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Deutscher Bäcker hat es ausprobiert: Steuern sparen wie Starbucks, Apple und Co.

In Deutschland verdienen, aber kaum Steuern zahlen? Bäcker Alexander Rack hat sich gefragt, warum er es als kleiner Unternehmer nicht genauso machen kann, wie andere hier tätige Firmen: Teile des Geschäfts einfach ins Ausland verlegen - und so Steuern sparen. Sollte es wirklich so einfach sein?

Bäcker Alexander Rack führt seine Bäckerei "Brotzeit" in der Altstandt von Büdingen.

Bäcker Alexander Rack führt seine Bäckerei "Brotzeit" in der Altstandt von Büdingen.

Wenn Alexander Rack sieht, wie viele Steuern er zahlt, kommt der selbstständige Bäcker ins Grübeln: Wie kann es sein, dass seine Abgaben stetig steigen, während erfolgreiche Unternehmen wie Apple oder Starbucks in Deutschland kaum Steuern zahlen? "Das ärgert mich ungemein", sagt Rack. "Dass die sich die Taschen mit Geld voll machen, das eigentlich der Allgemeinheit gehört." Und: Könnte er dann nicht eigentlich die gleichen Tricks anwenden, wie die Großen? Einen Haken gibt es allerdings: Seine Unternehmensverhältnisse unterscheiden sich von denen der großen, internationalen Konzerne.

Bäcker muss Gewinn in Deutschland versteuern – Starbucks nicht

Alexander Rack und seine Frau Nadine sind beide Bäcker und haben sich vor drei Jahren den Traum einer eigenen Bäckerei erfüllt: In Büdingen eröffneten Sie eine 100 Jahre alte Traditionsbäckerei in der Altstadt wieder neu. Die Banken zeigten wenig Vertrauen in das Konzept, das ja schließlich neben den zahlreichen Ketten bestehen müsste. Das Ehepaar eröffnete trotzdem ihre "Brotzeit" – mit Erfolg. Die Geschäfte laufen gut und Alexander Rack konnte vor gut sechs Monaten eine weitere Filiale eröffnen. Für das Einkommen, mit dem die Racks auch ihre drei Kinder ernähren müssen, arbeiten er und seine Frau quasi rund um die Uhr. Noch dazu bedeuten zwei Filialen auch: mehr Personal, höhere Kosten und erst recht viel höhere Steuern.

Wenn es weiter gut läuft, wird der Umsatz für Alexander Rack in den nächsten Jahren auf 700.000 Euro steigen, 100.000 Euro davon wären sein Gewinn – abzüglich Steuern in Höhe von 26.700 Euro. Was Alexander Rack ärgert: Das Unternehmen Starbucks beispielsweise hat in Deutschland noch nie Ertragssteuern bezahlt, obwohl es hier rund 150 Filialen der Kaffeespezialitäten-Kette gibt. Der Grund: Starbucks hat Gesellschaften in mehreren Ländern, insbesondere in solchen, in denen sie wenig oder gar keine Steuern bezahlen müssen. Die Gewinne werden einfach dorthin verschoben, der Gewinn in Deutschland geht damit gegen Null.


Der Wirtschaftsjurist und Steueranwalt Achim Doerfer ist sich sicher: Alexander Rack könnte genauso agieren, wie Starbucks. Doerfer kennt die Steuertricks der großen Unternehmen und hat sie in seinem Buch "Die Steuervermeider" zusammengefasst. "Aus meiner Sicht hat der Bäcker absolut das gleiche Recht wie die Großen", sagt er. "Herr Rack hat ja jetzt schon zwei Filialen, die er wiederum ausbauen will. Und sie sind schön gestaltet, haben eine richtige Corporate Identity. Das Rosa seiner Marke "Brotzeit" ist vergleichbar mit dem Grün von Starbucks."

