HOME

Transsexualität: Erst Mama, dann Papa: Wenn Eltern ihr Geschlecht ändern

Lukas Schuler ist transsexuell. Er war früher eine Frau und wurde Mutter einer Tochter. Als das Mädchen in die Schule kam, wurde Nadine Schuler zum Mann Lukas. Erst Mama, dann Papa - wie schwierig das für beide Seiten ist, berichten Lukas Schuler und seine Tochter Lisa bei stern TV.

Lukas Schuler ist transsexuell und Mutter einer Tochter.

Lukas Schuler ist transsexuell und Mutter einer Tochter.

Auf den ersten Blick sieht man bei Lukas Schuler und der 18-jährigen Lisa ein ganz normales Vater-Tochter-Verhältnis. Allerdings ist Lukas Schuler eigentlich Lisas Mutter, er war früher eine Frau mit dem Namen Nadine und hat das Mädchen zur Welt gebracht. Schon als Kind fühlte Nadine, dass sie im falschen Körper geboren wurde. Dennoch fügte sie sich über Jahre der Frauenrolle. Gegen ihre Gefühle ließ sich Nadine auf eine Beziehung mit einem Mann ein und bekam ein Kind. Doch schon kurz nach der Geburt trennte Nadine sich von Lisas Vater. Als Frau wurde sie immer unglücklicher. Sie bekam Depressionen und fühlte sich unfähig, sich um ihre Tochter zu kümmern. Mit 28 Jahren entschloss sie sich, als Mann zu leben.

Als Lisa in die Schule kam, wurde aus ihrer Mutter Nadine der Vater Lukas – keine einfache Situation für Lisa, die sich manchmal gewünscht hatte "wieder eine Mama zu haben, anstatt nur zwei Papas." In der Schule wurde das Mädchen immer wieder wegen ihres transsexuellen Vaters gehänselt. Doch Lisa hatte auch erlebt, wie sehr Lukas Schuler seinen weiblichen Körper hasste und sich deshalb regelmäßig selbst verletzte. "Ich hätte den feigen Weg nehmen können, habe wirklich darüber nachgedacht, mir das Leben zu nehmen – und ob es besser für Lisa wäre, wenn ich gar nicht mehr da wäre", erzählt Lukas Schuler. "Die andere Alternative war, diesen Weg zu nehmen." Dieser Weg, das waren 12 geschlechtsangleichende Operationen. Er habe entschieden, dass es für seine Tochter besser wäre, ihn als Vater zu haben, als gar nicht mehr.

Der Versuch, Normalität zu erzwingen scheiterte

Lukas Schuler fühlte sich schon immer als Junge, in der Pubertät sei es unerträglich geworden. "Vorher war es ja noch so, dass ich im Spiel sagen konnte: 'Ich bin ein Junge.' Als dann die Brüste kamen, war das total schwierig. Da fing die Selbstverletzung an, da kam der Hass auf den Körper", sagt er.
Mit 22 Jahren lernte Nadine einen Mann kennen, der ihr imponierte mit ihm wollte sie die Normalität erzwingen. Nach Lisas Geburt habe tatsächlich das Weibliche an ihr überwogen, erzählt Lukas Schuler: "Da war schon dieses Muttergefühl. Das ist etwas, das nie weggeht."

Lukas Schuler zog das Mädchen alleine groß – und Lisa fehlte lange Zeit die Mutter, dem war er sich damals bewusst: "Ich kann mir schon vorstellen, dass ihr die weibliche Figur fehlt. Aber im Großen und Ganzen geht es ihr jetzt besser als vorher. Einem Kind geht es nie besser, als der Mutter. Und sie merkt, je glücklicher ich bin, desto glücklicher wird sie auch", sagte Schuler damals.

Wenn die weibliche Bezugsperson fehlt

Zu seinem Glück fehlte ihm nur noch die letzte wichtige Operation: ein Penis. Auch Lisa wusste, wie wichtig diese Veränderung für ihn war. Zwei Jahre später lernte er im Internet eine Frau kennen, die er sogar heiratete. Doch die Ehe hielt nicht lange. Die Frau und Lisa kamen nicht miteinander aus. Lukas Schuler blieb zwei Jahre lang Single, bis er seine große Liebe traf: "Das war ein Jackpot", sagt er noch immer. Alles sei perfekt gewesen, wie eine richtige Familie, auch für Lisa.

Aber auch diese Beziehung sollte nicht halten, sie war schon nach sieben Monaten vorbei. Lukas Schuler stürzte in ein tiefes Loch, erlitt einen psychischen Zusammenbruch. Seine Tochter bekam alles hautnah mit – und war komplett überfordert, erzählt sie: "Er war nicht mehr richtig anwesend. Er hat immer nur von ihr geredet. Ich habe meine Probleme gar nicht mehr angesprochen. Ich habe ihm immer zugehört und immer versucht, ihm zu helfen. Doch ich hatte das Gefühl, er ist einfach ein anderer Mensch."
Lukas kam in eine Klinik und Lisa litt. Einmal mehr suchte sie Rat und Unterstützung bei ihrer Nachbarin Kia Pazold, die als Babysitterin schon in ihrer Kindheit oft für sie da war und ihr in schwierigen Situationen beistand. "Lisa hat in der Kindheit schon irgendwo eine Mama gefehlt", sagt Kia Pazold. Sie sei zwar kein direkter Mutter-Ersatz für Lisa gewesen, aber wie eine große Schwester oder Freundin. Lisa habe ihrer Meinung nach eine feste weibliche Bezugsperson gefehlt.

Neuanfang bringt Vater und Tochter wieder zusammen

Mit 17 Jahren fasste Lisa einen schweren Entschluss und zog in eine Wohngemeinschaft, weil sie die familiäre Situation und  der Nervenzusammenbruch ihres Vaters zu sehr belasteten. Inzwischen besucht sie die 12. Klasse und bereitet sich auf ihr Abitur vor. Sie und Lukas Schuler sind beide sicher, dass sich ihre ungewöhnliche Eltern-Kind-Beziehung nur so dauerhaft stabilisieren kann. Und so kann Lisa jetzt sagen: "Lukas hat die größte Rolle in meinem Leben, weil ich ihn einfach so sehr schätze. Und egal, was gekommen ist, wir haben das zusammen durchgestanden - wirklich immer zusammen."

Themen in diesem Artikel