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Undercover im Versuchslabor: Die Debatte über Tierversuche am Max-Planck-Institut

Die heimlichen Aufnahmen aus einem Max-Planck-Tierversuchslabor haben ein enormes Echo ausgelöst. Auch die Max-Planck-Gesellschaft meldete sich zu Wort - und erhob Vorwürfe gegen den Tierschützer.

Im September 2014 zeigte stern TV Bilder aus den Versuchslaboren des Max-Planck-Instituts in Tübingen, die ein Tierschützer mit versteckter Kamera aufgenommen hatte.


Vergangene Woche hatten stern TV in einem Beitrag über das Leiden der Versuchstiere im Max-Planck-Institut in Tübingen berichtet. Allein auf der Facebook-Seite von stern TV gab es mehr als 5000 Kommentare dazu, der Online-Artikel zum Thema "Leiden für die Wissenschaft" verbreitete sich fast 16.000 Mal in dem sozialen Netzwerk. Hunderte Zuschauer schrieben E-Mails an die Redaktion. Die meisten waren fassungslos über die Bilder, die Tierschützer Pawel (Name geändert) mit versteckter Kamera in dem Institut gedreht hatte, als er dort als Pfleger angestellt war.

Auch die Max-Planck-Gesellschaft hatte auf den Bericht reagiert – und eine sachliche Auseinandersetzung mit der Grundlagenforschung gefordert. Sie erhob außerdem schwere Vorwürfe gegen Pawel. Es wäre seine Pflicht gewesen, "den Tierarzt zu verständigen, anstatt ein schwerkrankes Tier zu filmen", heißt es in der Stellungnahme der Max-Planck-Gesellschaft. Auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hat sich via Facebook zu dem Bericht geäußert. Ihm hätte das Max-Planck-Institut "sehr plausibel erklärt, dass die Bilder das Ergebnis einer Manipulation sind. Die Tiere wurden, nach allem was ich in Erfahrung gebracht habe, ihrem Leid von den vermeintlichen Tierschützern ausgesetzt, um spektakuläre Bilder zu erzeugen", so der Grünen-Politiker.

Tierschützer reagiert auf Vorwürfe

"Die ganzen Vorwürfe finde ich einfach absurd" sagte Pawel daraufhin zu stern TV. "Wie hätte ich die Bilder manipulieren sollen? Die Tiere sind ja im Käfig drin. Ich kann da nichts stellen, sondern es wird vorgegeben: 'Das Tier wird an dem Tag operiert, das Tier kommt an dem Tag in die Behandlung …' und man dokumentiert das, was im Institut passiert. Wir müssen gar keine Bilder stellen, weil die Bilder so schon schlimm genug sind." Die Reportage habe die Menschen einfach berührt, so der Tierschützer. "Die waren sich dessen gar nicht bewusst, dass so was in Deutschland zugelassen ist, ganz davon zu schweigen, dass so was passiert." Er meint: "Das Problem, das wir sehen, ist dieser Forscher-Bonus, den das Max-Planck-Institut hat. Niemand hat sich an uns gewendet und gefragt: 'Sie waren drin, erzählen Sie uns davon.' Das Regierungspräsidium, Oberbürgermeister Boris Palmer, geht zum Max-Planck-Institut und fragt dort 'Was haben Sie denn gemacht?' Und wenn man sich auf diese Weise Informationen beschafft, kann man keine objektive Debatte zu dem Thema führen." Wenn man eine objektive Debatte wolle, dann gehöre dazu auch, die Meinung und die Informationen von den Tierschützern einzuholen.

Die Gelegenheit einer Debatte und Auseinandersetzung gab es am Mittwochabend: Live bei stern TV diskutierten die Tierschützer Pawel und Friedrich Mülln von der "Soko Tierschutz" mit den Tierschutzbeauftragten Silvia van Keulen und Almut Schüz vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen. "Viele Bilder haben uns bestürzt", so van Keulen im Gespräch. Die Bilder von Affen, die sich an blutenden Wunden reißen, hätte sie "im Institut noch nie gesehen", sondern das erste Mal bei stern TV. Sie sagte: "Das ist nicht der Alltag im Institut."
Pawel entgegnete in der Diskussion, er habe binnen sechseinhalb Monaten zwei solcher Fälle dokumentieren können: "Wenn Sie von solchen Bildern nicht wissen, muss man ihre Position als Tierschutzbeauftragte in Frage stellen", so der ehemalige MPI-Tierpfleger. "Beide Tiere haben postoperativ an den Implantaten gezerrt. Ihre Köpfe waren blutig."

Grünen-Politikerin fordert Aussetzung der Tierversuche

Unterdessen hatte sich die Landesvorsitzende der Grünen, Thekla Walker, zu der Debatte geäußert und die Aufnahmen des Tierschützers verteidigt, dem Manipulation vorgewurfen wurde: "Mir ist nicht ganz klar, wie so viel Filmmaterial und die ganzen Aussagen jetzt auf die Art und Weise diskreditiert werden können", so die Politikerin zu stern TV. "Ich finde, das MPI soll selber Beweise vorlegen. Und im Übrigen bin ich der Meinung, wäre es eigentlich auch angemessen vom MPI, mal zu überlegen, ob man nicht mit den Versuchen aussetzt, bis alle Vorwürfe lückenlos geklärt sind."

Max-Planck-Gesellschaft kündigt Maßnahmen an

Die Max-Planck-Gesellschaft hat reagiert und nach interner Prüfung der Vorgänge Maßnahmen ankündigt: Es sei ein deutlicher Verbesserungsbedarf in der Organisation festgestellt worden. Darüber hinaus stieße die tierärztliche Betreuung der Primaten an ihre Kapazitätsgrenzen. Deshalb würde man sofort und dauerhaft zusätzliche externe tierärztliche Kapazitäten verfügbar machen, heißt es in einer neuen MPG-Stellungnahme zur Berichterstattung von stern TV. Außerdem soll die Beobachtung der Primaten nicht nur tagsüber, sondern auch in der Nacht nach der Operation personell sicher gestellt werden. Und: Das Institut will zukünftig auf den Einsatz der Führstange bei Trainingsmaßnahmen verzichten. Die Genehmigungsanträge für weitere Versuche seien vorerst ausgesetzt.