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Tote durch Raser-Unfälle: Warum die Strafen für Raser zu milde sind

Lara Kern war erst 16 Jahre alt, als ein Raser sie bei einem riskanten Überholmanöver in den Tod riss. Der Fahrer musste letztlich nur eine Geldbuße bezahlen. Lara mit ihrem Leben. Ihr Vater ist fassungslos über diese Ungerechtigkeit – und fordert härtere Strafen für Raserei.

Ulrich Kerns 16-jährige Tochter Lara wurde von einem Raser totgefahren. Eine Gedenkstätte an der Landstraße ermahnt die Autofahrer.

Ulrich Kerns 16-jährige Tochter Lara wurde von einem Raser totgefahren. Eine Gedenkstätte an der Landstraße ermahnt die Autofahrer.

Lara Kern liebte Pferde. Wie so oft wollte sie auch am 23. August 2015 zum Reiterhof nach Hooksiel in Friesland. Ihr Leben endete unerwartet und plötzlich. Die 16-Jährige wollte mit ihrem Fahrrad die Straße überqueren, ein Auto näherte sich in einigem Abstand – als hinter dem Wagen ein Mercedes angeschossen kam. Er überholte mit überhöhter Geschwindigkeit von über 100 Kilometern pro Stunde – erlaubt sind 80. Der Mercedes traf das Mädchen mit voller Wucht. "Meine Tochter ist ungefähr 50 Meter weiter neben der Straße in einer Hecke gelandet", erzählt ihr Vater bedrückt. Der 26-jährige Mercedes-Fahrer Sven P. ist im Ort angeblich als Raser bekannt. Er überholte das Auto von Tanja König und ihrer Familie, als es passierte. "Als das Mädchen ungefähr die Mitte der Fahrbahn erreicht hatte, hat der junge Mann überholt. Ich habe das nur im Augenwinkel gesehen, dass da was Schwarzes kommt. Und ich habe noch gedacht: Was macht der? Ich bin mir fast sicher, dass er nicht nach vorne geguckt hat, denn ich habe das Mädchen ja gesehen. Und beim Einscheren hat er sich dann bei voller Fahrt erwischt. Er hat nicht gebremst – kein Bremslicht, nichts! Er ist danach noch nicht mal aus dem Auto ausgestiegen. Das Einzige, was er machen konnte, war seinen Papa anrufen", berichtet Tanja König, die Augenzeugin des schrecklichen Unfalls wurde.

Tote und Verletzte durch illegale Straßenrennen häufen sich

Fast täglich erscheinen Schlagzeilen wie dieser Unfall die Zeitungen: rücksichtslose Raser, die nie daran zu denken scheinen, dass sie andere Menschen in Gefahr bringen. Stattdessen präsentieren sie sich mit ihren PS-starken Autos und veranstalten nicht selten spontane Rennen mit anderen Fahrern. Die Folgen sind fatal: Am 14. April 2015 verlor ein Raser bei einem Rennen in Köln die Kontrolle über seinen Wagen und tötete eine 19-jährige Studentin. Am 10. Juli 2015 starb – ebenfalls in Köln – ein Fahrradfahrer, wieder durch ein Straßenrennen. In Berlin wurde ein Rentner am 1. Februar Opfer eines Rennens. Am 19. Mai wurde in Hagen ein sechsjähriger Junge lebensgefährlich verletzt. Und wieder war es ein illegales Straßenrennen. Alle waren Zufallsopfer, nichtsahnend unterwegs. Doch abschreckende Konsequenzen haben Unfälle und Raserei für die Täter nicht. Die Strafen fallen oft milde aus, schnelles Fahren gilt bislang nur als Ordnungswidrigkeit.

Auch der Mann, der Lara Kern totgefahren hat, kommt glimpflich davon. Eigentlich sollte im Herbst die Gerichtsverhandlung sein. Doch der Fall wurde überraschend nach Aktenlage abgehakt: Sven P. muss 2700 Euro bezahlen und seinen Führerschein für neun Monate abgeben. Für Laras Eltern ist das ein Schlag ins Gesicht:  "Das ist ein Skandal. Dieser Mann hat uns alles genommen“, sagt Ulrich Kern. "Wir werden von der Politik und Justiz auf breiter Front alleine gelassen."

Kölns Polizei zieht getunte Autos aus dem Verkehr 

Immerhin: In Köln geht die Polizei seit vergangenem Jahr gezielt gegen Raser auf den Straßen vor, nachts und am Wochenende sind Beamte der Projektgruppe "Rennen" in der Stadt unterwegs, um die Übeltäter aufzuspüren und wenn möglich aus dem Verkehr zu ziehen. Allerdings lassen sich illegale Autorennen schwer nachweisen, da das Kräftemessen oft spontan an der Ampel oder beim Cruisen durch die Stadt entsteht. In den meisten Fällen kennen sich die Beteiligten gar nicht. Und laut Ermittlungsleiter Rainer Fuchs sind die meisten vollkommen uneinsichtig, was sie da tun: "Es sind junge unerfahrene Fahrer, mit Autos mit mehreren Hundert PS, junge Männer, die sich selbst überschätzen – auf der Straße ist das Sprengstoff ohne Ende."

Die Beamten setzen deshalb darauf, die Wagen dieser Rennkavaliere wegen unerlaubter Umbauten stillzulegen. Die Mitarbeiter der Spezialtruppe haben einen Blick für illegal getunte Autos: Felgen, Auspuff oder Karosserie – wer auffällt, wird angehalten. Sind diese Änderungen dann nicht im Fahrzeugschein eingetragen, erlischt die Betriebserlaubnis und die Polizei kann die Wagen abschleppen und zum TÜV bringen lassen. Für die Fahrer ist das meist mit großem Zeitaufwand und hohen Kosten verbunden. Einen anderen Angang haben die Behörden bislang nicht.

NRW fordert Gesetzesänderung, um Rennen und Raserei zur Straftat zu machen

Eigentlich müssten bereits die Geschwindigkeitsüberschreitungen wesentlich empfindlichere Strafen nach sich ziehen, findet Ulrich Kern – Laras Vater. Er kann nicht fassen, dass der Raser, der seine Tochter tot fuhr, mit einer Geldstrafe davonkommt. "Für mich wäre die einzig gerechte Strafe, dass auch der Unfallverursacher in solchen Fällen lebenslänglich bekommt", so Ulrich Kern. "Ich bin lebenslänglich bestraft worden, Laras Mutter ist lebenslänglich bestraft worden. Lara ist lebenslänglich bestraft worden."

Bei illegalen Autorennen sollen künftig zumindest härtere Strafen gelten, wenn es nach dem nordrhein-westfälischen Justizminister Thomas Kutschaty geht. Denn: Das geltende Recht behandelt solche Rennen als eine verbotene Form der übermäßigen Straßenbenutzung. Das geht Kutschaty nicht weit genug. Nun soll sich der Bundestag in Kürze mit seinem Gesetzesentwurf aus NRW beschäftigen, der vorsieht, dass solche Rennen als Straftat, gar als Verbrechen, eingeordnet werden. In Zukunft, so der Wunsch, sollen strafrechtlich, sehr empfindliche Sanktionen erfolgen und auch die Fahrzeuge und Fahrerlaubnis langfristig eingezogen werden können.

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