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Aus Liebe zweimal lebenslänglich: Ist Jens Söring seit 30 Jahren unschuldig in Haft?

Jens Söring sitzt seit 30 Jahren im Gefängnis. Der Sohn eines deutschen Diplomaten wurde als 19-Jähriger verhaftet und in den USA wegen Mordes an den Eltern seiner Freundin verurteilt. Bis heute beteuert er, unschuldig zu sein. Neue Hinweise könnten ihn entlasten.

Jens Söring ist seit über 30 Jahren in Haft.

Jens Söring ist seit über 30 Jahren in Haft.

Opferte Jens Söring sein Leben seiner einstigen großen Liebe? Der inzwischen 50-Jährige hat aufgehört, sich diese Frage zu stellen. Es ist längst klar. Der deutsche Diplomatensohn sitzt seit 30 Jahren im Gefängnis, weil er die Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom getötet haben soll. "Es war alles ein abgekartetes Spiel, ich hatte nie die geringste Chance“, heißt es in Briefen von Jens Söring, der bis heute beteuert, den Mord nicht begangen zu haben.

Derek und Nancy Haysom wurden 1985 in ihrem Haus in Virginia brutal mit mehreren Messerstichen ermordet. Die Tatwaffe wurde nie gefunden, dafür aber diverse Blutspuren. Einige davon wurden aufgrund der Blutgruppe Jens Söring zugeordnet. Durch neue DNA-Erkenntnisse weiß man heute, dass diese Blutspuren einem anderen, bisher unbekannten Mann gehören. Und dennoch ändert das für Jens Söring nichts. 

Er wollte sie vor der Todesstrafe bewahren

Jens Söring kam 1984 als 18-jähriger Hochbegabter mit einem Stipendium an die Universität von Virginia. Bei einer Einführungsveranstaltung traf er die zwei Jahre ältere Elizabeth Haysom – bildhübsch, intelligent, aber auch geheimnisvoll und rebellisch. Söring verliebte sich in das Mädchen aus gutem Hause. "Ende November war es dann so weit, dass ich ihr meine Liebe erklärte. In einem kleinen Imbiss an der Universität", erzählt Jens Söring im Interview. "Daraufhin sagte sie mir, sie sei schon seit Monaten in mich verliebt. Und jetzt hätte ich endlich den Mut gehabt, es ihr zu sagen." Die Liebesgeschichte begann, die beiden wurden ein Paar. Für den schüchternen Jens Söring war es die große Liebe. Damals ahnte er nicht, dass es die einzige bleiben würde.

Die beiden waren drei Monate zusammen, als es zur Tragödie kam. Jens Söring behauptet bis heute, Elizabeth habe ihm die Tat danach gestanden. Er selbst habe gar keine Beziehung zu den Opfern gehabt und sei nur zwei Mal in dem Haus der Familie Haysom gewesen. Nach den Morden habe er – als Diplomatensohn mit vermeintlicher Immunität – Elizabeth vor der Todesstrafe bewahren wollen. "Ich musste sie beschützen", sagte er als Erklärung damals vor Gericht. Er hatte sich für seine große Liebe geopfert. "Ich dachte, ich sei ein Held. Ich dachte, ich sei ein ganz toller Kerl." Doch das war er für Elizabeth Haysom nicht.

"Und sie tut alles, um mich immer weiter zu zerstören"

Als sie und ihr Freund unter Verdacht gerieten, floh das Paar 1985 aus den USA nach Thailand, dann nach Europa. In London wurden sie schließlich wegen Scheckbetrugs verhaftet und alles nahm seinen Lauf. Elizabeth Haysom erklärte die Beziehung zu Jens Söring als beendet und war bereit, gegen ihn auszusagen: Er habe ihre Eltern umgebracht. "Das zu sehen: Das ist der Mensch, für den ich mein Leben zerstört habe", erinnert sich Söring. "Und sie tut alles, alles was sie kann, um mich immer noch weiter zu zerstören."

Sie selbst bekannte sich vor dem Gericht in Virginia wegen Anstiftung zum Mord für schuldig. Elizabeth Haysom wurde schließlich zu insgesamt 90 Jahren Haft verurteilt, die sie bis heute absitzt.

