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#RisikoPille: Das Geschäft mit der Antibabypille

Eine lebensgefährliche Thrombose oder Lungenembolie durch die Antibabypille - erschreckend viele Frauen berichten von ihren Erkrankungen und Ängsten. Trotzdem ist die Aufklärung über die Risiken noch immer mangelhaft, wie ein stern TV-Test mit versteckter Kamera zeigt.

Michelle Stork-Baum erlitt mit 21 Jahren eine Lungenembolie und wird Zeit ihres Lebens darunter zu leiden haben.

Michelle Stork-Baum erlitt mit 21 Jahren eine Lungenembolie und wird Zeit ihres Lebens darunter zu leiden haben.

Eine lebensgefährliche Thrombose oder Lungenembolie durch die Antibabypille - erschreckend viele Frauen berichten von ihren Erkrankungen und Ängsten. Nach dem stern TV-Aufklärungsbericht vor zwei Wochen meldeten sich rund 200 Frauen: Nie wieder Pille / Ich hatte eine beidseitige Lungenembolie, vermutlich durch die Pille / Ich hatte mit 16 Jahren zwei Thrombosen / Ich wäre an der Pille und einer Lungenembolie fast gestorben.

Die Erfahrung vieler dieser Frauen: Die ärztliche Aufklärung über ein erhöhtes Thrombose- und Embolie-Risiko durch die Pille sei mangelhaft. Und noch schlimmer: Wenn sie mit einer Beschwerde, die im Zusammenhang mit der Einnahme stehen könnte, zum Arzt gingen, wurde das oft nicht erkannt.

So war es auch bei Michelle Stork-Baum. Die "Nebenwirkung" ihrer Pille hätte sie fast umgebracht: "Ich hatte Schmerzen in der Wade und bin dann zum Arzt gegangen. Ich habe ihm mitgeteilt, dass ich Probleme und Schmerzen im Bein habe und wurde dann nur belächelt mit den Worten: 'Ja, das ist ein Muskelfaserriss, das ist normal, das dauert.'", berichtet die junge Frau. Innerhalb von zwei Wochen suchte die damals 21-Jährige den Arzt fünf Mal wegen ihrer Schmerzen auf. Der Mediziner fand jedoch nichts. Als sie eines Nachts die Schmerzen nicht mehr aushielt, entschieden ihre Eltern, mit Michelle ins Krankenhaus zu fahren. Dort wurde sie direkt zur Computer-Tomographie gebracht. "Als ich aus der Röhre rauskam, haben sie gesagt, ich darf nicht mehr aufstehen", erinnert sie sich. "Das war wie im Film: Die ganze Zeit hatte ich nichts und jetzt soll es so ein Ausmaß haben?"

Lebenslange Folgen

Die Ärzte hatten bei Michelle Stork-Baum per CT eine Thrombose diagnostiziert. Eine Thrombose entsteht, wenn in einer Vene oder Arterie das Blut verklumpt. Dann entstehen Blutgerinnsel. Die Vene weitet sich, weil sich das Blut im Engpass staut. Das Bein schwillt an und kann sich verfärben. Einzelne Blutgerinnsel, so genannte Thromben, können sich lösen und über den Blutkreislauf bis in die Lunge gelangen, wo sie sich festsetzen. Dann kommt es zu Atemnot und schließlich zu einer lebensbedrohlichen Lungenembolie.

Michelle hatte das mit nur 21 Jahren. Sie überlebte zwar, doch seitdem muss die junge Frau zu jeder Zeit, tagein – tagaus, hautenge Kompressionsstrümpfe tragen, vom Knöchel bis unter die Brust. Ihr Leben lang. Darüber hinaus wird sie in Risikosituationen starke Medikamente wie Blutverdünner nehmen müssen. Das Vertrauen in Ärzte hat die Familie gänzlich verloren, denn auch Michelle wurde überhaupt nicht über die Risiken ihrer Pille aufgeklärt: "In erster Linie trägt der Frauenarzt die Schuld, weil er keine Aufklärung betrieben hat und zu der falschen Pille gegriffen hat. Er musste ja wissen, dass es verschiedene gibt. Er hätte abwägen müssen."

