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Traumatisierte Jesidinnen: Kann es passieren, dass eine IS-Sklavin in Deutschland ihren Peiniger wiedertrifft?

Monatelang soll der IS-Terrorist sie als Sexsklavin missbraucht haben - bis Aschwaq Taalo die Flucht gelingt. Sie schafft es bis nach Deutschland, ist schwer traumatisiert. Ein halbes Jahr später steht ihr Peiniger in Schwäbisch-Gmünd plötzlich vor ihr. Aus Angst flieht sie erneut. Zurück in den Irak.

Aschwaq floh von Deutschland in den Irak zurück.

Aschwaq floh von Deutschland in den Irak zurück.

Als IS-Kämpfer Aschwaqs Dorf im Nordwesten des Irak überfielen, nahmen sie die damals 14-Jährige und 76 weitere Menschen mit. Wenig später sei sie für 100 US-Dollar als Sex-Sklavin und Haushälterin an ein irakisches IS-Mitglied verkauft worden, erzählt Aschwaq Taalo. An einen Mann, der den Kampfnamen Abu Humam trug. 

Die junge Jesidin ist eine von vielen tausend Frauen, die 2014 von der Terrormiliz "Islamischer Staat" verschleppt und versklavt wurden. "Frauen sind als Beute genommen worden, vergewaltigt worden oder 'verheiratet' worden", weiß der Psychologe und Trauma-Experte Dr. Jan Kizilhan. "Die Frauen haben Massenexekutionen von ihren Familienmitgliedern gesehen. Und kleine Kinder ab 8 Jahren, kleine Mädchen, sind vergewaltigt worden." Jan Kizilhan war damals viele Male im Irak, um sich um betroffene Frauen zu kümmern. Inzwischen wurden auf seine Initiative über das so genannte Sonderkontingent Nordirak über 1000 schwer traumatisierte Frauen nach Deutschland geholt, wo er sich der Opfer annimmt.  

Traumaerlebnis oder wahre Begegnung?

Auch Aschwaq Taalo kam nach drei Monaten, die sie unter ihrem Peiniger litt, wieder frei - und im Sommer 2015 im Rahmen des "Sonderkontingents Nordirak" der baden-württembergischen Landesregierung nach Deutschland, nach Schwäbisch-Gmünd. Ein gutes halbes Jahr später passierte das Unfassbare: "Abu Humam" habe plötzlich vor ihr gestanden. In Deutschland, in Schwäbisch-Gmünd. Und vor wenigen Wochen passierte es sogar zum zweiten Mal. Der IS-Kämpfer habe sie sogar angesprochen und sich als Abu Humam zu erkennen gegeben. Aschwaq Taalo meldete ihre Begegnungen wieder den zuständigen Behörden. Doch sie habe jedes Mal gespürt, dass Zweifel an ihren Angaben im Raum gestanden hätten. Sie habe sich nicht genug unterstützt gefühlt. Aus Angst vor einem weiteren Zusammentreffen verließ sie ihre Flüchtlingsunterkunft und kehrte nach Hause zurück, in den Irak. Von dort berichtete sie in einem Video von ihrer Begegnung in Deutschland: "Er hat mich gefragt, ob ich Aschwaq bin", erzählt die 18-Jährige in die Kamera. Er habe gesagt, dass er weiß, dass sie seit 2015 mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in Deutschland ist und auch die Adresse kennt. "Er kennt auf jeden Fall mein ganzes Leben", so Ashwaq, die während der ganzen Begegnung mit dem Mann ihre Identität bestritt und vorgab Türkin zu sein. Doch Abu Humam ließ sich nicht beirren.

Aschwaqs Erlebnis – ihr Video – ging um die Welt: Ist es möglich, dass bei uns in Deutschland Opfer auf IS-Kämpfer treffen? Auch andere Jesidinnen glauben, ihre Peiniger hierzulande wiedergesehen zu haben. stern TV sprach unter anderem mit Ivana und Shirin: "Ich vergesse seine Augen nicht." Auch Aschwaq Taalo erinnert sich an Details der Begegnung: Ein weißes Auto, eine Sonnenbrille – das Muttermal über der Oberlippe.

