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Tanorexie: Die Sucht nach dem Solarium

Niemand möchte als "Kalkleiste" bezeichnet werden - doch einige Menschen beugen dem etwas zu konsequent vor: Ein Leben ohne Solarium können sie sich nicht mehr vorstellen. Nach ein paar Tagen ohne Sonnenbank bekommen sie Entzugserscheinungen wie Alkoholiker.

Text: Lars Germann

Tanorexie heißt der Fachbegriff für die Sucht nach der vermeintlich perfekten Bräune. Von den geschätzten 16 Millionen Deutschen, die mehr oder weniger regelmäßig die Sonnenbank aufsuchen, tun es viele zwanghaft. Noch gibt es keine genauen Zahlen darüber, wie hoch der Anteil der süchtigen Sonnenanbeter ist. Es sind jedoch Entzugserscheinungen bekannt, die an Alkoholismus oder Drogensucht erinnern: Nervosität, Schlafstörungen, Gelenkschmerzen und Depressionen treiben die Süchtigen ins Solarium.

Die Solariumsucht ist durchaus eine ernstzunehmende Krankheit: Neben eher harmlosen Symptomen wie Hautalterung und Pigmentstörungen steigt vor allem das Hautkrebsrisiko signifikant durch exzessives Sonnenbaden, ob unter der künstlichen oder der natürlichen Sonne. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erwägt sogar ein Solariumverbot für Jugendliche, seit bekannt wurde, dass die verstärkte Nutzung von Solarien möglicherweise für einen beträchtlichen Anteil der jährlich 140.000 Hautkrebserkrankungen verantwortlich sein könnte.

Experiment mit Solariumsüchtigen

Mit der Unterstützung des Dermatologen Dr. Klaus Hoffmann und des Psychotherapeuten Dr. Armin Bader führt stern TV ein spannendes Experiment durch: Drei Solariumsüchtige erklärten sich bereit, zehn Tage lang die Sonnenbank zu meiden.

Das Ergebnis ist alarmierend: Die körperlichen und seelischen Entzugserscheinungen stellen sich bereits nach wenigen Tagen ein. Teilnehmerin Inga Kegel bricht das Experiment schon nach vier Tagen ab. Ihre Co-Probanden Birgit und Andreas Zühlke werden zunehmend gereizt, bis sich die Spannung in einem heftigen Ehekrach entlädt. Später sagt Birgit Zühlke über das Experiment, dass sie an einem solchen Versuch niemals wieder teilnehmen würde - zu belastend waren die körperlichen und seelischen Folgen des Solariumentzugs.

Parallelen zur Magersucht

Laut Dr. Armin Bader weist die Körperschemastörung von Solariumsüchtigen eindeutige Parallelen zur Anorexie (Magersucht) auf. So wie Magersüchtige sich stets als zu dick empfinden, halten sich Tanorektiker für zu blass, wenn sie schon tief gebräunt sind. Es handelt sich also um eine Störung der Selbstwahrnehmung. Besonders häufig findet sich laut Dr. Bader die Solariumsucht bei Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl.

Problematisch ist die Unwissenheit der Betroffenen: "Es ist wie bei den meisten Alkoholikern", erklärt Hoffmann, denn "die Patienten sehen nicht, dass sie einer Sucht erliegen. Sie haben keinerlei Therapieeinsicht." Außerdem seien die Tanorektiker in der Regel gesellschaftlich integriert und hätten keine negativen sozialen Konsequenzen zu befürchten. Im Unterschied zum Alkohol werde das Umfeld der Solariumsüchtigen durch die Sucht wenig in Mitleidenschaft gezogen.

Die gesundheitlichen Risiken jedoch stehen auf einem anderen Blatt. Wie weit die Sucht nach der perfekten Bräune tatsächlich gehen kann, zeigt sich an der fatalistischen Sichtweise von Birgit und Andreas Zühlke: An irgendetwas müsse man ja sterben, so die 43-Jährigen.

Woran erkennt man, dass jemand solariumsüchtig ist?

Solariumsüchtige gehen häufig, wenn nicht sogar täglich, auf die Sonnenbank. Sie streben nach einem Braunton, den sie auf natürliche Weise nicht bekommen könnten, und fühlen sich schnell zu blass. Ihre Haut sieht durch das häufige Bräunen wie gegerbt aus. Können sie einige Tage nicht auf die Sonnenbank, stellen sich physische und psychische Entzugserscheinungen ein.

Was sind typische Entzugserscheinungen?

Wenn sich nach mehreren Tagen Solariumentzug Reaktionen wie Nervosität, Unwohlsein, Gereiztheit, Schlafstörungen und Zittern einstellen, handelt es sich eindeutig um Tanorexie.

Wie wird die Sucht hervorgerufen?

Als Grund für die heftigen Entzugserscheinungen vermuten die Wissenschaftler unter anderem den Mangel an so genannten Glückshormonen, deren Ausschüttung durch Sonnenbestrahlung begünstigt wird. Der hormonelle Zusammenhang wurde bereits in einer wissenschaftlichen Studie belegt, die im "Journal of the American Academy of Dermatology" veröffentlicht wurde: Auch in dieser Studie zeigten die Versuchsteilnehmer starke Entzugserscheinungen wie Übelkeit und Zittern.

Bei wem ist die Hautkrebsgefährdung besonders hoch?

Menschen, die von Natur aus eher nordeuropäisch aussehen - heller Hauttyp, rote oder blonde Haare, viele Pigmentmale (Leberflecken) - und leicht einen Sonnenbrand bekommen, sind besonders gefährdet, an Hautkrebs zu erkranken. Sie sollten beim Sonnenbaden oder auf der Sonnenbank auf jeden Fall kürzer treten.

Wann ist das künstliche Sonnenbad überhaupt sinnvoll?

Viele Menschen glauben, dass es sinnvoll ist, sich vor dem Sommerurlaub im Solarium vorzubräunen. Der so erlangte Sonnenschutz ist jedoch minimal und schützt keinesfalls vor Sonnenbrand oder gar Hautkrebs.
Grundsätzlich tut Sonneneinstrahlung (oder eben der Solariumbesuch) Körper und Seele gut, jedoch nur in Maßen. Wie oft das ist, lässt sich leider (noch) nicht verallgemeinern.