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Der Fall Stefanie S.: Sie wurde von einem Fremden vergewaltigt – und verarbeitet die Tat in einem Videoblog

Stefanie S. wurde vor fünf Jahren auf dem Nachhauseweg vergewaltigt. Die grauenhafte Tat änderte alles - auch im Zusammenleben mit ihrem Partner. Dennoch schaffte es das Paar, das Geschehene zu verarbeiten. Auch weil Stefanie S. lernte, offen darüber zu sprechen.

Stefanie S. arbeitet ihre Ängste und Gefühle nach einer Vergewaltigung in einem Videotagebuch auf.

Stefanie S. arbeitet ihre Ängste und Gefühle nach einer Vergewaltigung in einem Videotagebuch auf.

Stefanie S. fällt es auch heute noch nicht leicht, über ihre Vergewaltigung zu sprechen. Trotzdem macht sie es in ihrem Videotagebuch, weil es ihr hilft und weil sie anderen Opfern Mut zusprechen will. 

Stefanie S. wurde vor fünf Jahren auf dem Heimweg von ihrer Arbeit überfallen und vergewaltigt. Erst vor drei Wochen wurde der Täter verurteilt. Das Erlebte damals zu Protokoll zu geben und ihrem Peiniger während des Gerichtsprozesses tagelang gegenüber zu treten, verlangte der jungen Frau alles ab. Dank ihres Ehemannes Sebastian habe sie ihre Vergewaltigung dennoch mittlerweile verarbeiten können: "Es bedeutet mir sehr, sehr viel, dass er mich in der Zeit begleitet hat. Ohne ihn wäre ich nicht so mutig gewesen", so die 29-Jährige. Es mag seltsam klingen, doch: Das, was Stefanie passiert ist, hat das Paar erst wieder zusammengebracht.

Die Tat dauerte 12 Minuten

Stefanie und Sebastian S. haben inzwischen drei Kinder, doch ihr Familienglück ist hart erarbeitet. Eigentlich begann ihre Geschichte ganz romantisch, als sich der Konditor und die Konditoreifachverkäuferin kennenlernten, verliebten und schnell heirateten. 2009 kam ihr Sohn Benjamin zur Welt. Sebastian und Stefanie fühlten sich überfordert und zu jung – sie bekamen Probleme und ließen sich nach nur zweieinhalb Jahren wieder scheiden. Dann kam die Nacht, die das Leben der beiden für immer veränderte.

Am 30. April 2012 arbeitete Stefanie in der Spätschicht in einem Schnellrestaurant in Troisdorf. Als sie nachts feststellte, dass ihre S-Bahn ausgefallen war, ging sie ein Stück die Hauptstraße entlang, wo ein Kollege sie abholen und mitnehmen wollte. "Ich habe ja bewusst die offene Straße genommen, wegen der guten Beleuchtung", erzählt die 29-Jährige."Und dann hat er mich gepackt und über den Seitenstreifen rübergezogen." Ein maskierter Mann hielt ihr den Mund zu und legte ein Messer an ihre Kehle. Stefanie erstarrte in Todesangst. Der Fremde drückte sie gegen einen Maschendrahtzaun und vergewaltigte sie. Danach verlangte er nach ihrem Personalausweis, um zu wissen, wo Stefanie wohnt – und floh. Die Tat dauerte 12 Minuten – eine Ewigkeit für die junge Frau. Als sie zurück zur Straße rannte, lief sie ihrem Kollegen fast vors Auto. Er brachte sie zur Polizei. "Dann bin ich vor der Polizeiwache im Empfangsbereich zusammengebrochen. Und dann weiß ich eigentlich kaum noch was. Nur noch, dass ich in diesem Verhörraum gesessen habe und sich die Uhr gedreht hat", erzählt Stefanie. Ab da sei sie wie in einem Tunnel gewesen, habe ihren Körper nicht mehr gespürt. "Ich habe schon gemerkt, dass ich in dem Moment schon angefangen habe, mich zu verschließen."