Bäcker Rack, so der Vorschlag des Anwalts, solle sich die Farbe, das Logo und das Design schützen lassen - und dafür von seinen eigenen Filialen Lizenzgebühren verlangen. So, wie es Starbucks macht: Das Unternehmen erhebt von den Starbucks-Filialen sechs Prozent des Umsatzes für Logo, Gebäck und Bagels. "Man kann alles in diese Lizenzen reinpacken, was einen Wert zur Lizensierung, also zur Vermietung, hat", erklärt Achim Doerfer. "Das sind Gestaltungselemente wie Farbe und Logo oder Produktnamen, etwa von bestimmten Brötchen."

Lizenzgebühren auf den eigenen Umsatz und eine Rohstoff-Veredelung

Teil 1 des Plans soll demnach sein, dass Alexander Rack auf seinen Umsatz von künftig 700.000 Euro sechs Prozent Lizenzgebühren erhebt, die seine Filialen an ein Unternehmen zu zahlen haben, das ebenfalls ihm gehört und das seinen Sitz in einem Land hat, das möglichst wenig Steuern für Unternehmen erhebt. Demnach würde Racks Gewinn in Deutschland erheblich sinken.

Der Bäcker könnte sich zudem einen weiteren Steuertrick bei den Großen abschauen: Was bei Starbucks der Kaffee ist, ist beim Bäcker das Mehl. Dazu der Vorschlag des Steueranwalts Achim Doerfer: "Racks neues Unternehmen im Niedrigsteuerland kauft das Mehl wie gewohnt preiswert ein, und verkauft es dann teuer an Rack in Büdingen weiter. Damit das Finanzamt das schluckt, muss an dem Mehl ein Veredelungsprozess stattfinden. Es muss irgendwie besser werden." Dadurch könnte Alexander Rack noch einmal mehrere Tausend Euro ins Ausland verschieben. Insgesamt würde er seinen Gewinn mit diesen zwei Steuertricks mehr als halbieren – und müsste statt 26.700 Euro nur noch 6.300 Euro Steuern bezahlen. "Klar wär das toll, so viele Steuern zu sparen. Da kommt man schon ins Grübeln, es ist ja legal", wägt der Bäcker ab.

Ein virtuelles Büro und ein Telefonanschluss auf Zypern

Gibt es in der EU Staaten, in denen sich das Steuervermeiden auch für kleinere Unternehmer lohnt? Das Ehepaar Rack und der Rechtsanwalt wurden im Internet fündig: Firmengründung in Zypern, die Steueroase in der Europäischen Union. Lukrativ wäre es: In Zypern zahlt man nur 12,5 Prozent Unternehmenssteuern und effektiv nur 2,5 Prozent auf Einnahmen aus Lizenzgebühren. Trotz eines schlechten Bauchgefühls hat der Bäcker beschlossen, nach Zypern zu fliegen, wo ihn zwei Anbieter treffen wollen. "Sie brauchen eine Zyprische Firma um Ihre Geschäfte zu dieser Firma zu verschieben. Diese Firma wird Ihrer Deutschen Firma Rechnungen stellen", so der Hinweis des ersten Beraters in Nikosia, der Hauptstadt Zyperns. Rack könne binnen acht Tagen auf Zypern eine Firma eröffnen, dafür würde ein virtuelles Büro mit Telefonanschluss ausreichen.

Der zweite Berater in der Hafenstadt Larnaka rechnete Alexander Rack noch dazu aus, wie viele Steuern er sparen könnte. "Das ist ja total einfach. Ich mache weiter wie bisher und hätte mehr in der Tasche", zeigt sich der Bäcker begeistert. Vor Ort kam ihm zudem die Idee, wie er sein Mehl veredeln könnte: Er wolle zypriotisches Pyramiden-Salz in sein Mehl mischen lassen, um so den höheren Weiterverkaufspreis zu rechtfertigen. "Das mit dem Pyramidensalz ist eine super Idee, absolut glaubwürdig", bestätigt Anwalt Doerfer.

Legal ja, aber lohnt der Aufwand?

