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Rettung des Waldrapp: Wie Forscher einen der weltweit seltensten Vögel wieder nach Deutschland holen wollen

Der Walrapp ist einer der seltensten Vögel der Welt. In Mitteleuropa ist er schon seit dem 18. Jahrhundert ausgestorben. Jetzt hat es sich ein Forscherteam zur Aufgabe gemacht, den ungewöhnlichen Vogel in Deutschland wieder heimisch zu machen. stern TV hat das Projekt begleitet.

Der Waldrapp gehört zur Gattung der Ibisse und ist stark vom Aussterben bedroht.

Der Waldrapp gehört zur Gattung der Ibisse und ist stark vom Aussterben bedroht.

Ein Mann, ein Ultraleichtflugzeug und ein Schwarm seltsam anmutender Vögel über den Alpen: Das ist das Ziel des Projekts von Verhaltensbiologe Johannes Fritz und seinem Forscherteam "Waldrapp". Der Vogel mit dem ungewöhnlichen Aussehen war einst in Deutschland und ganz Mitteleuropa heimisch. Er galt aber auch als Delikatesse – und wurde im 18. Jahrhundert regelrecht ausgerottet. In Deutschland gibt es ihn nun schon seit 400 Jahren nicht mehr. Derzeit leben weltweit in freier Wildbahn nur noch wenige Einzelexemplare.

Das soll sich ändern: Das Forscherteam um Johannes Fritz will den Waldrapp in Süddeutschland nun wieder ansiedeln. Eine große Herausforderung, da die Tiere gar nicht mehr wissen, wie sie in Freiheit eigentlich leben. Generationen von ihnen wurden nur in Zoos gehalten. Ist es also möglich, dass das Waldrapp-Team mit Hilfe der beiden Vogel-Ziehmütter Anne Schmalstieg und Corinna Esterer die frisch geschlüpften Küken demnächst zum Fliegen bringen und sie an ihre natürliche Wanderung in warme Überwinterungsgebiete gewöhnt? Damit das gelingt, wurde von der Handaufzucht der Küken bis zum Trainingscamp mit Flugtraining alles durchdacht. "Wenn der älteste Vogel 35 Tage alt ist, müssen wir den Standort wechseln, weil die Phase beginnt, dass sie auf ihr Umfeld geprägt werden. Und das wird später ihr Brutgebiet", so der Verhaltensbiologe Fritz. "Wir müssen zu dem Zeitpunkt also dort sein, wo wir sie auch als brütende Vögel haben wollen, in Überlingen am Bodensee."

Ziehmütter Anne und Corinna sollen Jungvögeln den Weg nach Italien weisen

Bis es soweit ist, werden die Jungvögel von ihren menschlichen Ziehmüttern auf sie geprägt – damit die Tiere ihnen beim Flug über die Alpen folgen. Seitdem die Vögel 3 Tage alt sind, sind die beiden ihre einzigen Sozialbeziehungen. Schmusen, Näseln, Füttern – all das übernehmen die jungen Frauen. "Man merkt schon, dass wir eine starke Bindung entwickelt haben", demonstriert Anne-Gabriela Schmalstieg. "Wenn wir beispielsweise das Nest wechseln, dann kommen sie gleich hinterher, um mit uns den sozialen Kontakt zu halten, damit wir sie streicheln."

Um den Vogel langfristig am Bodensee wieder heimisch zu machen, müssen die Waldrappe vor allem aber lernen, dass und vor allem wie sie für den Winter über die Alpen Richtung Süden fliegen und ihnen die Route bis ins WWF Schutzgebiet Oasi Laguna di Orbetello  in Italien zeigen. Forschungs-Leiter Johannes Fritz hat sich dazu extra zum Ultraleichtpiloten ausbilden lassen, um den jungen Waldrappen ihren Weg bis in ihr Überwinterungsgebiet zu weisen. Die Strecke von der Waldrapp-Voliere in Überlingen am Bodensee bis ins Winterquartier in der Toskana ist mehr als 900 Kilometer lang. Die erste Übungsstrecke war mit 300 Meter nur ein kurzer erster Test. Und tatsächlich – die Waldrappe flogen los, dem  Ruf "Waldi komm komm!" ihrer Ziehmama Anne Schmalstieg hinterher.

Ab sofort gibt es für die Waldrappe vom Bodensee vier Mal Flugtraining pro Woche – dann kann es tatsächlich klappen mit der Alpenüberquerung in anderthalb Monaten.