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Unruhen in Chemnitz: AfD-Aussteigerin: "Merkel als Sündenbock haben wir uns ausgedacht"

Die Geschehnisse in Chemnitz rütteln die Republik auf. Bei stern TV sprechen zwei Frauen darüber, wie es sich anfühlt, Sachse zu sein. Franziska Schreiber, ehemaliges AfD-Mitglied, erklärt die Fremdenfeindlichkeit innerhalb der Partei.

stern TV-Studiotalk zu Chemnitz am 29.08.2018: Ehemaliges Parteimitglied Franziska Schreiber: "Für die AfD ist das ein Glücksfall!"

Nicht Trauer zieht sein Tod nach sich, sondern Wut. Die Nachricht, dass ein 35-Jähriger während des Chemnitzer Stadtfestes getötet wurde, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Ein Syrer und ein Iraker waren dringend tatverdächtig, den Mann erstochen zu haben. Der Grund, weshalb es keine lokale Meldung blieb: Seit die Festnahme der beiden Flüchtlinge am Sonntag bekannt wurde, brechen sich Hass und Fremdenfeindlichkeit in den sozialen Netzwerken Bahn. Auf den Straßen von wird seit Tagen die rechte Grundhaltung von zahlreichen Gruppierungen unverhohlen demonstriert. Mittendrin: Bürger aus der Mitte der Gesellschaft. Die Menschen nutzen den Fall, um sich Luft zu machen. Über die "Messermigration", über die Ausländer, die "Lügenpresse", Angela Merkel und das System. Auch die AfD, immerhin in Sachsen zweitstärkste Partei, schürt die Stimmung mit entsprechenden Posts bei Facebook. Von "Merkels Messer-Männern" ist dort beispielsweise zu lesen.

Es wird langsam etwas unangenehm, Sachse zu sein. ist zur Zeit kein Bundesland auf dass man stolz ist. Die Welt schaut auf Sachsen und was sieht sie?! Brandanschläge, Nazidemos, unzufriedene Menschen, Wut, Groll, Hass. Das schrieb Priska L. schon 2016 in ihrem Blog. Die Mutter von drei Kindern ist in Sachsen groß geworden, lebt in Leipzig. Wie ihr geht es in diesen Tagen womöglich auch anderen Sachsen – doch kaum jemand traut sich, das gerade jetzt offen zu sagen. Ausgenommen diese beiden Frauen: Live in der Sendung sprach Steffen Hallaschka mit Priska L. und AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber über das aktuelle Leben und Erleben in Sachsen. 

"Für die AfD ist das ein unheimlicher Glücksfall"

Trotz öffentlicher Trauerbekundungen vieler AfD-Politiker als Reaktion auf den Tod des 35-Jährigen in Chemnitz sei die Stimmung innerhalb der Partei eine andere, sagte Franziska Schreiber im Gespräch bei stern TV: "Für die AfD ist das ein unheimlicher Glücksfall. Man darf sich da nicht von den Trauerbekundungen täuschen lassen", so die ehemalige Vorsitzende der AfD-Jugendorganisation. Schreiber erklärte, schon nach dem Attentat auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz im Jahr 2016 habe innerhalb der Partei regelrecht Freude geherrscht. "In den internen Gruppen ging damals die Party los. Die Leute haben sich gefreut, weil sie gesagt haben: 'Jetzt endlich sehen die Leute, dass wir die ganze Zeit Recht hatten.' Und genau so ist die Reaktion jetzt auch, da bin ich ganz sicher."

Franziska Schreiber war im Jahr 2013 in die Partei eingetreten, vier Jahre später – kurz vor der Bundestagswahl 2017 – trat sie wieder aus. Damals erklärte sie, sie habe innerhalb der Partei "gelebte Fremdenfeindlichkeit" mit erlebt. Bei stern TV betonte sie, dass Parolen wie "Merkels Tote" oder "Merkel hat die Grenzen geöffnet" zu ihrer Zeit von AfDlern ganz bewusst eingeführt wurden: "Das Narrativ, Merkel hätte die Grenzen geöffnet, das haben wir ganz bewusst erstmal gesetzt. Das ist ja nie passiert", so Schreiber. "Das haben wir uns als Funktionäre in der AfD-Jugendorganisation ausgedacht." Die Binnengrenzen der EU seien schließlich schon viele Jahre zuvor offen gewesen, Kontrollen an deutschen Grenzen hätten sogar gegen europäisches Recht verstoßen. Diese ganzen Parolen, die von den Rechtspopulisten instrumentalisiert werden, müsse man vor diesem Hintergrund sehen. Dass nämlich die AfD damit einen Sündenbock geschaffen hätte und somit jedes Thema auf die Flüchtlingskrise beziehen könne. Die breite Masse steige mit darauf ein, weil die Menschen in Sachsen und anderswo aufgrund von empfundener sozialer Ungerechtigkeit dieses Feindbild bräuchten, um die eigene Situation zu erklären und zu ertragen, so die Einordnung von Priska L.

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