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Eine Frau im Sportwahn: Schlanker, straffer – schöner? Wenn der Körperkult zur gefährlichen Sucht wird

Es gab eine Zeit, in der Anja Zeidler für einen vermeintlich perfekten Körper einfach alles getan hat. Das Fitnessmodel nahm leistungsfördernde Medikamente, trainierte wie eine Wahnsinnige, ließ sich die Brust vergrößern... Von einem Weg in die Sucht – und wieder heraus.

Nur hier wirklich glücklich? Anja Zeidler macht ein Selfie im Sportstudio.

Nur hier wirklich glücklich? Anja Zeidler macht ein Selfie im Sportstudio.

"Irgendwann wurde es immer extremer. Ich wollte immer mehr Muskeln aufbauen und Körperfett verlieren", sagt Anja Zeidler. "Der Druck war enorm."

Definierte Muskeln und kein Gramm Fett zu viel – Millionen junge Menschen in Deutschland geben alles für den "perfekten" Körper. Welche zentrale Bedeutung das Äußere gerade bei jungen Erwachsenen hat, zeigen jüngste Zahlen und Studien. Die deutsche Fitnessmesse "Fibo" etwa, 1985 mit 100 Ausstellern aus dem Bereich Fitness und Bodybuilding gegründet, ist mit über 1000 Ausstellern und 143.000 Besuchern inzwischen die weltweit größte Messer dieser Art. Der Umsatz der Branche im letzten Jahr: 5,2 Milliarden Euro. Nur in Deutschland.

Anja Zeidler war in diesem Wahn gefangen. Sie tat alles dafür, um einem Fitness-Ideal zu entsprechen. Als die gebürtige Luzernerin mit 18 Jahren nach Los Angeles ging, um Model zu werden, rieten Fotografen ihr nach kurzer Zeit, sie solle ein paar Pfund abnehmen. Anja Zeidler fing mit Krafttraining an und trainierte immer intensiver. Doch dabei blieb es nicht: Für die Selbstoptimierung ließ sie sich die Brüste vergrößern und ihre Lippen aufspritzen. Schließlich machte sie 2013 auch vor illegalen Steroiden und Anabolika nicht Halt – bis sich ihre Stimme, ihr Aussehen und ihre Persönlichkeit so drastisch veränderten, dass sie die Reißleine zog. "Ich war wie besessen und geriet in die falschen Kreise", so die heute 24-Jährige. "Damals stand für mich nur das optische Im Vordergrund. Und die Mittel bestimmten plötzlich meinen Alltag. Ich war abhängig." Ob Hormone oder leistungsfördernde Medikamente, die Herzschlag und Körpertemperatur erhöhen, "damit man mehr Fett verbrennen kann", auch Muskelaufbaupräparate wie Anabolika und Steoride habe sie genommen. Heute spricht Anja Zeidler von Medikamentenmissbrauch. Sie ist die erste Frau in der deutschsprachigen Fitness-Szene, die eine Dopingbeichte abgelegt hat.

Sportsucht: Ein ernstzunehmendes psychisches Problem

Auch Ute Überschär lebt für den extremen Körperkult. Seit Jahrzehnten betreibt sie Bodybuilding, ist fünffache deutsche Meisterin und Vizeweltmeisterin. Sie ordnet ihr ganzes Leben dem Sport unter, sagt sie selbst. "Das ist meine Erholung, das ist meine Freizeit, mein Stressabbau. Hier im Sportstudio, das ist meine Familie. Das ist für mich alles."  Ute Überschär ist sportsüchtig, dennoch will sie keinesfalls damit aufhören. Der Preis für ihr exzessives Bodybuilding: Ihre Knie sind kaputt, ihr linkes Knie wurde schon operiert, um das Gelenk zu retten. Das rechte steht noch aus. Die 54-Jährige leidet unter Arthrose. Dennoch hält sie sich nicht an den Therapieplan, sondern trainiert mit 70 Kilo-Hanteln. "Wir brauchen gar nicht drumrumreden", sagt sie. "Jeder hat natürlich irgendwelche Hilfsmittel. Es wäre Blödsinn, wenn man 'nie und nimmer' sagen würde. Aber es ist einfach Wettkampfphase."

Bei Anja Zeidler war es eine gute Freundin, die ihr die Augen öffnete und zum Umdenken brachte. Die beiden hatten sich ein Jahr nicht gesehen. "Sie sagte 'Ich erkenne dich gar nicht wieder!' Und damit meinte sie nicht nur mein Aussehen", so Zeidler. Die junge Frau brauchte trotzdem mehrere Anläufe, um mit dem Wahn wirklich aufzuhören. Sie habe unter der Gewichtszunahme und dem Muskelabbau anfangs sehr gelitten. Erst als sie aus den USA zurück in die Schweiz ging und dort Rückhalt von Eltern und Freunden bekam, sei es ihr gelungen, wieder eine gesunde Einstellung zu ihrem Körper zu entwickeln.

Anja Zeidler vergleicht ihren Körperkult und Sportwahn heute mit einer psychischen Krankheit. "Ich finde das vergleichbar mit einer Essstörung. Sagen Sie mal einer Magersüchtigen 'Iss mal wieder normal'.  Das geht nicht. So war das auch bei mir."

"Frauen betrifft der Körperkult besonders"

Dipl. Psychologin Ines Imdahl beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Selbstbild von Mädchen und Frauen und hat beispielsweise die Begriffe "Machbarkeitswahn" oder "Schöpfungswahn" geprägt. Sie beobachte mit Sorge, dass immer mehr Menschen ihr Äußeres selbst 'schöpfen' und das ihnen von Natur aus Mitgegebene nicht akzeptieren wollen.

Gerade Frauen seien dabei sehr auf ihr Aussehen bedacht – laut Ines Imdahl auch, weil Männer darauf achten. Doch auch bei Männern nehme die Selbstoptimierung zu.  Bei beiden Geschlechtern gilt: "Wer heute Falten hat, der zeigt, dass er sich nicht gepflegt hat", so die Expertin. "Und weil das Alter keinen Wert mehr hat, will auch niemand mehr Falten im Gesicht haben. Denn wer will schon wertlos sein?"  Frauen betrifft der Körperkult besonders, sagt Imdahl. Es ist sogar statistisch belegbar, dass schlankere Frauen schneller höhere Positionen bekommen. Bei Männern spielt das Aussehen und Gewicht im Job und bei der Karriere eine weniger große Rolle.

Anja Zeidler hat für sich einen Mittelweg für ihre Karriere gefunden. Die 24-Jährige arbeitet noch immer als Fitnessmodel, Doping und Lebensmittel abwiegen gehören aber nicht mehr dazu. Sie lebt wieder in Luzern und dreht dort Videos für ihren Youtube-Blog, stellt Fitnessprogramme zusammen und gibt Ernährungstipps. "Meine Fans schätzen meine Natürlichkeit und dass ich auch mal Tabuthemen anspreche." Etwa ihre Silikonbrüste, die sie sich wieder hat entfernen lassen. Anstatt Körbchengröße D hat sie nun wieder B – und sagt: "Was ich sehe, bin einfach wieder ich. Einfach wieder Anja. Ohne künstliches ich. Ich bin froh, mir geht’s super!"
 

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