HOME

Umstrittenes Spaßbad in Würselen: Wie Martin Schulz den Haushalt seiner Stadt nachhaltig belastete

Mahr als zehn Jahre lenkte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz die Geschicke der Stadt Würselen. Als Bürgermeister machte er sich unter anderem für die Errichtung eines Spaßbades stark - das eigentlich nur Miese macht. stern TV hat Martin Schulz mit der ernüchternden Wahrheit konfrontiert.

Martin Schulz war von 1987 bis 1998 Bürgermeister von Würselen.

Martin Schulz war von 1987 bis 1998 Bürgermeister von Würselen.

So gut wie keine Besucher, eine reparaturbedürftige Anlage und viel zu hohe Energiekosten: Ihr Freizeitbad "Aquana" kostet die Stadt Würselen Jahr für Jahr Millionen. Kosten, die letztlich der Steuerzahler zu tragen hat. Doch wer ist schuld an der Misere?

Das beschauliche 40.000-Einwohner-Städtchen Würselen liegt in der Nähe von Aachen, kurz vor der niederländischen Grenze. Bekannt wurde die Stadt als  erste politische Station des aktuellen Kanzlerkandidaten der SPD Martin Schulz, der im Rathaus elf Jahre lang das Sagen hatte. Als Bürgermeister hatte Schulz Mitte der 90er Jahre eine schwierige Entscheidung zu treffen: Das Würselner Hallen- und Freibad musste renoviert werden. Vor allem das Freibad mit seinen Terrassen war bei den Bürgern beliebt. Doch Bürgermeister Schulz entschied: Das Hallen- und Freibad werden nicht renoviert, sondern abgerissen. Stattdessen bekamen die Bürger ein Spaßbad, das ihnen allerdings keinen Spaß macht. Es ist montags ganz und in der Woche vormittags geschlossen, und der Eintritt ist mit 10 Euro ziemlich teuer. Das Ganze natürlich aus Kostengründen. Denn seit Bestehen hat das "Aquana" rund 50 Millionen Euro verschlungen. Eine Fehlentscheidung des Bürgermeisters?

"Der größte Fehler..."

Das Projekt war stets umstritten. Ein Bürgerbegehren mit 4000 Unterschriften gegen den Neubau wurde von Martin Schulz wegen eines Formfehlers abgeschmettert. "Das Bürgerbegehren ist rigoros abgelehnt worden, einfach ab in den Papierkorb", sagt Schulz' damaliger politischer Gegner Harald Gerling (CDU) aus Würselen. "Wenn das Demokratie ist, ja, wo sind wir denn da?", meint der einstige Unterschriftensammler Albert Sous.
Martin Schulz erklärte stattdessen in einer Bürgerversammlung überzeugt: "Ich glaube daran, dass das Freizeitbad in Würselen ein voller Erfolg wird - wirtschaftlich, organisatorisch. Ich glaube an dieses Projekt, deshalb kämpfe ich dafür", so Schulz wörtlich.

stern TV hat in seiner Biografie nachgeforscht: Wie denkt Martin Schulz heute über die Entscheidung? Was schreibt er selbst über die Ablehnung des Bürgerbegehrens? Der Parteivorsitzende übt Selbstkritik. Dort heißt es: Der größte Fehler meines politischen Lebens.

Der Spatenstich für das umstrittene Bad erfolgte im September 1997, ein Investor aus Monaco erklärte sich als Betreiber des "Aquana", den Bau aber sollte die Stadt bezahlen. Die Kosten explodierten, statt der geplanten 20 Millionen habe es letztlich 30 Millionen Euro gekostet, so Harald Gerling. Der Betreiber warf schon nach kurzer Zeit das Handtuch — und so musste die Stadt auch den Betrieb übernehmen. Kaum eröffnet, war das "Aquana" schon pleite. Laut ihrem eigenen Finanzbericht macht die Stadtkasse mit dem Schwimmbad auch fortlaufende Verluste: Jahr für Jahr fast eine Million Euro.

stern TV hat Martin Schulz beim Wahlkampfauftakt der SPD in Essen mit der Entscheidung "Aquana" konfrontiert. Doch der drückte sich davor, Stellung zu beziehen. Vielleicht möchte er diesen roten Bereich in seiner politischen Karriere auch lieber unter den Teppich kehren. Und vielleicht ist das Ganze ja auch bald vergessen. Denn: Auch die Gemeindeprüfunganstalt NRW hat in ihrem Bericht eine hohe Belastung für den Haushalt der Stadt Würselen festgestellt, sagt der Behördenleiter Werner Hasenkamp: "Mit dem Blick auf die Finanzen empfehlen wir die Schließung des Schwimmbades."

Aussichtslose Aussichten, klanglose Klangbrücken: Die haarsträubendsten Fälle von Steuerverschwendung in Bildern
Wurmfortsatz für 180.000 Euro: Der wunderhübsche "Lennebalkon" wurde für 180.000 Euro errichtet - eine Verlängerung einer Bahnhofsbrücke. In Finnentrop wird das Schmuckstück liebevoll "nutzloser Wurmfortsatz" genannt. Noch dazu gibt es bereits zahlreiche ähnliche Balkone in unmittelbarer Nähe über der Lenne. Statt einer sinnvollen Verbindung zum alten Ortskern habe man "für einen sechsstelligen Eurobetrag lieber eine Aussichtsplattform geschaffen, die den Normalbürger hinsichtlich der Kosten-Nutzen-Rechnung zum Verzweifeln bringt", schreiben die Freien Wähler Finnentrops in einer Pressemitteilung.

Wurmfortsatz für 180.000 Euro: Der wunderhübsche "Lennebalkon" wurde für 180.000 Euro errichtet - eine Verlängerung einer Bahnhofsbrücke. In Finnentrop wird das Schmuckstück liebevoll "nutzloser Wurmfortsatz" genannt. Noch dazu gibt es bereits zahlreiche ähnliche Balkone in unmittelbarer Nähe über der Lenne. Statt einer sinnvollen Verbindung zum alten Ortskern habe man "für einen sechsstelligen Eurobetrag lieber eine Aussichtsplattform geschaffen, die den Normalbürger hinsichtlich der Kosten-Nutzen-Rechnung zum Verzweifeln bringt", schreiben die Freien Wähler Finnentrops in einer Pressemitteilung.


Das könnte Sie auch interessieren