Jan Kizilhan kennt Aschwaq seit drei Jahren und hält ihre Schilderungen für nachvollziehbar – es müssten zwei Möglichkeiten in Betracht gezogen werden: "So wie sie es erzählt ist es für mich glaubhaft", so der Psychologe. "Es kann aber auch sein, dass sie eine so genannte illusionäre Verkennung oder eine Art Dissoziation erlebt hat." So sei es bei einem derartigen Trauma möglich, dass jemand Aschwaq angesprochen hat, die dem Täter vielleicht ähnlich war. "Sie hat das dann als echt erlebt. Sie sagt nicht die Unwahrheit, sondern aus ihrer Perspektive ist diese Version wahr. Daher müssen wir in beide Richtungen ermitteln." Der Fall liegt mittlerweile bei der Bundesanwaltschaft.

Ermittlungen für betroffene Frauen unbefriedigend

Das Baden-Württembergische Innenministerium bestätigt, dass insgesamt acht Frauen ihre Peiniger wiedererkannt haben wollen – meist auf Fotos in sozialen Netzwerken. Darunter Shirin, die stern TV vor zwei Jahren als eine der im Irak verschleppten und schwer traumatisierten Frauen kennenlernte. Shirin war an neun verschiedene Männer verkauft worden. Einer von ihnen, ein besonders brutaler IS-Kämpfer, vergewaltigte das Mädchen über mehrere Wochen. " Seine Augen. Ich vergesse seine Augen nicht", sagt Shirin. "Er hat mit mir alles gemacht. Wenn ich habe geweint, er hat noch mehr gelacht. Ich vergesse das nie." 

Die Therapie in Deutschland half ihr, sich von dem Erlebten langsam zu befreien. Doch vor zwei Monaten wandte sich die junge Frau aufgewühlt an Jan Kizilhan: Sie habe das Bild ihres Täters in einer WhatsApp-Gruppe gesehen – ihn sofort wiedererkannt. Daraufhin habe er mit der 21-Jährigen die entsprechenden Hinweise und Bildern beim Landeskriminalamt abgegeben. "Sie haben gesagt, dass sie Ermittlungen einleiten werden", so der Therapeut. "Ich denke die glauben mir nicht", sagt Shirin, für die die Ermittlungen nicht schnell genug gehen. Sie könne nicht mehr allein sein, nicht mehr rausgehen – aus Angst. Kizilhan kann die Ungeduld der Irakerinnen und die Diskrepanz, die sie mit den deutschen Behörden erleben, erklären: "Die Jesiden kommen aus einer Diktatur, in der alles kontrolliert wurde, Leute sofort verhaftet wurden – schuldig oder nicht schuldig. Und hier haben sie das Gefühl, in Deutschland ist alles absolut unter Kontrolle und man kann innerhalb weniger Stunden jeden Täter überall finden. Schön wär´s. Aber Gott sei Dank sind wir in keiner Diktatur und müssen rechtstaatlich prüfen und ermitteln, bis wir eine Person finden."

Die Jesidin Ivana ist mit ihren Angaben immerhin nicht allein. Sie habe letztes Jahr einen Täter des IS im arabischen Fernsehen in einem Interview wiedererkannt, in dem er sich als Flüchtling ausgab. Ivana jedoch kannte ihn als Menschenhändler, der sie und andere Frauen verkauft hatte. Andere Jesidinnen sollen den Mann ebenfalls erkannt haben: "Wir können ihn nicht vergessen, wir haben mehrmals sein Gesicht gesehen, seine Stimme gehört. Wie kann man jemanden von ISIS vergessen?", sagt Ivana. Die 21-Jährige hat den Mann offiziell angezeigt, das gebe ihr Kraft, sich zu wehren. Aschwaq lebt mit ihrer Familie jetzt in einem Flüchtlingsheim im Nordirak. Sie sollen einen Antrag gestellt haben, um nach Australien fliehen zu können.