"Ich wusste: Ich muss ihr irgendwie helfen"

Die Polizei führte mit ihr behutsam alle nötigen Schritte durch und brachte sie ins Krankenhaus. Ihr Exmann erwartete sie zu Hause. "Als sie von der Polizei nach Hause gebracht wurde, haben wir uns direkt in den Arm genommen", so Sebastian S. "Ich wusste in dem Augenblick: Ich muss ihr irgendwie helfen. Aber wie, wusste ich auch nicht." Stefanie konnte kaum reagieren, bei ihr habe sich quasi ein Schalter umgelegt, sie habe einfach nichts mehr empfinden können, erzählt sie selbst. Dennoch war beiden sofort klar: Auch wenn sie frisch geschieden waren – Stefanie brauchte Sebastian jetzt. Seine anpackende Art war ihr eine große Hilfe. Die beiden zogen wieder zusammen; er unterstützte sie, wo es nur ging.

Stefanie war lange Zeit traumatisiert. Sie habe sich wie abgeschnitten von der Welt gefühlt. Sobald es dunkel wurde, traute sie sich nicht mehr vor die Tür. Regelrecht zwanghaft schloss sie die Haustür mehrfach ab und kontrollierte die Rollläden, aber auch Dinge wie Steckdosen, Lichtschalter, die Waschmaschine. Stefanie stellte viele Regeln auf, an die sich Sebastian hielt. So habe sie versucht, die Kontrolle über ihr Leben zurückzubekommen. Das Paar musste zudem umziehen, da der Täter die Adresse der jungen Familie kannte.

Stefanie wurde nach der Vergewaltigung arbeitsunfähig. Auch die Nähe zu Sebastian war schwierig, da die junge Frau bei kleinsten Krisen Panikattacken bekam. Selbst lieb gemeinte Zärtlichkeiten oder Neckereien, wie das Paar sie früher ausgetauscht hatten, konnten Stefanie plötzlich an den Überfall erinnern. "Es ist nicht nur diese Erschreckens-Angst, es ist so richtig Angst! Wie eine schreckliche Erinnerung, die hochkommt", erklärt die 29-Jährige.

Dennoch war sich das Paar sicher: Gemeinsam würden sie diese Krise überwinden. Ihnen wurde vollkommen klar, dass sie zusammengehören. Und so heirateten Sebastian und Stefanie fünf Monate nach der Tat ein zweites Mal – spontan, nur zu zweit. 2014 kam Töchterchen Katie zur Welt, Sohn Leonardo 2016. Stefanie fand zurück ins Leben.

Täter wurde erst fünf Jahre später gefasst

Fünf Jahre nach der Vergewaltigung wurde der Täter gefasst – eine DNA-Spur, die er bei einem Einbruch hinterlassen hatte, hatten Stefanies Peiniger verraten. Für sie kam alles wieder hoch… Stefanies Opferschutzanwältin Dagmar Schorn von der Organisation Weißer Ring riet ihr dennoch dazu, jeden Tag bei Gericht dabei zu sein "Es stimmt nicht, dass ein Prozess einer zweiten Vergewaltigung gleichkommt", so Dagmar Schorn. "Ja, es kommen Erinnerungen zurück. Aber nach dem Prozess geht es meinen Mandantinnen in der Regel deutlich besser, als vorher – weil sie die Kontrolle über ihr Leben zurückerhalten haben." Und tatsächlich: Obwohl es Stefanie viel Kraft kostete, half der achttägige Prozess ihr, die Kontrolle zurückzugewinnen. Vor drei Wochen, am 16.11.2017, wurde der Täter zu 10,5 Jahren Gefängnis verurteilt. Nicht nur wegen seines Vergehens an Stefanie, sondern für insgesamt drei Vergewaltigungen, die ihm nachgewiesen werden konnten.

Stefanie und ihr Mann Sebastian sagen übereinstimmend: Der Prozess hat mehr verändert, als zwei Jahre Therapie und die gesamten letzten fünf Jahre verstrichene Zeit. Stefanie hat beschlossen, einen Videoblog bei Youtube über das Erlebte und den Prozess einzustellen. Sie möchte anderen Frauen in derselben Situation Mut machen. Mut, die Taten anzuzeigen und den Prozess mitzuverfolgen.

Stefanie S. hat mehr als fünf Jahre gebraucht, um ihre Vergewaltigung zu verarbeiten. Vor wenigen Tagen konnte sie zum ersten Mal wieder allein im Dunkeln mit ihrem Hund spazieren gehen. 


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