HOME

Risiken und Nebenwirkungen: Warum Sie bei diesen Antibiotika aufmerksam sein sollten

Birgitta Anton bekam wegen einer Blasen- und Nebenhöhlenentzündung Ciprofloxacin verschrieben, ein Breitband-Antibiotikum. Es gehört zur Gruppe der Fluorchinolone. Die Einnahme hat Birgitta Antons Leben folgenschwer verändert – und es gibt hunderte weiterer Patienten, die von schweren Nebenwirkungen berichten.

Antibiotika-Präparate, die zur Gruppe der Fluorchinolone gehören.

Antibiotika-Präparate, die zur Gruppe der Fluorchinolone gehören.

Seit der Behandlung einer Blasen- und Nebenhöhlenentzündung leidet Birgitta Anton unter Angstattacken, chronischem Muskelabbau und einem vollkommen zerstörten Verdauungssystem. "Weil meine Magen-Darm-Passage nicht mehr funktioniert, kann ich nicht mehr normal essen und trinken und habe unvorstellbare Schmerzen", berichtet die 35-Jährige. Der massive Nährstoffmangel habe dazu geführt, dass ihr Haare und sogar Zähne ausfielen, und sie habe "sämtliche hormonelle Störungen".

Die Konstanzerin führt ihre Probleme auf die Nebenwirkungen des Antibiotikums zurück, das ihr vor zwei Jahren wegen der Entzündungen verordnet wurde: Ciprofloxacin. "Ich weiß noch, dass ich am letzten Tag der Einnahme hämmernde Kopfschmerzen bekam", erzählt Birgitta Anton. Und das war erst der Anfang ihrer Leidensgeschichte.

Ciprofloxacin gehört zu der Gruppe der so genannten Fluorchinolone. Das sind Breitband-Antibiotika, die eigentlich nur bei besonders komplizierten bakteriellen Infektionen verschrieben werden. Etwa in bedrohlichen Fällen, in denen kein anderes Antibiotikum anschlägt. Experten sprechen deshalb auch von "Reserveantibiotika". Dennoch werden die Fluorchinolone von Ärzten oftmals zu leichtfertig verordnet. Und offenbar geht es tausenden Patienten in Deutschland wie Birgitta Anton: Sie erlitten nach der Einnahme eines solchen Antibiotikums unter anderem Sehnenrisse, Nierenschäden oder bekamen Depressionen. In einschlägigen Foren haben sich unzählige Betroffene gemeldet.

Birgitta Anton war einst lebenslustig, sportlich, arbeitete als Physiotherapeutin. Heute ist sie arbeitsunfähig. Eines der größten Probleme der Geschädigten: Viele Ärzte glauben ihnen nicht. Auch Birgitta Antons Hausärztin sah keinen Zusammenhang mit dem Medikament. "Sie sagte, ich müsse mich täuschen, das sei ein sehr gut verträgliches Antibiotikum", so die 35-Jährige. Als sie Monate nach Auftreten ihrer Beschwerden einen anderen Arzt konsultierte, kam heraus, dass fast alle ihre Symptome als Nebenwirkungen im Beipackzettel des Antibiotikums aufgelistet waren.

Verschreibungspraxis gefährdet wertvolle Ressourcen

Der Marktanteil dieser Antibiotika liegt bei rund 16 Prozent – und damit viel zu hoch, sagt der Pharmakologe Prof. Gerd Glaeske. "Wir haben die in den 80er-Jahren noch Panzerschrankantibiotika genannt, weil die nur rausgenommen wurden, wenn man eine Infektion sonst nicht in den Griff bekam", so der Arzneimittelexperte. "Panzerschrank- oder Reserveantibiotika kann man die aber schon lange nicht mehr nennen. Wir sind uns alle darüber einig, dass man diese Mittel unbedingt braucht – aber eben nicht für Indikationen, die wir mit anderen Antibiotika behandeln können."

In einer Studie über Blasenentzündungen an Glaeskes Institut der Universität Bremen kam Erschreckendes ans Licht: Wenn Frauen im Fall einer Blasenentzündung Antibiotika verschrieben werden, sind es in der Hälfte aller Fälle Fluorchinolone. Glaeske kritisiert die Verschreibungspraxis mit diesen spezifischen Antibiotika und fordert mehr Aufklärung bei Ärzten, aber auch Verbesserungen für Patienten. "Die Aufklärung über Arzneimittel ist lückenhaft. Ein Arzt müsste die Nebenwirkungen ansprechen. Das passiert viel zu selten. Und ein Arzt kann sich nicht darauf berufen, dass der Patient sich selbst informieren muss", so der Professor.

In anderen Ländern, wie beispielsweise den USA, wird im Beipackzettel deutlich sichtbar vor den Nebenwirkungen gewarnt. Die Fluorchinolone gelten als letztes Mittel bei schwerwiegenden, multiplen Infekten. Nicht zuletzt, weil die betreffenden Bakterienstämme bei häufigem Einsatz resistent werden könnten – und die Medikamente dadurch nicht mehr helfen. Doch: Allein in Deutschland werden jeden Tag 16.000 Packungen mit Fluorchinolonen verschrieben.

Im Vergleich: So gehen die USA mit diesen Antibiotika um

Fast alle Symptome standen im Beipackzettel

Andrea Beck ließ sich vor drei Jahren wegen einer akuten Nasennebenhöhlenentzündung behandeln. Weil Wochenende war, ging sie ins Krankenhaus. "Dort wurde mir gesagt, es wäre besser, wenn ich stationär dort bleiben würde, man könnte mir intravenös ein gut verträgliches Antibiotikum geben", erzählt die Wiesbadenerin. Sie bekam ein Mittel aus der Gruppe der Fluorchinolone. Ihre Entzündung wurde besser, andere Beschwerden aber kamen: "Es ging direkt nach der ersten Einnahme los mit Muskelzuckungen, Herzrasen, Vibrieren im Kopf. Es ging dann weiter mit Ganzkörperschmerzen." In den folgenden Monaten verschlimmerte sich ihr Zustand. Andrea Beck hat keine andere Erklärung, als dass die Symptome auf das verabreichte Ciprofloxacin zurückzuführen sein müssen. Sie sagt: "Ein Jahr danach – als meine Symptome immer schlimmer geworden sind – wollte ich ein Gespräch mit dem Chefarzt der Abteilung. Und der sagte nur: 'Wir haben eine wunderbare Psychiatrie in unserem Haus, 6-8 Wochen werden Ihnen sicher sehr gut tun'." Heute sind ihre Armmuskeln sogar zu schwach, um eine Wasserflasche zu öffnen. Häufig fallen Andrea Beck einfach so Dinge aus der Hand. Ihr Leben, sagt sie, sei völlig zerstört. "Ich mag mein Leben, so wie es jetzt ist, nicht mehr."

Und Birgitta Anton kann heute kaum noch richtig essen, sie ernährt sich überwiegend von Gemüse und Brei. In den letzten Monaten war sie drei Mal stationär in Kliniken.

Warum werden Fluorchinolone in Deutschland millionenfach verschrieben, obwohl sie laut Experten nicht bei leichten Infektionen eingesetzt werden sollten, sondern als letztes Mittel bei schwerwiegenden Krankheiten? Darüber sprach Steffen Hallaschka live bei stern TV mit Birgitta Anton und dem Arzneimittelexperten Prof. Dr. Gerd Glaeske.

stern TV am 07.02.2018: Studiogespräch über Nebenwirkungen bei Antibiotika


Themen in diesem Artikel