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Seehaus statt Knast: Ungewöhnliches Wohnprojekt hilft kriminellen Jugendlichen auf die Spur

Diebstahl, Raub, Brandstiftung: Die jungen Männer Marcel und Richard haben schon Einiges auf dem Kerbholz, sind zu monatelangen Haftstrafen verurteilt. Einen Teil ihrer Strafe sollen sie in einem Haus am See in Familien-WGs verbringen. Und das aus gutem Grund.

Straftäter Richard verbüßt einen Teil seiner Haftstrafe in einem WG-Projekt im Seehaus bei Leipzig.

Straftäter Richard verbüßt einen Teil seiner Haftstrafe in einem WG-Projekt im Seehaus bei Leipzig.

Wohnen mit Seeblick und Vollpension – wenn es darum geht, kriminelle Jugendliche zu bestrafen, klingt das ziemlich paradox. Und doch handelt es sich um ein ernst gemeintes und sogar sehr erfolgreiches Erziehungsprogramm, das der Verein "Seehaus e.V." in Leonberg (Baden-Württemberg) und Leipzig (Sachsen) betreibt. Jugendstrafvollzug eine dritte Option für jugendliche Straftäter, sich zu resozialisieren: Jugendstrafvollzug in freier Form.

Tür an Tür mit Strafgefangenen

Richard* hat mit 16 Jahren Brandsätze auf ein Asylheim geworfen – er wurde zu anderthalb Jahren Haft verurteilt und verbrachte 15 Monate davon im Seehaus. Marcel* (22) wurde wegen Diebstahl und Raub zu 15 Monaten verurteilt. Die beiden sind zwei von sieben 17- bis 23-Jährigen, die gleichzeitig im Seehaus bei Leipzig leben – zusammen in einer Wohngemeinschaft mit sogenannten "Hauseltern" und deren eigenen Kindern. Für viele der straffällig gewordenen Jugendlichen ist das die erste Erfahrung mit einem geregelten Familienleben. Allein das könne schon viel bewegen, sagt WG-Vater Franz Steinert: "Das ganze Thema Väter – Vorbilder – ist bei vielen dieser Jungs ein schwieriges Feld, wo sie wenig positive Erfahrungen gemacht haben." Allerdings kämen nur junge Männer zu ihnen, die nicht gerade eine Therapie wegen Drogenentzugs oder Sexualstraftaten machen müssten, so Steinert.

Franz und Steffi Steinert leben mit ihren drei kleinen Kindern seit 2012 Tür an Tür mit den Strafgefangenen. Die beiden lebenspraktischen Eltern hatten sich aus Interesse an alternativen Lebensformen für das Projekt beworben. Die Steinerts haben neben den WG-Räumen eine eigene, abschließbare Wohnung. Die Verbindungstür wird aber nur in der Nacht geschlossen. "Es gibt eine Grundnorm im Seehaus, die besagt, dass wir einander höflich und mit Achtung begegnen. Alle Menschen, die hier sind und ankommen, nehmen wir genauso, wie sie sind", erklärt Steffi Steinert. "In den ersten drei Tagen gucke ich mir die jungen Männer natürlich trotzdem immer genau an, wie sie sind."

Tagesstruktur fordert die jungen Strafgefangenen

Für die jungen Straftäter ist der Alltag im Seehaus auch Erziehungsprogramm, mit Aufgaben von frühmorgens bis in die späten Abendstunden: Sportprogramm, gemeinnützige Arbeit, Hausputz. Darüber hinaus setzen sich die jungen Männer in Sitzungen mit der Opferperspektive ihrer Verbrechen auseinander. Und: Jeder kann seinen Haupt- oder Realschulabschluss nachholen. Richard hat das in nur wenigen Monaten mit Bravour geschafft. Der 18-Jährige erlebt zum ersten Mal, etwas erfolgreich zu Ende zu bringen auf einen hart erarbeiteten Erfolg stolz zu sein. Durch das Projekt habe er aber noch viel mehr gelernt, sagt er: "Ich habe im Seehaus extrem gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Das konnte ich davor gar nicht. Man lebt dort zusammen, arbeitet zusammen, bekommt quasi alles voneinander mit. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist so stark, dass man sich gegenseitig unterstützt. Und jetzt habe ich es geschafft, dass ich mein Leben selber organisieren kann."

Verantwortung, Ehrlichkeit und Selbstbeherrschung fordert auch die WG-Mutter ein, sagt Steffi Steinert. Vor allem Toleranz sei ihr wichtig: "Dass die merken: Die anderen sind auch in Ordnung. Nicht bloß 'Ich zähle und meine Meinung ist wichtig', sondern 'Ich höre mir bewusst auch andere Meinungen an'. Man muss ja lange nicht damit einverstanden sein, aber vielleicht kann man das auch mal so stehen lassen." Die Ansichten von Richard hätten sich dadurch komplett geändert, berichtet er selbst. Während er vormals als Neonazi gegen Flüchtlinge hetzte, engagiert er sich heute für sie: "Ich habe mir dann selber gesagt, ich will Wiedergutmachung leisten und hab angefangen ehrenamtlich bei einem Flüchtlingshilfe e.V. zu arbeiten. Und hab das so für mich Stück für Stück aufgearbeitet."

Bessere Perspektiven durch mehr Verantwortung

Der Neubau am Hainer See wurde durch Spendengelder und ein Darlehen errichtet. Die laufenden Kosten dieses Jugendstrafvollzugs in freier Form finanziert der Freistaat Sachsen. Ein zweites Seehaus steht in Leonberg, wo es das Projekt schon seit 2003 gibt. Nicht alle straffälligen Jugendlichen können wie Richard erfolgreich resozialisiert werden, etwa ein Drittel bricht den Aufenthalt im Seehaus vorzeitig ab. Der Tagesablauf, das Aufgabenpensum, Integration und Toleranz – manchmal  müssten auch die "Hauseltern" diese Entscheidung fällen, sagt Franz Steinert. Etwa, wenn die jungen Männer womöglich die Sicherheit der eigenen Kinder oder anderen Bewohner gefährden. Richtig geflohen ist in sieben Jahren Seehaus-Projekt bislang nur ein junger Mann. Und der wurde nach wenigen Stunden wieder gefasst.

Ob Richard sein Leben nun auch alleine weiter in geregelte Bahnen lenkt, muss sich noch zeigen. Erstmal hat der 18-Jährige ein freiwilliges soziales Jahr in einem christlichen Seminarhaus begonnen.