Seit Jahren warnen internationale Studien vor den erhöhten Thromboserisiken bei bestimmten Pillen, die der neueren Generationen angehören. Im Januar 2014 gab das  Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte  einen "Rote-Hand-Brief" heraus, in dem es auf diese besonderen Risiken und deren typische Symptome hinwies. Prof. Gerd Glaeske, Arzneimittelexperte an der Universität Bremen, weiß: "Von den 40 am häufigsten verordneten Pillen gehören zwei Drittel zu den risikoreichen." Durch Studien sei belegt, dass die Pillen der so genannten 3. und 4. Generation ein vielfach höheres Thrombose- und Embolierisiko bergen als ältere Präparate, so Glaeske. 

Die Pille – ein Lifestyleprodukt?

Seit über 50 Jahren nehmen Millionen Frauen weltweit täglich die Pille. Ein sicheres Verhütungsmittel, das in den vergangenen Jahren allerdings zunehmend wie ein Lifestyleprodukt beworben werde, kritisiert Glaeske. Internetportale, die die Vorzüge der Präparate anpreisen, sind keineswegs unabhängige Informationsquellen, sondern Marketinginstrumente der Pharmaindustrie. Die entsprechenden Werbeslogans lassen Patientinnen wie Ärzte über die Risiken des Arzneimittels im Unklaren, sagt Prof. Glaeske: "Wir haben eine Öffentlichkeit, die dominiert ist von den Botschaften der pharmazeutischen Hersteller. Und die haben es offensichtlich geschafft, diese Risiken deutlich in den Hintergrund zu lenken und die Vorzüge der Pillen in den Vordergrund zu stellen." 

Einer, der die Werbestrategien kennt, ist Roland Holtz, der 23 Jahre lang im Marketing der Pharmaindustrie tätig war, bevor er ausstieg. Sein oberstes Gebot sei gewesen, die Verordnungsstrategie der Ärzte zu beeinflussen. "Es gibt diffizile Methoden, etwa indem man Ärzte an so genannten Anwendungsstudien beteiligt", sagt er. Als Pharmareferent gehe man zu den Ärzten und sage: "Pass mal auf, lieber Arzt, du verordnest jetzt dieses Produkt. Ich lasse dir 100 Beobachtungsbögen hier und du berichtest, wie die Patientinnen das vertragen haben und untersuchst." Dafür würden die Pharmaunternehmen dann zwischen 500 und mehreren Tausend Euro pro Patientin zahlen. "Das ist der effektivste Weg, Ärzte zu beeinflussen", so Roland Holtz.


Test: Wie pflichtbewusst klären Frauenärzte auf?

Lassen sich Ärzte beeinflussen? Oder machen sie schlichtweg einen schlechten Job bei der Patientenberatung? stern TV hat einen Test mit versteckter Kamera gemacht und die 17-jährige Paula zum Erstgespräch zu sechs unterschiedlichen Frauenärzten geschickt. Das erschreckende Ergebnis der Stichprobe: In einer Praxis erhielt Paula die Pille einfach am Empfangstresen, ohne dass der Arzt sie sehen wollte. Auf dem Rezept: eine der umstrittenen Pillen. In einer weiteren Praxis wurde nachlässig nach Vorerkrankungen gefragt, anschließend durfte sich die 17-Jährige eine Pille aussuchen – und wählte absichtlich eine, die mit dem Hormon Dienogest als risikoreich eingestuft wird. Die schlichte Reaktion der Frauenärztin: "Das ist eine gute Pille." Auch in Praxis Nummer Vier wurde das Mädchen zwischen Tür und Angel abgefertigt. Als Paula ihr Anliegen vorgebracht hatte, hörte der Arzt nebenstehend mit und holte ohne weitere Fragen im Nebenraum ein Präparat aus dem Schrank. Sie musste weder ihre Personalien hinterlassen noch Fragen beantworten oder gar etwas bezahlen. So erhielt sie einfach eine risikoreiche Pille ohne jegliche Beratung.

Fazit: Nur in zwei von sechs Praxen wurde das junge Mädchen gut und ausreichend beraten und ihr jeweils eine Pille der älteren Generation verschrieben. Zwei Ärzte berieten oberflächlich und zwei haben eine der risikoreicheren Pillen ausgehändigt, ohne die Patientin überhaupt anzuschauen.

Die Folgen derart schlechter Beratung und die Nebenwirkungen risikoreicher Pillen begleiten Hunderte Frauen teilweise ein Leben lang.

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