HOME

stern TV-Psychoexperiment: Gaffen, knipsen, amüsieren: So schaulustig sind die Deutschen

Ein Paar streitet lauthals auf offener Straße, ein junger Mann stürzt über ein Blumenbeet – solche Szenen sind für viele Menschen faszinierend. Doch in welchen Situationen ist die Schaulust am größten und welche Reaktion wäre eigentlich angebracht?

Zwei Schauspieler haben es für stern TV ausprobiert: Wie reagiert das Umfeld, wenn ein Paar auf offener Straße streitet?

Zwei Schauspieler haben es für stern TV ausprobiert: Wie reagiert das Umfeld, wenn ein Paar auf offener Straße streitet?

Es ist unbestritten unser wichtigstes Sinnesorgan: das Auge. Fast 90 Prozent unserer Umwelt nehmen wir durch Sehen wahr - und erhalten so wichtige Informationen über unser Umfeld und mögliche Gefahren. Wir nehmen aber auch schöne Sachen wahr oder lassen uns beispielsweise durchs Fernsehen unterhalten. Schauen macht Spaß!

Doch die Schaulust der Menschen kann auch negative Auswirkungen haben. Etwa wenn vor lauter Schauen angemessene Reaktionen ausbleiben oder die Privatsphäre anderer Menschen missachtet wird. Die menschliche Schaulust kennt viele Ausprägungen. stern TV hat sie provoziert. Mit versteckter Kamera und manch spektakulärer Szene. Wie reagieren die Menschen, wie äußert sich ihre Schaulust - und was ist daran vielleicht sogar ganz normal?

Lernen vom fremden Ehekrach

Das erste Schaulust-Experiment lassen wir an einem belebten Platz in der Berliner Innenstadt stattfinden: Carsten und Sina, zwei von stern TV engagierte Schauspieler, tragen auf offener Straße einen gestandenen Ehekrach aus. Die beiden machen sich heftigste Vorwürfe, schreien sich gegenseitig an: "Carsten, du bist ein kranker Mensch!" "Du machst mich wahnsinnig!" "Hast du mich gerade Schlampe genannt?!" Die Reaktion: Die meisten Passanten recken die Hälse. Kaum jemand zeigt sich von dem Geschehen unbeeindruckt. Die meisten gucken heimlich hin und tuscheln, andere amüsieren sich ganz offen. Darauf angesprochen kann sich niemand so richtig erklären, weshalb er zugeschaut hat. Übereinstimmend vertreten die Leute die Meinung, dass man in einer solchen Situation einfach nicht wegschauen könne.

"Das Anschauen solcher Szenen führt bei vielen Menschen zu sehr starken und intensiven Emotionen", erklärt Psychologe Dr. Gerd Reimann, der die Experimente wissenschaftlich begleitet hat. "Sie bekommen ein Drama frei Haus und setzen sich aus der eigenen, sicheren Situation damit auseinander." Laut Reimann zähle das Zuschauen zu den menschlichen Lerntechniken, wir versuchen instinktiv, bei anderen zu sehen, was sie machen und wie – was ist erfolgreich, und was sollte man lieber lassen? "Ich kann das auf mich selbst beziehen und lernen, was man lieber nicht machen oder sagen sollte, denn ich sehe ja das Ergebnis eines bestimmten Handelns", so Reimanns Erklärung. Laut unseren Passanten könne man daraus lernen, dass man seine "schmutzige Wäsche" lieber zu Hause wäscht, als auf der Straße vor vielen Schaulustigen.

Menschen faszinieren selbst grässliche Bilder

Warum aber schauen wir uns ebenso gerne wenig amüsante oder weniger lehrreiche Szenen an? Die amerikanische Dermatologin Dr. Sandra Lee betreibt einen überaus erfolgreichen Youtube-Kanal, auf dem sie Videos von eher abstoßenden medizinischen Eingriffen zur Schau stelle: Ob Pickel ausdrücken oder die Operation einer eitrigen Zyste – die Menschen klicken die Videos millionenfach an.

"Der Grund, weshalb wir solche an sich ekligen Bilder dennoch anschauen ist, dass sie uns erregen. Und dabei ist es erst mal egal, ob es sich dabei um positive oder negative Erregung handelt", erklärt Psychologe Dr. Gerd Reimann. Das sei schon im antiken Rom so gewesen: Dort  wurden bei Gladiatorenkämpfen im Kolosseum Menschen auf bestialische Art und Weise getötet – und dennoch habe sich das Volk daran ergötzt.

Und so hat stern TV in einem zweiten Psychoexperiment zehn Freiwilligen einen 3-minütigen Zusammenschnitt dieser Operations-Videos gezeigt. Per Eye-Tracking wird gemessen, ob die Probanden genau dorthin schauen, wo es am ekligsten ist. Darüber hinaus messen wir mit einer Software die Emotionen der Teilnehmer. Ergebnis: Trotz messbarer Ekelgefühle schauten die männlichen Probanden unverwandt genau ins Zentrum des Geschehens – bis zum Ende des Films. "Es hat mich fasziniert", sagt Proband Harald; und Carsten erklärt: "Ich mag Bilder, die auch ein bisschen schockieren oder über die Norns schlagen." Auch der Psychologe hat dafür eine Erklärung: "Männer sind viel eher dazu bereit, sich solche Bilder trotz Ekelgefühls länger anzusehen. Denn Männer sind interessiert an Erregung, egal welcher Art. Auch negative Erregung ist ein Gewinn für sie." Zudem steigere ein Mann durch das Betrachten derartiger Videos das eigene Stärkegefühl nach dem Motto 'Ich bin ein richtiger Kerl, ich halte das aus'.

Frauen schalten bei negativer Erregung ab

Die Frauen hingegen zeigen im Experiment zeigen die Frauen ganz erhebliche Ekelgefühle, sogar Wut. Ihre Augen schweifen immer wieder vom Ort des Geschehens ab – bis sie nach weniger als der Hälfte die Videos abbrechen. Bei Frauen kennt die Schaulust also auch Grenzen. "Frauen wenden den Blick von solchen Bildern früher ab, weil bei ihnen der Selbstschutz mehr im Vordergrund steht. Sie wollen keine negativen Gefühle empfinden, negative Erregung bringt ihnen nichts. Sie streben nach starken positiven Gefühlen", so Reimann. Probandin Brigitte (65) ging es sogar so schlecht, dass sie den Stop-Knopf nach sieben Sekunden drückte.

Im Video: "Experiment mit Ekel-Videos: Warum Menschen das Grauen so fasziniert"

Im Video: "Versteckte Kamera (Teil 1) – Gaffer-Test: Wer hilft, wer schaut nur zu?"

Versteckte kamera (Teil 1): Gaffer-Test: Wer hilft, wer schaut nur zu?

Im Video: "Versteckte Kamera (Teil 2) – Gaffer-Test: Wer hilft, wer schaut nur zu?"

Versteckte Kamera (Teil 2): Gaffer-Test: Wer hilft, wer schaut nur zu?
Themen in diesem Artikel