Der damals 19-Jährige blieb zunächst in Europa inhaftiert und wurde fünf Jahre nach den Morden nach Virginia ausgeliefert. Zu jener Zeit hatte er sein Geständnis längst widerrufen. In den USA sollte es der große Prozess werden, der sogar im Fernsehen übertragen wurde. Jens Söring bekam zwei Mal lebenslänglich. In Virginia bedeutet das wortwörtlich lebenslänglich. Danach sollte er nie mehr frei sein. Er wanderte mit Anfang 20 wegen seiner vermeintlichen großen Liebe für immer ins Gefängnis.

"Der ganze Prozess war voller Fehler"

In den vergangenen 30 Jahren setzte Jens Söring viele Hebel in Bewegung, um seinen Fall neu aufzurollen. Vergeblich. Und das, obwohl nach Ansicht vieler Unterstützer Sörings einige Indizien für seine Unschuld sprechen. Der Filmemacher Marcus Vetter hat gemeinsam mit einer Journalistin drei Jahre lang für einen Dokumentarfilm (Titel: "Das Versprechen") über diesen spektakulären Kriminalfall recherchiert. Er traf Jens Söring in Virginia zum Interview, sprach mit Ermittlern und wertete sämtliche Akten und Anhaltspunkte aus dem Prozess gegen Söring aus. Marcus Vetter sagt: "Der ganze Prozess war voller Fehler. Die Tat muss jemand begangen haben, der entweder auf Drogen war oder die wahnsinnig gehasst haben muss. Die Eltern regelrecht abgeschlachtet. Er hat keine Drogen genommen, keinen Alkohol getrunken. Welches Motiv sollte er gehabt haben, die Eltern abzuschlachten?"

Ihm stelle sich die Frage, ob Elizabeth Haysom sich Söring ausgesucht hat, damit all das passierte, oder ob es ein Zufall war, dass Jans Söring ihr das Versprechen letztlich gab: "Also sie hat ihn auf jeden Fall dazu überredet", so Vetter überzeugt. In Deutschland hat der inzwischen 50-järhige Söring weitere Unterstützer der Unschuldstheorie, darunter die Religionslehrerin Bernadette Faber aus Bitburg. Sie sammelt seit einer Fernsehreportage Beweise für Sörings Unschuld und kam nach Durchsicht der Akten zu dem Ergebnis: "Dieses Geständnis war von Anfang an fehlerhaft." So habe Jens Söring beispielsweise falsche Details genannt, was die Kleidung der Opfer anging. Darüber hinaus sei ein Sockenabdruck, der am Tatort gefunden wurde, doch wohl kein eindeutiger Beweis – nur weil er die entsprechende Größe habe. Das habe ein Gutachter behauptet, der sonst Reifenabdrücke bei Verkehrsunfällen untersucht. "Daran merkt man auch, dass sie alles versucht haben, es so zu konstruieren, dass am Ende er als Täter rauskommt", sagt Marcus Vetter.

Ein Kampf um die Anerkennung seiner Unschuld

Jens Söring sitzt inzwischen über 30 Jahre im Gefängnis. Er stellte elf Anträge auf vorzeitige Entlassung. Alle elf wurden abgelehnt. Die nun öffentlich gewordenen neuen DNA-Erkenntnisse haben ihm wieder Hoffnung gegeben. Ursprünglich habe man – damals Ende der 80er Jahre – Söring die Blutspuren aufgrund der Blutgruppe Null zugeordnet. "Das war eines der Indizien warum man ihn verurteilt hat", so Vetter. "Und genau diese Blutgruppe gehört jemand anderem. Nicht Elizabeth, nicht den Eltern, sondern irgendjemand anderem."

Trotz dieser Erkenntnis wird es für Jens Söring keinen neuen Prozess geben, da er bereits alle juristischen Mittel ausgeschöpft hat. Deshalb hat er jetzt eine Petition beim Gouverneur von Virginia eingereicht, in der er die völlige Anerkennung seiner Unschuld fordert.

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