Die entscheiden Frage ist jedoch: Lohnt sich der ganze Aufwand? Würde Bäcker Alexander Rack nichts ändern und in Deutschland brav seine Steuern bezahlen, hätte er im Jahr einen Netto-Gewinn von 73.300 Euro. Würde er dagegen eine Firma auf Zypern gründen und Gelder dorthin verschieben, könnte er nach Anfangsinvestitionen einen jährlichen Gewinn von 84.900 Euro machen – ein Plus von 11.600 Euro pro Jahr. Ganz legal. "Es ist deswegen legal, weil Lizenzgebühren verlangen legal ist und weil für ein gutes Mehl mehr Geld zu bezahlen auch legal ist. Und daran ändert sich auch nichts, nur weil die Geschäfte zwischen zwei zusammengehörigen Firmen in der EU laufen", erklärt Anwalt Achim Doerfer. Die Racks könnten sich in den nächsten Jahren also ganz nebenher ein kleines Vermögen in Zypern ansparen – ein schlechtes Bauchgefühl bleibt: "Ich hätte kein gutes Gefühl dabei", sagt Bäckerfrau Nadine Rack. "Auch wenn es legal ist, es fühlt sich irgendwie falsch an."

"Die Politik ist zu feige, sich mit den Großen anzulegen" 

Achim Doerfer stößt es viel mehr auf, dass der Aufwand und das Gewissen kleine Unternehmer wie Andreas Rack letztlich vor solchen Maßnahmen doch zurückschrecken lassen, während große Unternehmen ganze Abteilungen damit beschäftigen können. "Mit immer komplexeren Methoden, die sie von Spezialisten maßgeschneidert entwickeln lassen, stehlen sich Ultrareiche und global agierende Konzerne aus der Verantwortung für unsere Gesellschaft", moniert der Anwalt für Steuerrecht. Sarah Wagenknecht, Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei, teilt diese Auffassung. Live bei stern TV diskutierte Wagenknecht mit Steffen Hallaschka und Achim Doerfer das Steuervermeidungs-Modell unseres Bäckers aus Büdingen. Es werde sozusagen mit zweierlei Maß gemessen. Bei kleinen Unternehmern seien die Finanzämter ganz anders hinterher, da sie das Verhalten eher durchschauen. "Das Problem ist: Es muss möglichst undurchschaubar und intransparent sein. Und je kleiner ein Unternehmen ist, desto schwerer ist es natürlich auch, intransparente Strukturen zu schaffen", so die Linken-Politikerin mit Blick auf die Bäckerei. Auch sie wirft internationalen Unternehmen vor "die Öffentlichkeit um Milliarden zu berauben." Dabei sieht sie die Politik in der Hauptverantwortung und kritisiert gleichzeitig die Untätigkeit Deutschlands in dieser Hinsicht. "Es ist empörend, dass die Politik seit Jahren zusieht, die Tricks kennt – und trotzdem nichts macht." Man sei einfach "zu feige, sich mit den Großen anzulegen." Im Vergleich zu kleinen Unternehmen könnten die großen Konzerne eben auch über Lobbyisten in Brüssel und Berlin Druck machen und sich mit großzügigen Parteispenden einschmeicheln.

Vorreiter und ein Anfang seien Länder, in denen beispielsweise Lizenzgebühren nicht mehr von der Steuer abgesetzt werden könnten, wenn nicht nachgewiesen sei, dass sie in dem Land, in das sie fließen, mit demselben Steuersatz besteuert werden, wie in dem abfließenden Land. Ein solches Gesetz könnten auch einzelne Länder einführen. "Das könnte Deutschland sogar ganz alleine festlegen!", sagte Sahra Wagenknecht. Europa habe da bisher versagt. "Und auch die deutsche Bundesregierung hat nie ernsthafte Schritt unternommen." Darüber hinaus forderte die Linken-Politikerin die überfällige Einführung des so genannten Länder-Reporting: "Das heißt, dass die Unternehmen offen legen müssen, was genau sie in den einzelnen Ländern an Umsatz und Gewinn machen. Wenn das extrem auseinanderklafft, dann weiß man, dass dort Steuer-Dumping betrieben wird." Eine Ideallösung wäre für sie eine europaweit einheitliche Körperschaftssteuer und für alles, was außerhalb Europas fließt: Absetzbarkeitsverbote.

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