HOME

Teure Flirts im Internet: So werden Männer auf Datingportalen abgezockt

Hildegard S. war eine von Vielen: Über ein Fakeprofil chattete sie für eine Flirtbörse mit Männern. Ihr Auftrag: Sie sollte dafür sorgen, dass die Interessenten möglichst viel Geld für Flirtnachrichten ausgeben. Eine Masche, mit der einige Datingportale ganz legal arbeiten - und ahnungslose User abzocken.

Flirt- und Datingbörsen gibt es im Internet zuhauf. Doch welche sind vertrauenswürdig - und welche nicht?

Flirt- und Datingbörsen gibt es im Internet zuhauf. Doch welche sind vertrauenswürdig - und welche nicht?

Ich habe Einblick bekommen, wie Männer auf Flirtseiten gnadenlos abgezockt werden, schrieb Hildegard S. an die stern TV-Redaktion. Die gelernte Kauffrau sei auf Jobsuche gewesen, als sie eine Stellenanzeige bei Facebook las. Hildegard S. glaubte sich als Moderatorin auf einer Internetseite betätigen zu sollen. Was sie zunächst nicht wusste: Die Agentur suchte Frauen, die mit Fakeprofilen männliche Datingportal-Kunden ködern sollten. 

Die betreffende Website ist ein Treffpunkt für Singles, die das Spiel mit dem Feuer suchen, einen Nervenkitzel im Alltag: "Joyflirter" ist eine modern aufgemachte Seite mit dem Versprechen: Geprüfte Mitglieder und sicheres Chatten. Bekommen Männer das hier wirklich? stern TV hat es getestet. Gleich nach der Anmeldung sehen wir Fotos vieler hübscher Frauen jeden Alters, die offenbar eine Bekanntschaft suchen. Wir legen ein Profil an und halten es schlicht und ohne Foto: ein gesichtsloser Mann also im Alter von 45 Jahren. Dennoch wollen innerhalb weniger Tage unzählige attraktive Frauen mit unserem Testuser Bekanntschaft machen. Sie machen eindeutige Angebote, etwa "AllzeitBereit", die etwas zu knabbern anbietet. Um den Damen zu antworten müssen wir so genannte Flirtchips kaufen. Dafür gibt es unterschiedliche Angebotspakete. Wir kaufen 125 Flirtchips für 25 Euro. Demnach kostet ein Flirtchip 20 Cent. Jede Antwort, die wir an die zahlreichen Interessentinnen senden wollen, kostet fünf Flirtchips, also einen Euro. Das ist für Hildegard S. die Erklärung dafür, dass der gesichtslose Testuser so viele Anfragen erhielt. Sie erklärt: "98 Prozent aller dort angezeigten Frauen sind solche Controllerprofile." Allein sie selbst habe 25 solcher Profile bedient und damit Männer angeschrieben. "Das ist Betrug. Wir werden angehalten, Männern das Geld aus der Tasche zu ziehen", so Hildegard S.


Eine Controllerin bedient mehrere Identitäten

Kann das sein, dass all die schönen Frauen Mitarbeiterinnen des Portals sind, die man gar nicht treffen kann? Die Firma macht daraus kein Geheimnis, in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen steht: Das Unternehmen weist darauf hin, dass im Chat durch das Unternehmen beschäftigte Controllerrinnen eingesetzt werden und tätig sind, die unter mehreren Identitäten am Chat teilnehmen, insbesondere Dialoge mit anderen Teilnehmern führen. Aus einer internen Anweisung von Joyflirter wissen wir, dass die Controllerinnen das nicht abstreiten dürfen. Dort heißt es: In unseren AGBs steht, dass Controller hinter dem Profil stecken können, also  wird es auch nicht abgestritten.

Unser Testuser schreibt allen 28 Frauen, die uns angeflirtet haben, die identische Nachricht: "Hallo, ich würde dich auch gerne hier per Mail etwas besser kennenlernen. Aber zunächst eine Frage: Bist Du eine so genannte Controllerin?“ Wenig später haben wir bereits einige Antworten, etwa von "HeisserTraum" oder "Schwepsi". Eine um die andere outen sich als Fake. Auch Hildegard S. war so eine Controllerin, bevor sie die Tätigkeit aufgab. Sie sagt: Diese 25 Profile sind alle von mir beschrieben worden, nur von mir bedient worden und von keinem sonst. Das heißt: Man ist 25 Frauen." Unter einem ihrer Fakeprofile schrieb Hildegard S. über Wochen mit dem 55-jährigen Klaus M.* Von stern TV erfährt er, dass er wochenlang einem Fake geschrieben hat. "Ich habe mir erhofft, dass ich hier eine Dame kennenlerne, mit der ich mich treffen kann", so Klaus M. "Ich bin enttäuscht und fühle mich betrogen."

5000 Nachrichten – 5000 Euro

Hildegard S. schildert, wie aggressiv das Unternehmen bei der Abzocke vorgeht. Die Controllerinnen wie sie, die 25 Profile betreuen, sollen täglich 200 Männer anschreiben, also 5000 Nachrichten verschicken. Im Idealfall antworten die Männer per 1-Euro-Nachricht – und der Betreiber der Seite kassiert bis zu 5000 Euro durch nur eine Controllerin pro Tag. Auch Klaus M. antwortete. Er investierte 400 Euro und viele Gefühle in die Flirts. Bekommen hat er dafür nichts: Nie sei es zu einem Treffen gekommen. Die vermeintlichen Interessentinnen würden zwar flirten und Interesse zeigen, aber ein Treffen zu vereinbaren habe sich stets als umständlich und letztlich nie zielführend erwiesen. Hildegard S. bestätigt das: "Alleine einen Termin zu finden, abzumachen, wo man sich trifft. Das möglichst lange Hin und Her. Das kostet alles Geld, diese Konversation kostet Geld." 

25 Millionen Nutzerprofile allein beim Casual-Dating

Die Branche des so genannten Casual-Dating boomt jedoch weiter – Millionen suchen einen unverbindlichen Flirt oder eine heiße Affäre im Internet, weiß auch Dr. Bernd Storm von "Aboalarm", einem Spezialisten für Abokündigungen: "Wir zählen etwa 100 Millionen  Nutzeraccounts im Onlinedatingbereic. Und etwa 25 Prozent davon entfallen auf den Bereich Casual-Dating, also Seitensprungportale." 

Nicht alle Anbieter dieser Portale sind unseriös. Doch immer häufiger gibt es Schlagzeilen wie: Ausgetrickst – Fantasie-Frauen – Fakeprofile. Zuletzt machte der weltweite Marktführer "Ashley Madison" mit 41 Millionen Mitgliedern von sich Reden: 90 Prozent der Frauenprofile sollten Fakes gewesen sein, meldeten englische Zeitungen. Wie das Geschäft funktioniert, hat stern TV ebenso ausprobiert: Über einen amerikanischen Anbieter können Dating-Portal-Betreiber Fakeprofile kaufen. Eine Million europäische Profile kosten beispielsweise 145 Dollar, ein Paket von 60.000 Profilen 95 Dollar. Die Profile bekommen wir digital: 60.000 Fotos und Datensätze mit Nickname, E-Mail, Alter, Interessen und vielem mehr. Ein zweiter Umsatzmarkt, der Geld mit der Liebe macht! Hildegard S. taten die Männer leid, denen sie nur Hoffnungen machen und damit das Geld aus der Tasche ziehen sollte – und kündigte.

 

*Name von der Redaktion geändert