen sind und pure Glückseligkeit aus der Mutterrolle ziehen sollen", so die Soziologin. "Das ist einfach falsch. Aber es ist ein Weltbild, das vielen noch sehr viel Sicherheit und Orientierung gibt."

"Ich mag meine Kinder, aber ich liebe sie nicht"

Auch Melanie und ihr Mann leben das traditionelle Familienmodell: Mit der Geburt des ersten Kindes setzte Melanie von ihrem Beruf aus. Während ihr Mann zur Arbeit fährt, bleibt sie zuhause. Im Alltag fühlte sich die fast 50-Jährige von ihrem Partner oft alleingelassen. Die Kinder bekam sie, weil sie den gesellschaftlichen Druck verspürte, Kinder zu bekommen. "Auf dem Land ist das so, man bekommt halt Kinder. Ich bin da so reingerutscht. Aber es erfüllt mich nicht." Die drei Kinder sind mittlerweile in der Pubertät. Wenn von ihnen spricht, sagt sie: mögen. Nicht: lieben. Ihr eigenes Leben fühle sich für sie fern an. Sie habe das Gefühl, zu viel aufgegeben zu haben – und den schmerzlichen Gedanken: Wäre ich doch nie Mutter geworden. "Ich muss auch damit klar kommen, dass es Leute gibt, die das unsäglich finden. Aber ich sage mir einfach: Ich bin ehrlich." 

Christina Mundlos hat in ihrer Untersuchung viele Mütter kennen gelernt, denen es wie Melanie geht. Im Grunde gäbe es zwei Gruppen von Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, so die Soziologin: "Zum einen sind das Mütter, die zu ihrer Mutterschaft ein Stück weit durch die Gesellschaft gedrängt wurden, für die Mutterschaft nie was gewesen wäre, die einfach keine Verantwortung für einen anderen Menschen hätten übernehmen wollen und sollen und die einfach die falsche Entscheidung getroffen haben ein Kind zu bekommen. Die zweite Gruppe sind die, die stark unter der gesellschaftlichen Mutterrolle und den Aufgaben, die von Müttern erwartet werden, leiden. Beide Gruppen sind gesellschaftlich gemacht. Denn es leiden beide unter diesem Muttermythos, der sich hartnäckig hält: dass alle Frauen Mütter werden sollen und wollen – und dass Mutter werden glücklich macht."

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