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Türkischer Staatspräsident in Deutschland: So wurde Erdogan-Kritiker Ünsal Arik in Köln beschimpft und beleidigt

Dass der deutsch-türkische Profiboxer Ünsal Arik einer der schärfsten Erdogan-Kritiker ist, ist kein Geheimnis. Auch den Anhängern des türkischen Staatspräsidenten ist das bekannt. Am Rande der Moschee-Eröffnung in Köln gingen sie auf Arik los. 

Ünsal Arik (37) beobachtet die Moschee-Eröffnung in Köln durch Recep Tayyip Erdogan im Hintergrund.

Ünsal Arik (37) beobachtet die Moschee-Eröffnung in Köln durch Recep Tayyip Erdogan im Hintergrund.

"Er hat in meinen Augen nicht das Recht, die Türkei zu repräsentieren", sagt Erdogan-Kritiker Ünsal Arik. "Ein Staatsmann muss auch mit Kritik umgehen können, aber das kann er leider nicht. Das haben wir jetzt alle schon oft genug erlebt."

Der Besuch von Recep Tayyip Erdogan in Deutschland war das beherrschende Thema am Wochenende. Nach Berlin kam der türkische Staatspräsident auch nach Köln, um die Ditip-Zentralmoschee offiziell zu eröffnen und vor seinen Anhängern zu sprechen. Nahe der Moschee im Stadtteil Ehrenfeld versammelten sich rund 1.500 Unterstützer Erdogans, 4.000 Polizeibeamte waren im Einsatz, Straßensperrungen kilometerweit um den Stadtteil. Köln im Ausnahmezustand.

Auch der deutsch-türkische Profiboxer Ünsal Arik ist hingegangen, um die Rede Erdogans zu hören. Sein Anliegen: Mit den Menschen aus der türkischen Community, ob Erdogan-Befürworter oder -Kritiker, ins Gespräch zu kommen und Argumente auszutauschen. Doch kaum angekommen, wird Ünsal Arik immer wieder ohne etwas zu tun am Rande der Menschenansammlung massiv angefeindet und bedroht, muss sich als "Heuchler" und "Spinner", als "unverschämter Landesverräter" beschimpfen lassen. Unter seinen Landsleuten ist er kein Umbekannter. "Du bist Boxer, du Wichser? Ich zeig dir was Boxen ist!" und "Du bist geboren um beleidigt zu werden, du Idiot!“, riefen einige unter Drohgebärden. "Du ähnelst einem Türken überhaupt nicht. Geh mal dein Blut kontrollieren lassen! Das hier ist ein Ort für Türken!"

Ein Mann fühlt sich offenbar provoziert, als Ünsal Arik davon spricht, dass Erdogan nicht der Staatsmann ist, auf den das Volk stolz sein könne. "Das macht mich schon sehr traurig, dass man im 21. Jahrhundert, wo die Bildung so fortgeschritten ist, dass die Menschen immer noch so verblendet und blöd sein können", so Ünsal Arik. Der Mann schimpft, das sei "Schwachsinn", eine Beleidigung, "so eine Meinung darfst du nicht haben!"

Polizei setzt Arik als angeblichen "Aggressor" fest

Immer wieder wird die Situation durch islamische Rufe und Erdogan-Sprechgesänge unterbrochen und übertönt. Einige Anhänger zeigen den Wolfsgruß, ein Symbol der Vereinigung "Graue Wölfe" – türkische Rechtsextremisten. Die umstehenden Männer haben kaum ein Interesse an einem Gespräch mit Ünsal Arik, stattdessen wird die Stimmung immer aggressiver – und wir ziehen uns mit Arik zurück. Ein türkischer Sicherheitsmann folgt dem Team: Er fordert die Dreharbeiten zu beenden und weiterzugehen. Nachdem wir mit Ünsal Arik in eine ruhige Seitenstraße gegangen sind, kommen deutsche Polizisten und setzen den Profiboxer für 30 Minuten fest. Sie wollen Ariks Ausweis sehen, diskutieren mit unserer Reporterin. Ünsal Arik sei von Umherstehenden als Aggressor gemeldet worden, dem seien sie nachgegangen, so die Polizisten.

Ünsal Arik kritisiert vor allem, wie viel Aufwand für Erdogan betrieben wird, dass er staatsmännisch empfangen wird – und das auf Kosten deutscher Steuerzahler. Deutschland habe damit seiner Meinung nach das falsche Signal gesendet: "Somit zeigen sie ihm ja: 'Hey, ich kann über euch reden wie ich will, ich werde trotzdem wie ein König empfangen!' Und das zeigt seinen Anhängern in Deutschland wiederum: 'Unser Präsident hat wieder dicke Eier! Er kann sagen und tun, was er will, er wird trotzdem wie ein König empfangen!', so der 37-Jährige. "Anscheinend muss man heutzutage unschuldige Menschen einsperren und töten, damit man einen roten Teppich bekommt. Der rote Teppich ist eigentlich für Ehrengäste gedacht. Für Menschen. Für Staatsmänner, die man gerne empfängt und nicht für einen Diktator."

Kaum Gesprächsbereitschaft, dafür Provokationen und Beleidigungen

stern TV hat Ünsal Arik vor der Veranstaltung auch zur Keupstraße begleitet, eine Straße im Kölner Stadtteil Mülheim, wo hauptsächlich kurdisch- und türkischstämmige Geschäftsleute ihre Läden haben. Doch auch dort wollte niemand mit Arik über Erdogan sprechen. Die haben Angst in Deutschland ihre Meinung zu äußern, weil ihre Landsleute dann nicht mehr in den Laden kommen würden, weil damit vielleicht auch ihr Geschäft kaputt gehen würde. Oder weil sie Verwandte in der Türkei haben", so Arik Ünsal. Nur ein einzelner traute sich, seine kritische Haltung gegenüber Erdogan zu äußern: Er sei Ariks Meinung, Erdogan sei ein Diktator, der Menschenrecht nicht achte. "Wenn ich jetzt hier rede, wenn sie mich vielleicht hören, dann bin ich nächsten Monat auch im Knast. Wer gegen Erdogan ist, der geht in den Knast", sagt der Mann.

Ünsal Arik hat an diesem Tag in Köln nur wenige Menschen getroffen, die sich wirklich mit ihm unterhalten und Argumente austauschen wollten. Die Mehrheit habe sich leider so benommen, wie er es erwartet habe: "Provokativ, beleidigend – das war einfach nicht schön."

Studiogespräch mit Ünsal Arik: "Die deutsche Polizei hat sich verarschen lassen"